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    Russlands Zukunft liegt in Ostsibirien und Fernen Osten

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    In Ostsibirien und im Fernen Osten liegen die meisten russischen Erdöl- und Erdgasvorräte. Zugleich ist die Unterentwicklung dieser Regionen die größte Gefahr für die territoriale Integrität des Landes.

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    MOSKAU, 07. Januar (Dr. oec. Igor Tomberg für RIA Novosti). Die meisten Analytiker sprechen jetzt von einer Umkehr der russischen Außenpolitik in Richtung seiner östlichen Nachbarn. Der Kurs auf eine engere Partnerschaft mit China, Indien und allen Staaten des Asiatisch-Pazifischen Raums musste sich auf Moskaus Politik in den eigenen ostrussischen Provinzen auswirken. Die Entwicklung der Wirtschafts-, Verkehrs- und Sozialinfrastruktur in Sibirien und im Fernen Osten stufte Russlands Präsident Wladimir Putin als eines der wichtigsten Ziele seiner zweiten Amtszeit ein. Nicht umsonst führte die in diesem Jahr erste Reise Putins nach Jakutien, die entlegene russische Riesenregion im fernen Ostsibirien.

    Diese Reise demonstrierte eine neue Politik des Zentrums gegenüber den Regionen. Putin stellte die republikanische Führung und die Regierung in Moskau vor eine neue Aufgabe: Umsetzung der Nationalen Projekte. Es geht unter anderem um die Verbesserung des Sozialschutzes, um die Förderung der Öl- und Gasindustrie Ostsibiriens, um den Ausbau des regionalen Verkehrsnetzes (Eisen- und Straßenbahnen) wie um die Erschließung neuer Kohlevorkommen und eine Entwicklung der Landwirtschaft.

    In Sibirien werden knapp 90 Prozent des gesamten russischen Erdgases, 70 Prozent des Erdöls und der Kohle gewonnen. Dort sind die meisten russischen Reserven an Bunt- und Edelmetallen und die Hälfte der Holzvorräte konzentriert. Mehr als 50 Prozent der Wasser- und Wasserenergieressourcen des Landes entfallen auf Sibirien.

    Präsident Wladimir Putin macht sich stark für den Aufbau eines einheitlichen Förder- und Transportsystems in Ostsibirien und im Fernen Osten. Auf Ostsibirien entfallen etwa 14 Prozent der russischen Ölvorräte (ca. zehn Milliarden Tonnen sicher gewinnbarer Reserven). Der russische Schelf, insbesondere in der Arktis, ist einmalig reich an Erdgas. Dort liegen ca. 30 Prozent der gesamten Gasreserven des Landes. Etwa 20 Prozent (über 40 Billionen Kubikmeter) entfallen auf Ostsibirien, Jakutien und Sachalin. Der beträchtliche Umfang der bereits erkundeten und vermuteten Gasreserven in Ostsibirien und im Fernen Osten bietet die Möglichkeit, neue Gasförderzentren in der Region zu schaffen, die Erdgas sowohl auf den Binnenmarkt als auch ins Ausland liefern werden. Nach einem Programm zur Schaffung eines einheitlichen Systems für Gasförderung, -transport und -versorgung in Ostsibirien und im Fernen Osten kann die Gasproduktion in der Region schon zum Jahr 2015 auf mehr als das Zehnfache und bis 2020 auf das 15fache gegenüber 2006 steigen.

    Um diese Reichtümer in Anspruch zu nehmen, wären jedoch beträchtliche Investitionen notwendig. Laut Schätzungen des Instituts für Erdöl- und Erdgasgeologie (Sibirische Filiale der Russischen Wissenschaftsakademie) müssten ca. 26,5 Milliarden Dollar bis zum Jahr 2020 in die geologische Erkundung gesteckt werden. Um die Ölförderung in Ostsibirien bis zum Jahr 2030 auf 80 Millionen Tonnen aufzustocken, müssen mindestens 14,5 Milliarden Dollar investiert werden, plus 2,8 bis drei Milliarden Dollar auf dem Schelf von Sachalin. Selbst bei einem durchschnittlichen Ölpreis von 26 Dollar pro Barrel wären das nur noch etwa zwei Prozent vom Wert der verkauften Erdgas- und Erdölmengen, was deutlich unter den gewöhnlichen Ausgaben der Ölfirmen liegt. Mit anderen Worten: Die Erkundungsprojekte versprechen effizient zu sein und könnten künftig große Investoren anlocken. Dem aktuellen Plan zufolge werden in den Jahren 2005 und 2006 jährlich mindestens 650 Millionen Dollar in diese Region investiert.

    Wladimir Putin betrachtet die Entwicklung der Öl- und Gasindustrie in Ostrussland als eine der Stützen des Wirtschaftswachstums in ganz Ostsibirien. Das bietet die Möglichkeit, nicht nur den Eigenbedarf ostrussischer Regionen zu decken, "sondern auch Energieträger in die Staaten des Asiatisch-Pazifischen Raums zu liefern", sagte der Präsident.

    Ein wichtiger Schritt in diese Richtung vollzog sich vor wenigen Tagen mit dem Start der Förderarbeiten am Öl- und Gasfeld Werchnetschonskoje. Aus diesem Ölvorkommen soll künftig die geplante Pipeline von Ostsibirien nach Pazifik gespeist werden (Tajschet-Nachodka).

    Der Bau der Pipeline, die Putin als ein gesamtnationales Projekt eingestuft hat, soll im Sommer beginnen. Das Projekt soll Russland mehr Unabhängigkeit in der Asiatisch-Pazifischen Region verschaffen und die Entwicklung des russischen Fernen Ostens und Ostsibiriens forcieren. Die Inbetriebnahme der Ölleitung im Jahre 2008 wird zudem der Region Primorje ermöglichen, auf Subventionen zu verzichten. Durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze und durch zusätzliche Steuereinnahmen sollen binnen fünf Jahren etwa 1,2 Milliarden Dollar im regionalen Etat eingespart werden.

    Darüber hinaus ermöglicht die Pipeline ostrussischen Provinzen eine Einbindung in die zügig wachsende Wirtschaft der Asiatisch-Pazifischen Region. Noch 2003 hatte Präsident Putin beim APEC-Gipfel in Bangkok Russland als den wichtigsten Garanten der Energiesicherheit im Asiatisch-Pazifischen Raum positioniert. Im Rahmen der APEC schenkt Russland dem Thema Energie traditionsgemäß große Aufmerksamkeit.

    Vor dem Hintergrund schnell zunehmender Öl- und Gaspreise wird die stürmisch wachsende Asiatisch-Pazifische Region immer mehr auf Importe der Energieträger angewiesen sein, konstatiert David Kim, Chef der südkoreanischen Industriegruppe Daesung. Bis zum Jahr 2030 könne diese Abhängigkeit auf 66 Prozent zunehmen. Von den 21 Mitgliedstaaten der APEC ist nur Russland ein großer Öl- und Gaslieferant.

    Zugleich gibt es im östlichen Russland vielmehr Probleme als im europäischen Teil des Landes. Manche Analytiker sehen in der jetzigen Situation in Ostsibirien und im Fernen Osten die größte innere Gefahr für das Land und dessen territoriale Integrität. Seit dem Zerfall der Sowjetunion stecken diese Regionen in einer tiefen Krise. Deshalb ist es jetzt lebenswichtig, zu erreichen, dass Sibirien und der Ferne Osten gleichzeitig im Bestand der russischen Föderation bleiben und sich dabei in die zügig entwickelnde Asiatisch-Pazifische Region einbinden.

    In den 1970er Jahren wurde in Westsibirien ein Riesenprojekt abgewickelt, bei dem innerhalb einer kurzen Zeit und unter enormem material-technischem und finanziellem Aufwand ein neues, beispiellos großes Erdöl- und Erdgasrevier erschlossen wurde. Heute wird eine Parallele zu dem so genannten Ostprojekt gezogen, das eine wirtschaftliche, politische und demographische Erschließung Ostsibiriens und des Fernen Ostens vorsieht.

    Bei einem derart großen Projekt kommt es vor allem darauf an, an die Erschließung der Reserven komplex heranzugehen und den Schwerpunkt nicht auf eine maximale Ausbeutung der Bodenschätze, sondern auf die verarbeitende Industrie und auf Produktion von Fertigerzeugnissen zu legen. In Bezug auf ostrussische Regionen muss es sich nicht nur um einen Ausbau der Erdöl- und Erdgasförderung handeln, sondern um ein komplexes Ressourcenprojekt, welches die wichtigsten Bereiche des Lebens der Nation umfasst. Eine Alternative zu dieser "Umkehr in Richtung Osten" hat Russland nicht.

    Dr. oec. Igor Tomberg ist führender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaft der Russischen Wissenschaftsakademie.

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