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    Dedowschtschina - ein Wort aus dem Neurussischen

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    Schikanen von Dienstälteren an Rekruten werden in der Juristensprache als "vorschriftswidrige Beziehungen" bezeichnet. Das Volk nennt sie ohne Umschweife "Dedowschtschina".

    MOSKAU, 27. Januar (Boris Kaimakow, RIA Novosti). Neben den russischen Wörtern Sputnik, Molotow-Cocktail und Wodka kommt jetzt auch der Begriff "Dedowschtschina" ins internationale Lexikon. Er wird vom Wort "Ded" (russisch "Großvater") abgeleitet. so werden bei der russischen Armee altgediente Soldaten bezeichnet. Die "Großväter" nehmen eine führende Position in der Soldatenhierarchie ein. Als Hauptstützen der Offiziere sorgen sie für Ordnung und Disziplin in der Kaserne. Nicht selten wälzen die Offiziere auf diese Kategorie der Soldaten sämtliche Alltagsprobleme und die Kontrolle über die Einhaltung der Dienstvorschriften ab. Öfters wird diese Kontrolle mit brutalen Mitteln ausgeübt. Da die Schikanen von Dienstälteren an Rekruten über den Rahmen der Dienstvorschriften hinausgehen, werden sie in der Juristensprache als "vorschriftswidrige Beziehungen" bezeichnet. Das Volk nennt sie ohne Umschweife "Dedowschtschina".

    Dieser Tage kann sich Russland kaum vom Schock erholen: Einem jungen Soldaten aus der Panzerschule Tscheljabinsk mussten beide Beine und die Genitalien amputiert werden, nachdem er in der Silvesternacht von Dienstälteren misshandelt worden war. Diese hatten den jungen Mann gezwungen, mehr als drei Stunden lang halb hockend zu sitzen. Bei jedem Versuch, sich zu bewegen, wurde er brutal zusammengeschlagen. Ärzte wurden zu ihm erst drei Tage später zugelassen, als klar wurde, das es zu einer Gangrän kommt.

    Im Prinzip ist das Drangsalieren von Rekruten bei der russischen Armee durchaus üblich. Die Menschenrechtsorganisation "Komitee der Soldatenmütter" hat wiederholt Angaben über "Dedowschtschina" publik gemacht. Allein 2005 kamen laut Informationen der Militäroberstaatsanwaltschaft 561 Armeeangehörige unter anderem auch infolge von Dedowschtschina bzw. fahrlässiger Tötung ums Leben.

    Die Jugendlichen wissen von der Dedowschtschina und geben sich alle mögliche Mühe, um dem Grundwehrdienst aus dem Wege zu gehen. Dabei greifen sie zu allen möglichen Mitteln: von Bestechung der Einberufungsstellen bis hin zur Freistellung aus medizinischen Gründen, die ebenfalls gegen Schmiergeld zu kaufen ist. Im Ergebnis werden hauptsächlich junge Leute aus finanziell schlechter gestellten Bevölkerungsschichten zum Wehrdienst eingezogen, was zu einer Marginalisierung des Armeepersonals führt. Die Versuche des Komitees der Soldatenmütter, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf dieses Problem zu lenken, scheitern am Widerstand der Generäle und vieler Parlamentarier. Diese sehen darin die Bestrebung, die Armee zu schwächen und von innen zu zersetzen. Das um so mehr, als das Komitee der Soldatenmütter zu den regierungsunabhängigen Organisationen zählt, von denen viele aus dem Ausland finanziert werden. Eine heftige Diskussion darüber wurde ausgerechnet vor wenigen Tagen ausgelöst, nachdem Russlands Inlandsgeheimdienst FSB britischen Diplomaten in Moskau Spionage und Finanzierung machtkritischer Nichtregierungsorganisationen vorgeworfen hatte. Bei seinem jüngsten Treffen mit der deutschen Bundeskanzlerin, Angela Merkel, verwies der russische Staatspräsident, Wladimir Putin, darauf, dass die Finanzierung russischer Nichtregierungsorganisationen durch ausländische Geheimdienste die Menschenrechtler in den Augen der Öffentlichkeit diskreditiere.

    Doch nach dem Vorfall in der Tscheljabinsker Panzerschule kann sich das Verteidigungsministerium nicht mehr über die Forderungen des Komitees der Soldatenmütter hinwegsetzen. Das Geschehnis rief selbst im militärischen Milieu Empörung hervor, woraufhin Verteidigungsminister Sergej Iwanow bei einer öffentlichen Ansprache im Fernsehen eine genaue Ermittlung forderte. Nach Tscheljabinsk wurden ranghohe Generäle geschickt, die Staatsanwaltschaft nahm die Ermittlungen auf. Verhaftet wurden mehrere Soldaten und Offiziere der Panzerschule. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums deutete anfangs sogar an, die Schule werde aufgelöst. Kurz darauf wurde diese Erklärung jedoch vom Verteidigungsamt selbst dementiert. Soldat Sytschow liegt jetzt im kritischen Zustand im Krankenhaus.

    Zweifellos werden Sytschows Peiniger bestraft. Einige werden degradiert und aus der Armee entlassen, andere werden zu Haftstrafen verurteilt. Wird das aber die künftigen jungen Soldaten vor Verhöhnungen durch ältere Kameraden retten? Die Befürworter der Berufsarmee sagen nein, weil das Hauptproblem (mit der Umstellung der Armee auf Vertragsgrundlage) nicht gelöst wird. Sie plädieren für eine Armee nach dem westlichen Muster. Das solle eine Berufsarmee mit gutem Sold für die Offiziere sein, die in der Gesellschaft und von sich selbst geachtet würden. Die Soldaten sollten auf Vertragsbasis dienen. Nur so könnte das Problem der "Dedowschtschina" beseitigt werden.

    Der Vorfall in Tscheljabinsk ließ noch ein Problem aufkommen. Es erhebt sich die Frage nach dem psychischen Zustand der Soldaten, die sich gegenüber ihren Kameraden sadistisch verhalten. Darf man solchen Armeeangehörigen komplizierte Waffen anvertrauen? Es besteht die Gefahr, dass diese Waffen nicht sanktioniert eingesetzt werden könnten.

    Diese Frage wurde Generälen gestellt. Generaloberst Nikolai Resnik, Chef der Hauptabteilung Erziehungsarbeit der russischen Streitkräfte, sagte: "Wir hatten der Staatsduma vorgeschlagen, den Einsatz von Polygraphen, der so genannten Lügendetektoren, zu genehmigen."

    Es ist laut Resnik erforderlich zu verhindern, dass Armeeangehörige mit kranker oder instabiler Psyche ihren Dienst in einigen Waffengattungen ableisten. Das betreffe unter anderem die strategischen Raketentruppen, die Truppen der Luftverteidigung, die Unterwasserflotte, die Fliegerkräfte und die Panzertruppen.

    "Ein kranker Armeeangehöriger kann nicht nur eine außerordentliche Situation, sondern sogar eine Tragödie verursachen, darunter auch von globalem Maßstab", sagte der russische General.

    Bislang wurden derartige Erklärungen nur von unabhängigen Experten und Menschenrechtlern abgegeben. Jetzt schließen sich dem auch Generäle im Verteidigungsministerium an.

    Die Fotografien (die russische Armee)

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