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    Russland erklärt dem Neofaschismus den Krieg

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    Das größte Risiko der faschistischen Gefahr ist die Vereinigung der "Oberen" mit den "Unteren", der Schläger mit den Politiker-Demagogen. Eine solch explosive Mischung ermöglichte 1933 Hitler den Aufstieg zur Macht in Deutschland.

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    MOSKAU, 02. Mai (Alexej Makarkin für RIA Novosti). Fremdenhass ist eines der gesellschaftlich relevanten Probleme des heutigen Russland. Dass ausländische Studenten und Gastarbeiter aus Mittelasien verprügelt oder sogar ermordet werden, ist leider nichts Besonderes mehr, sondern gehört zu den Alltäglichkeiten (allein in diesem Jahr registrierte die Menschenrechtsorganisation Sowa über 100 nationalistisch motivierte Überfälle). Die faschistischen Organisationen, die sich inzwischen belebt haben, propagieren Ideen, die schon in Nürnberg verurteilt worden sind. Sie aber versuchen, diese den russischen Gegebenheiten anzupassen. Das trifft insbesondere auf die Skinheads zu, jene Jugendbanden, welche die Menschen terrorisieren, die nicht zur russischen Titelnation gehören (also die "Fremdlinge" in der Sprache der Nationalisten).

    Die Bewegung der Skinheads ist keine russische Erfindung. In Russland war das Phänomen von faschistisch gesinnten Jugendlichen lange Zeit grundsätzlich unmöglich. Die Erinnerungen an den Sieg über den Faschismus ließ solchen Organisationen im Laufe von Jahrzehnten nach dem Krieg keine Chance. Erste Wandlungen kündigten sich in den 1970er Jahren an, als die offizielle Propaganda das Andenken an den Heldenmut der Soldaten und die Millionen von Opern zu missbrauchen begann. Das stieß bei den einen auf Langeweile und bei den anderen auf Ablehnung, trieb Jugendliche zur Suche nach einer Alternative. Doch die Anhänger von Adolf Hitler, die dessen Geburtstag feierten und von schwarzen Uniformen träumten, waren damals nicht zahlreich. Sie versteckten sich im Untergrund und hatten Angst sowohl vor ihren eigenen Eltern als auch vor der Öffentlichkeit - ein Ausschluss aus dem Komsomol, dem Kommunistischen Jugendverband, bedeutete das Ende jeder Karriere.

    Der Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs ermöglichte zwar die Rückkehr der Bücher von Solschenizyn und Nabokow nach Russland. Zugleich strömten auch die weitaus nicht die besten Erscheinungen der modernen Zivilisation ins Land, darunter das im Westen bekannte Phänomen der Skinheads, das nicht wenige Sympathisanten in Russland fand. Auch die wachsenden sozialen Diskrepanzen spielten als die Kehrseite der Marktreformen ihre Rolle. Eltern, die es nicht vermochten, sich an neue Realitäten anzupassen, hörten auf, für ihre Kinder moralisches Vorbild zu sein. Die Komsomol-Funktionäre wurden Wirtschaftsbosse, während für die Jugendlichen keine attraktive und massenhafte Alternative übrig blieb (vereinzelte Scout-Bewegungen waren wie ein Tropfen auf den heißen Stein). Der russische Staat und die Gesellschaft zeigten sich auf die Neuauflage des Faschismus weder moralisch noch organisatorisch vorbereitet.

    Wie daraus ersichtlich ist, handelt es sich sowohl um eine innerrussische Erscheinung als auch um eine ansteckende Krankheit, mit der selbst führende Demokratien der Welt nicht fertig werden können. Auch dort treten soziale Outsider ausgestoßenen und aggressiven Jugendgruppen bei. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Probleme, vor denen die Stadtverwaltung von Sankt Petersburg steht, nur wenig von den Problemen, mit denen die Stadtleitungen von Paris oder New York konfrontiert sind. Einige Unterschiede sind aber erkennbar: Im Ausland sind die Banden der Jugendlichen viel frecher und sie kontrollieren nicht selten ganze Stadtviertel, die von Ausländern gemieden werden. Dort treiben nicht nur Skinheads, sondern auch ethnische Verbrechergruppierungen ihr Unwesen. So musste im vergangenen Jahr in einigen französischen Städten sogar ein Ausgangsverbot verhängt werden, um randalierende arabische Gruppen zu bändigen.

    Die russische Gesellschaft ist sich der Gefahr bewusst, die das Wachstum der faschistischen Tendenzen birgt. Noch vor kurzem erweckten die Skinheads nur bei wenigen Enthusiasten aus den Reihen der liberalen Menschenrechtler Aufmerksamkeit. Jetzt nehmen sich Behörden und einflussreiche gesellschaftliche Organisationen des Problems an. So kündigte eine Gruppe von Politikern, Kulturschaffenden und Sportlern die Bildung der "Vereinigung für gesellschaftlichen Widerstand gegen die Erscheinungen von Faschismus" an. Das Thema des aggressiven Nationalismus wird innerhalb der neulich gegründeten Gesellschaftskammer erörtert.

    Noch mehr: Der Fremdenhass ist politisch unkorrekt, was Russland den westlichen Staaten näher bringt. In Frankreich wäre der Werbespot, den die Partei Rodina vor den Wahlen zum Moskauer Stadtparlament im Fernsehen zeigen ließ, unmöglich. Jetzt ist ein solcher Spot auch in Russland nicht mehr möglich, nachdem die in der Staatsduma vertretene Partei mit einem großen Skandal aus dem Wahlrennen in Moskau ausgeschlossen worden ist. Das größte Risiko, das mit der faschistischen Gefahr verbunden ist, ist die Vereinigung der "Oberen" mit den "Unteren", der Skinheads und der Politiker-Demagogen, die an niedrige Instinkte der Massen appellieren. Bekanntlich ermöglichte eine solche explosive Mischung 1933 Hitler den Aufstieg zur Macht in Deutschland.

    Russland muss natürlich einen langen Weg hinter sich bringen, um die faschistische Pest wenn schon nicht endgültig auszumerzen (was, wie oben gesagt, nicht einmal den toleranten Europäern bisher gelungen ist), so zumindest denkbar unschädlich zu machen. Das Wichtigste ist es, dass die ersten Schritte schon gemacht wurden, um den politischen Willen zu zeigen, der notwendig ist, um diesem Übel zu widerstehen.

    Zum Verfasser: Alexej Makarkin ist Stellvertreter des Generaldirektors beim Moskauer Zentrum für politische Technologien.

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