22:44 19 August 2017
SNA Radio
    Meinungen

    Russland gibt Ungarn die Bücher der Bibliothek von Sarospatak zurück

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 8 0 0

    Deutschland verlangt von Russland das Gold von Schliemann, Griechenland fordert von Deutschland die Rückgabe des Pergamonaltars... Dem nervösen Durcheinander der wechselseitigen Ansprüche muss Einhalt geboten werden.

    * * *

    MOSKAU, 14. Februar (Anatoli Koroljow, RIA Novosti). Die Nachricht über den Beschluss der russischen Staatsduma, Ungarn die altertümlichen Bücher aus der Bibliothek von Sarospatak zu übergeben, fiel zeitlich mit dem Beschluss der Universität Heidelberg zusammen, Griechenland einen Teil des vom großen Phidias gemeißelten Parthenon-Gesimses zurückzugeben.

    Allerdings handelt es sich bei dem Letzteren lediglich um ein kleines Fragment, kaum größer als ein Buch, mit der Darstellung eines Beinteiles.

    Die Nachricht wurde vom Vizerektor der deutschen Universität Angelos Chaniotis, einem geborenen Griechen, bekannt gegeben, und wahrscheinlich spielte gerade er beim Fassen besagten Beschlusses die entscheidende Rolle. Aber das griechische Kulturministerium gab eine Erklärung in dem Sinne ab, dass der edle Beschluss der Universität eine zutiefst symbolische Geste sei, der schließlich auch Taten folgen würden.

    Griechenland gehört tatsächlich zu den Ländern der Welt, die mehr als alle anderen ausgeraubt wurden.

    Im Zentrum von Berlin liegt das antike Museum, in dem der ganze Pergamonaltar in vollem Umfang und geniale Gesimse mit hunderten Marmorfiguren zu sehen sind, und vor diesem Hintergrund nimmt sich das Bein aus Heidelberg, das muss schon gesagt werden, recht bescheiden aus.

    Aber einem geschenkten Gaul ...

    Zurück zu den ungarischen Büchern.

    Die Bibliothek von Sarospatak zählt 134 Bände. Vor dem Krieg gehörte sie dem reformistischen College der Theiss-Eparchie der Ungarischen Reformkirche in Budapest. Die ersten, die sich an ihr vergriffen hatten, waren hitlerische Liebhaber des gedruckten Wortes. Obwohl Ungarn im Zweiten Weltkrieg mit Deutschland verbündet (allerdings später von den Deutschen okkupiert) war, wurde die Bibliothek beschlagnahmt und von Budapest ins "Dritte Reich" verfrachtet. Dort fiel sie der sowjetischen 49. Armee in die Hände, in die Verfügung des sowjetischen Hauptmanns Pjotr Jegorow, der damals der Kommandant von Sarospatak war. Die Wanderung der Bücher endete letztendlich in der UdSSR, wo die erbeutete Sammlung in die wissenschaftliche Bibliothek von Nischni Nowgorod (damals Gorki) eingegliedert wurde.

    Im Unterschied zu den sowjetischen Regeln, alles streng geheim zu halten, gab das neue, demokratische Russland praktisch alles, was es aufbewahrte, bekannt - und lieferte sich einem ständigen Feuer der Kritik aus. Während der Perestroika gaben wir sogar die Zeitschrift "Trofeji" heraus, in der, Heft für Heft, alles aufgezählt wurde, was wir im Ergebnis des Krieges erhalten hatten. Wir meinten, Europa werde unseren hohen Sinn zu schätzen wissen. Umsonst! Heute sehen wir uns zahlreichen Forderungen gegenüber, dies und jenes und noch ein Drittes zurückzugeben. Als Nr. 1 rangiert die legendäre Sammlung des Troja-Goldes aus Schliemanns Sammlung.

    Russlands Standpunkt ist bekannt: Die Kulturwerte, die im Verlauf des Zweiten Weltkriegs auf das Territorium der UdSSR verlagert wurden und sich dort im Eigentum Russlands befinden, können in vier Fällen zurückgegeben werden: wenn es sich um das Eigentum von Opfern des Holocaust, um das Eigentum von Opfern des Nazismus oder das Eigentum von Staaten handelt, die nicht gegen die UdSSR Krieg geführt hatten. Und schließlich, wenn diese Werte religiösen Organisationen gehörten.

    Die ungarische Büchersammlung fällt gerade unter diesen vierten Punkt der Gesetzgebung.

    Der Fall der Bibliothek von Sarospatak gibt eine Chance, wenigstens den kulturellen Dialog zwischen Russland und Ungarn wieder aufzunehmen, zumal die ungarische Seite verspricht, den Namen von Hauptmann Jegorow, der faktisch in jener schicksalhaften Stunde die Bücher vor dem Untergang gerettet hatte, zu verewigen.

    Die 134 Bücher sind nicht eine einzige Geste, wie im Falle der Universität Heidelberg, sondern ganze 134 edle Gesten.

    Zum Schluss dieser beiden Geschichten muss ich doch sagen, dass die Situation in Europa in Wirklichkeit bis zur Weißglut erhitzt ist. Deutschland verlangt von Russland das Gold von Schliemann und die vom sowjetischen Offizier Baldin gerettete Sammlung von Zeichnungen aus der Bremer Kunsthalle. Griechenland fordert von Deutschland die Rückgabe des Pergamonaltars, und die Liste derjenigen, die Skulpturen des Parthenons geraubt hatten, ist direkt endlos. Heute werden Fragmente des altgriechischen Meisterwerks im Louvre, in Wien, den Museen des Vatikans, in Kopenhagen, Straßburg, in den Museen von Cambridge, Würzburg und Palermo aufbewahrt. Doch der größte Teil der Parthenon-Plastiken befindet sich im British Museum.

    Großbritannien hatte die kostbaren Scherben beim Osmanischen Reich (zu dem einst Griechenland gehörte) erworben und besteht darauf, dass das Geschäft gesetzlich gewesen sei. Griechenland ist damit absolut nicht einverstanden und beruft sich darauf, dass dieser Kauf ohne die Zustimmung der Griechen getätigt worden sei, die unter den türkischen Okkupanten geschmachtet hätten.

    Wirklich ein sehr gewichtiges Argument.

    Gleich Griechenland lebt sich Ägypten immer intensiver in die Rolle eines ausgeraubten Landes ein. Hier lauert tatsächlich eine Atombombe auf die Zukunft der europäischen Kultur. Werden Ägyptens Ansprüche für gerecht befunden, so wird alles zurückgegeben werden müssen, was bereits die Alten Römer ausgeführt hatten, beispielsweise der ägyptische Obelisk auf dem Petersplatz in Rom. Die Zahl solcher Obelisken beträgt allein in Rom 13. Die aus Granit gemeißelten "Stifte" zu Ehren des Sonnengottes Ra schmücken sowohl Paris als auch London.

    Auch einige Petersburger Sphinxe wird man demontieren müssen, insbesondere diejenigen, die schon seit über 200 Jahren gegenüber der Kunstakademie am Newa-Ufer schlummern.

    Dem nervösen Durcheinander der wechselseitigen Ansprüche muss, bevor es seine Kulmination erreicht hat, Einhalt geboten werden: durch eine offene Erörterung des Problems auf höchster internationaler Ebene, zum Beispiel unter der Ägide der UNO.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren