20:00 22 Februar 2018
SNA Radio
    Meinungen

    Iran und das Pearl-Harbor-Syndrom

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    Iran tritt dem Club der Atommächte bei (278)
    0 01

    Die Pariser Verhandlungen über Iran endeten mit einem Fiasko. Diverse Experten prophezeien allerlei "Unannehmlichkeiten".

    MOSKAU, 03. Mai (Pjotr Romanow, RIA Novosti).

    Das Pariser Treffen zum Thema Iran, das die Journalisten als "vertraulich" bezeichneten, weil Vertreter der Massenmedien weder vor dem Treffen noch danach an die beteiligten Diplomaten herangelassen wurden, endete, wie auch zu erwarten war, mit einem Fiasko. Das bedeutet, dass sich die Position keiner einzigen Seite verändert hat. Die USA sind für die Annahme einer äußerst harten Resolution im UN-Sicherheitsrat zum iranischen Atomdossier, die Europäer neigen alles in allem zum amerikanischen Vorschlag, während die Ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats China und Russland immer noch auf der Fortsetzung der Verhandlungen bestehen. Die Organisatoren des Treffens verheimlichten also sorgfältig Neuigkeiten, die der ganzen Welt ohnehin bekannt waren.

    Um Peking und Moskau die heikle Lage halbwegs zu erleichtern, sagt ihnen der US-Vertreter in der UNO John Bolton ganz offen den Ausweg vor: sich bei der Abstimmung im Sicherheitsrat über die iranische Frage der Stimme zu enthalten. Falls aber der UN-Sicherheitsrat durch die Divergenzen zwischen seinen Mitgliedern gehemmt werde, so Bolton, und sich außerstande sehe, auf Iran einzuwirken, könnten die USA und andere mit ihnen gleich gesinnte Länder auch selbst Strafmaßnahmen gegen Teheran beschließen. Davon sprechen auch andere US-Vertreter. Eben erst hat der offizielle US-Außenamtssprecher Sean McCormack erklärt, die Verhängung von Sanktionen gegen Iran sei auch ohne einen Beschluss des UN-Sicherheitsrates möglich.

    Übrigens muss Moskau seine Position korrigieren. Konstantin Kossatschow, Vorsitzender des Duma-Ausschusses für internationale Angelegenheiten, hat vor kurzem gesagt, Iran weise die Forderungen des US-Sicherheitsrates demonstrativ zurück, was ernste Folgen nach sich ziehen könne. Kossatschow schloss nicht aus, dass Iran Sanktionen drohen könnten.

    Noch interessanter sind die Erwägungen von Nachrichtendienstlern und Militärs sowie die Meinungen unabhängiger Experten. Vertreter der amerkanischen Aufklärung geben offen zu, dass sie von Iran äußerst wenig wissen, was Teheran jedoch nicht beruhigen darf. Im Gegenteil, das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass gerade jetzt alle erforderlichen finanziellen, materiellen und intellektuellen Kräfte der USA und ihrer zuverlässigsten Verbündeten in das Spiel einbezogen werden. Es ist wohl kaum ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen, dass ausgerechnet auf dem Höhepunkt der amerikanisch-iranischen Polemik die Militärs bekannt gegeben haben: Auf dem Versuchsgelände des Luftstützpunktes Eglin, Florida, sei eine supermächtige Fliegerbombe MOAB (Gefechtsladung: 10 Tonnen) erfolgreich erprobt worden. Die Massive Ordnance Air Burst wurde von der Presse sofort auf den Namen "Mother Of All Bombs" getauft. Auch der Einsatz von taktischen, besonders bunkerbrechenden Kernwaffen wird nicht ausgeschlossen. Da braucht man sich nicht darüber zu wundern, wenn Moskau beharrlich auf Verhandlungen besteht: Einen Kernwaffenkrieg in der Nähe seiner Grenze braucht Russland natürlich nicht. Zudem sind die nuklearen Themen keinesfalls ein Bluff. Hier die bei einer live-Sendung der CNN geäußerte Meinung Henry Kissingers, ehemaliger Außenminister der USA: Die amerikanischen Militärs sollten "beliebige Handlungsvarianten" gegenüber Iran durcharbeiten, ohne einen Kernwaffeneinsatz auszuschließen.

    Zu härtesten Maßnahmen drängt die USA nicht nur die von ihnen angenommene Präventivschlagdoktrin. Besagte Doktrin ist, wie wir anbei erinnern wollen, an sich eine krankhafte Äußerung des alten Pearl-Harbor-Syndroms sowie der recht strittigen Überzeugung, dass Hitler ganz am Anfang hätte gestoppt werden können, wenn sich die USA in die europäischen Angelegenheiten bereits früher eingemischt hätten. Auch das Trauma der barbarischen Entführung von amerikanischen Geiseln in Iran ist noch nicht verheilt. In dieser Situation ist also der gute alte Freud ebenfalls im Spiel. Schließlich sind einige Prognosen eher dazu angetan, die Amerikaner zu alarmieren. Zbigniew Brzezinski zum Beispiel sagt den USA in Iran einen dreißigjährigen Krieg und folglich den Zusammenbruch der Weltführung voraus. Der Schluss aus einer solchen Prognose drängt sich von allein auf. Entweder überhaupt keinen Krieg führen oder aber siegen, und zwar rasch und unbarmherzig. So dass alles heute den amerikanischen Adler dazu anhält, besonders scharf um sich zu äugen und sofort jedes Körnchen aufzupicken, wenn es ihm wie ein Schrotkorn vorkommt. Die Invasion in Irak auf Grund falscher Angaben war, wie es aussieht, nur der Anfang; erst recht bleibt die Unschuldsvermutung in Bezug auf Iran unwirksam. Die Position von Teheran, das beim Schutz seines Rechts auf friedliches Atom inzwischen schon viel Widersprüchliches und überhaupt Unnötiges zusammengeredet hat, wirkt ebenfalls nicht zu seinen Gunsten.

    Dass ein Krieg unvermeidlich ist, behaupten selbst einige unabhängige russische Experten. "Meiner Ansicht nach lassen die schon unternommenen Handlungen und die schon aufgezogene Propagandakampagne mit hohem Grad von Glaubwürdigkeit behaupten, dass die Versetzung eines Bomben- und Raketenschlages... prädestiniert ist", erklärte Michail Deljagin, Präsidialvorsitzender am Institut für Probleme des Globalismus. "Ausgehend von der mit den bevorstehenden Wahlen zusammenhängenden Motivation muss das Ende Frühjahr oder im Sommer passieren", fügte der Politologe hinzu. Inzwischen gehen Gerüchte um, dass in der armenischen Hauptstadt Jerewan reiche Iraner aserbaidschanischer Herkunft, ohne erst den Beginn der Kampfhandlungen abzuwarten, auf alle Fälle massiert Wohnungen aufkaufen.

    Die Presse schwappt von Versionen über, wie die iranische Antwort beschaffen sein wird. Die britische "Sunday Times" behauptet unter Berufung auf ihre Quellen in Teheran, Iran habe einen "Antwortschlag" parat. Das seien 40 000 ausgebildete Kamikaze, die amerikanische, israelische und britische Ziele anzugreifen hätten. Schon stünden 29 der betreffenden "Ziele" fest. Iran selbst droht aus dem Mund seines Präsidenten mit einem asymmentrischen Schlag gegen Israel. Die Idee, die Straße von Ormuz zu sperren, wurde von den Iranern bereits mehr als nur einmal ausgesprochen.

    Kurzum: Pearl Harbor und "der gute alte Freud" versprechen noch zahlreiche neue schmerzliche Unannehmlichkeiten.

    Themen:
    Iran tritt dem Club der Atommächte bei (278)
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren