20:41 15 November 2018
SNA Radio
    Meinungen

    Russland - zu einer homosexuellen Revolution nicht bereit

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 01

    Nur eine ganz kleine Gruppe von Russen sieht in der homosexuellen Revolution im Westen einen Triumph des Kampfes für die Menschenrechte.

    .

    MOSKAU, 11. März (Wladimir Simonow, RIA Novosti). In wenigen Tagen werden in Moskau die amerikanischen Filme "Brokeback Mountain" und "Capote", frische Oscar-Preisträger, anlaufen. Doch bezweifeln die hauptstädtischen Skeptiker, dass die Streifen, die das Thema der gleichgeschlechtlichen Männerliebe behandeln - und sei es künstlerisch noch so fein -, hier mit einem halbwegs spürbaren kommerziellen Erfolg rechnen dürfen. Weder Moskau noch erst recht Russland als Ganzes scheinen für eine Revolution der Homosexuellen, deren Anzeichen in den USA und einigen europäischen Ländern so sehr auffallen, bereit zu sein.

    Die jüngste Bekräftigung dafür war die Weigerung des Moskauer Magistrats, am 27. Mai einen Frühjahrsumzug von Homos und Lesben zu erlauben. Dabei ist so etwas vom Standpunkt der Einwohner vieler europäischer Hauptstädte eine harmlose und durchaus banale Veranstaltung.

    Der OB der russischen Hauptstadt ist da anderer Meinung. "Würde in Moskau eine homosexuelle Parade stattfinden, so würden sich ihre Teilnehmer und Teilnehmerinnen in recht große Gefahr begeben, weil sie unter den negativen Stimmungen der Moskauer Schaden nehmen könnten", erklärte Juri Luschkow. Hierbei sagte er zwar, er stehe zu allem, "was in der menschlichen Gesellschaft entsteht" tolerant, aber in der Homosexualität sehe er etwas "für die Natur des Menschen Widernatürliches".

    Der Oberbürgermeister musste zu einem Verbot greifen, weil die Idee eines ersten öffentlichen Umzugs von Homosexuellen eine Welle der Empörung in der Gesellschaft auslöste. Seit Beginn dieses Jahres haben sich die rechtgläubige Kirche, viele nichtstaatliche und politische Organisationen von patriotischer Ausrichtung, Elternkomitees und selbst ein Teil der Menschenrechtler zu einer Art Volksfront zusammengeschlossen, um nur ja nicht eine Aktion zuzulassen, die ihrer Ansicht nach gegen den Glauben und die gesellschaftliche Moral verstößt.

    Ganz vorne stehen in diesen Reihen die höchsten rechtgläubigen Würdenträger. Charakteristisch ist die Haltung des Geistlichen Michail Dudko, der die Abteilung der Moskauer Patriarchie für Verbindungen zwischen Kirche und Gesellschaft leitet. Der Geistliche zieht einen Trennstrich zwischen Menschen, die privat und im Stillen den Homosexualismus praktizieren, und jenen, die die gleichgeschlechtliche Liebe öffentlich propagieren. Die ersten seien, meint der Geistliche, zutiefst unglücklich, und ihr Weg zur Wahrheit sei Reue. Die zweiten seien dabei, die Sünde öffentlich zu poetisieren, dieser Sünde anziehende Züge zu verleihen und in die Sphäre ihrer lasterhaften Leidenschaften andere einzubeziehen, besonders junge Menschen. "Es ist einfach unsere Pflicht, scharf gegen eine solche Aktion aufzutreten", schließt der einflussreiche rechtgläubige Geistliche (er meint die Homos-Parade).

    Noch unduldsamer ist die geistliche Leitung der 20 Millionen russischen Moslems. Talgat Tadschuddin, Mufti der Zentralen geistlichen Verwaltung der Moslems Russlands, erinnerte daran, dass der Islam die nicht traditionelle sexuelle Orientierung als ein Verbrechen gegen Allah betrachtet, und gab zu verstehen: Wenn die Teilnehmer der Parade trotz des offiziellen Verbots doch durch die hauptstädtischen Straßen ziehen, "bleibt nichts anderes übrig als sie zu verprügeln".

    Ein dermaßen kampflustiger Widerstand gegen die Idee eines Frühjahrsumzugs von Homos und Lesben in Moskau kann vielen in Europa als urwäldlerischer religiöser Fanatismus vorkommen, der eine Schmälerung der Rechte der sexuellen Minderheiten, einer nicht unwichtigen Komponente der allgemeinen Bürgerrechte, provoziere. Erst recht angesichts des Triumphes der homosexuellen Revolution in anderen Ländern.

    In der Tat: Nicht mehr das Gespenst des Kommunismus geht um auf unserem Planeten, wie zu Zeiten von Marx und Lenin, sondern ein realer Koloss der Homosexualität.

    Vor kurzem wurde in Kalifornien das in den USA erste Gesetz verabschiedet, das gleichgeschlechtliche Ehen legalisiert. Das Bürgermeisteramt von San Francisco hat solche Bündnisse von Homosexuellen beiderlei Geschlechts bereits seit Februar 2004 eingetragen, doch später verbot das Oberste Gericht der USA solche, wie ihm schien, amoralischen Praktiken. Nun sind sie legislativ fundiert worden. Gouverneur Schwarzenegger kann vor Wut seine Muskeln spielen lassen und mit einem Veto drohen - aber das ist auch alles, was er kann. In Barcelona haben inzwischen die Spanierin Veronica und die Argentinierin Tiana offiziell ihre lesbische Liebe registriert. Das ist der erste Fall nach dem Inkrafttreten des spanischen Gesetzes über gleichgeschlechtliche Ehen von Anfang Juli 2004. Spanien, eines der katholischsten Länder Europas, hat in dieser Hinsicht Belgien, die Niederlande und Kanada überholt. Dort dürfen gleichgeschlechtliche Familien noch keine Kinder adoptieren, in Spanien aber ist das schon erlaubt, und dies mit allen Rechten und Pflichten der Ehepartner im Falle der Ehescheidung.

    Die Wiedergeburt der Rechtgläubigkeit im heutigen Russland, aber auch die sieben Jahrzehnte der recht asketischen Sowjetmacht lassen unsere öffentliche Meinung sich nicht den Ideen einer homosexuellen Revolution voll öffnen. Letztlich ist es noch nicht so lange her, da eine sowjetische Teilnehmerin einer der ersten TV-Brücken mit Amerika stolz erklärte: "In der Sowjetunion gibt es keinen Sex." Erst recht existierte damals auch die nicht traditionelle sexuelle Orientierung gleichsam nicht.

    Inzwischen haben, so paradox es scheinen mag, die UdSSR und dann auch Russland in den letzten Jahrzehnten einen langen Weg zu einer größeren Toleranz gegenüber den sexuellen Minderheiten zurückgelegt. Nachdem hier 1993 der traurig berühmte Artikel des Strafgesetzbuches, dem zufolge auf Päderastie Freiheitsentzug stand, aufgehoben worden war, nimmt die Homos-Kultur still, ohne Pomp, einen immer merklicheren Platz im Leben der russischen Großstädte ein. In Moskau sind Dutzende Cafés, Bars und Spielkasinos entstanden, die hauptsächlich von Schwulen besucht werden. Seit langem und frei wird die Zeitschrift für sie und über sie, "Kwir", verkauft. Ihr Chefredakteur Ed Mischin ist ein häufiger Gast von Talk-Shows im Fernsehen. Mehr noch, 2003 entschloss sich der rechtgläubige Geistliche Vater Wladimir in Nischni Nowgorod dazu, für ein Honorar von 15 000 Rubeln zwei Schwule miteinander zu trauen. Der Pope wurde aus der Kirche sofort als ein im Gewand eines Geistlichen handelnder Teufel vertrieben, aber der Zwischenfall hat gewiss im gesellschaftlichen Bewusstsein eine Spur hinterlassen.

    Im Januar hat die Europäische Union eine Resolution über die Ablehnung der Homophobie beschlossen. Mit dieser letzteren ist das legislative Verbot jeder Bekämpfung der Ideen der Sexminderheiten in allen EU-Ländern gemeint. Aber für Brüssel wäre es unvernünftig, den Geist seiner Resolution auf Russland zu übertragen, und nicht nur deshalb, weil unser Land nicht der EU angehört. Wie Inna Swjatenko, eine populäre Abgeordnete der Moskauer Stadtduma, erläutert, sei "Russland noch nicht dazu bereit", und Aktionen wie die Paraden von Schwulen und Lesben könnten lediglich zu Konflikten und einer noch größeren Spaltung der Gesellschaft führen.

    Heute sieht nur eine ganz kleine Gruppe von Russen in der homosexuellen Revolution im Westen einen eben solchen Triumph des Kampfes für die Menschenrechte wie die Aufhebung der Leibeigenschaft in Russland oder der Rassendiskriminierung in den USA. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung Russlands betrachtet die Offensive der homosexuellen Kultur dagegen als eine Gefahr für die öffentliche Moral, die "Verderbtheit" der Jugend, die Perspektive einer Vertiefung der Bevölkerungskrise, eine Herausforderung der religiösen Werte und überhaupt eine baldige Apokalypse. Es wäre höchst gefährlich, die Mehrheit noch mehr gegen die Minderheit aufzubringen. Hier ist Fingerspitzengefühl vonnöten, das den Straßenumzügen fehlt, so amüsant sie im Frühjahr auch wirken mögen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren