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    Moskau - verzaubert in Foster-Architektur

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    Der Meister der Avantgarde-Architektur in Moskau. Vor dem Hintergrund des russischen Konstruktivismus und voll überraschender Verehrung für Alt-Ursprüngliches.

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    MOSKAU, 03. Mai (Anatoli Koroljow, RIA Novosti). Norman Fosters Ankunft hat unser aufgeklärtes Publikum aufgeschäumt. Der Meister der modernen Architektur in Moskau!

    Fosters Vortrag in einer Halle der ehemaligen Weinfabrik am Kursker Bahnhof (ein mondänes Plätzchen für Insider) sammelte wenigstens 3 000 Zuhörer. Und nicht nur Studenten des MARCHI, des Moskauer Instituts für Architektur. Und an einem Sonntag, am Ostersonntag zudem!

    Das von Foster gewählte Thema - "Alt und neu" - war für das Publikum eine völlige Überraschung. Der Exzentriker der Architektur, der in London etwa einen Wolkenkratzer in Form einer Gurke gebaut hat, eine Riesen-Gurke, die vielen gar keine Gurke zu sein scheint. Ein Avantgardist, der das Gebäude des Londoner Bürgermeisters in Form eines Huts von Elizabeth II. - er sitzt der Königin wegen eines Windhauchs stets schief auf dem Kopf - dahingeworfen hat. Kurzum, ein Radikaler wie selten einer. Und nun erklärt dieser, eine Innovation müsse mit allen Wurzeln fest in der Geschichte des entsprechenden Ortes sitzen, und die Aufgabe eines modernen Baumeisters sei, sich auf den ursprünglichen Einfall der Zeit hin zu bewegen.

    Einerseits stehen seine Worte im Widerspruch zu ebenfalls seinen Projekten: zum Flughafen in Peking, zum Stadion in London, zu den Türmen in New York. All das ist schreiender Radikalismus.

    Andererseits hat sich Foster auf die Idee des Umweltschutzes fixiert.

    Eben erst hat er das Projekt für die Bebauung des Viertels Nowaja Gollandija in Petersburg gewonnen. Neu-Holland heißt jene Insel, auf der früher Werften konzentriert waren, wo heute eine verlassene Industriezone liegt. Foster hat alle mit seinem Einfall bezaubert. Im Mittelpunkt der Insel ein riesiges Amphitheater und das Projekt dermaßen virtuos in die Bauten der vergangenen Jahrhunderte eingebunden, dass Foster seinen Hauptkonkurrenten, den Holländer Erick van Egeraat, damit einfach überspielte. Dieser schlug den Bau einer von holländischen Häusern umgebenen Spirale vor, ohne auf die Umgebung Acht zu geben.

    Nach Moskau war Foster gekommen, weil er einen weiteren unwahrscheinlich prestigeträchtigen Kampf gewonnen hat. Eben sein Entwurf des Rossija-Turmes wird in vier Jahren in Moskau-City errichtet werden. 600 Meter! Europas höchster Bau.

    Dennoch weisen Fosters Arbeiten, wie ich noch einmal betonen möchte, ein aufrichtiges Interesse für die Wiederherstellung der alten Umwelt auf. Als er zum Beispiel den Berliner Reichstag umbaute, bewahrte er die letzten Inschriften der siegreichen sowjetischen Soldaten am alten Gemäuer, was dem Verwaltungsgebäude Züge eines Artefaktes verlieh. Heute ist es das wohl größte Denkmal des sowjetischen Sieges. Dagegen wirkt im Moskauer Siegespark das Bajonett mit der Nike (Werk von Surab Zereteli) auf dem Poklonnaja Gora - dem Verneigungshügel - einfach lachhaft. Nicht von ungefähr heißt dieses Denkmal bei den Moskauern "aufgespießte Fliege". Indem Foster die Inschriften erhielt, erahnte er einen von Stalins Plänen: den Reichstag Stein für Stein auseinanderzunehmen und nach Moskau zu transportieren, als Symbol des großen Sieges. Auf ähnliche Weise brachte Julius Cäsar einst gleich 13 geheiligte Obelisken (und dazu ein paar Fontänen) aus dem unterworfenen Ägypten nach Rom und stellte sie auf den Plätzen der Stadt als Kriegstrophäen auf.

    In seinem öffentlichen Vortrag sprach Foster, innerlich bewegt, von einem kleinen Innenhof im Britischen Museum. Man hatte ihn später zugebaut. "Ich würde ihn so gern wiederaufbauen", sagte Foster.

    Als Antwort auf die Kritik am riesenhaften Moskauer Wolkenkrater verteidigte Foster seinen Entwurf. Moskau liege auf einer Ebene, deren Mitte der von den Stalinschen Hochhäusern umgebene Kreml-Hügel bilde. Diese Bauten seien ein Gefolge des Kremls, und der Rossija-Turm - abseits vom Zentrum - sei lediglich als ein weiteres Glied in diesem Gefolge vorzustellen. Seine Silhouette wiederhole genau die Hochhäuser und stehe in der Tradition.

    Denkt man zurück, an den Moskau-Besuch eines anderen großen Architekten des 20. Jahrhunderts, Le Corbusiers, so sind verblüffende Veränderungen nicht zu übersehen. Le Corbusier schlug 1929 der Sowjetregierung vor, das ganze hauptstädtische Zentrum abzureißen und eine Stadt des technologischen Triumphes zu bauen. Sein Impetus fand Unterstützung, allein nur der Geldmangel erlaubte es nicht, diesen architektonischen Terror im Geiste Pol Pots Wirklichkeit werden zu lassen.

    Außerdem beteiligte sich Le Corbusier eifrig am Wettbewerb um den Bau des Sowjetpalastes am Moskwa-Ufer.

    Freilich war sein Entwurf ein Loblied auf die Technik und nicht auf die Partei. Er löste dabei die kopfbrecherische Aufgabe: Ein an einem beliebigen Ort des Palastes hingeworfener Apfel musste von allein zum Ausgang rollen. Es siegte das Monster von Boris Jofan und Iossif Stalin (dieser schlug aus eigener Initiative vor, auf dem höchsten Punkt des Gebäudes einen 80 Meter hohen Lenin hinzustellen; an einem trüben Tag hätten die Wolken die Statue verdeckt und die Moskauer eine Gelegenheit gehabt, die Schuhe des proletarischen Führers, groß wie ein zweistöckiges Haus, zu bewundern. Nach Le Corbusiers Entwurf wurde nur ein Haus gebaut: das Statistische Zentrum in der Mjasnizkaja-Straße. Das Haus ist ein Meisterwerk des Konstruktivismus. Aber gleich einem Moor kroch Moskau dem Meisterwerk in den Bauch, Le Corbusier hatte ihn für die Durchfahrt von Wagen und für Spaziergänger frei gelassen; der ganze freie Raum war schließlich mit Garagen, Kiosken und Durchgangs-Parkplätzen vollgestopft.

    Indes fanden die Ideen, das Alte Moskau abzureißen, ihre eifrigen Anhänger. El Lissizki schlug etwas Ähnliches vor und entwarf den Bau eines Ringes von T-förmigen Wolkenkratzern (in der Art der römischen Galgen) längs der Sadowaja, des Garten-Ringes.

    Und da verwandelt sich alles wie auf den Wink eines Zauberstabes.

    Norman Foster, der Architekt Nr. 1 (Version der "Times"), der Le Corbusier unserer Zeit, redet dem Moskauer Publikum ein, man solle das Alte bewahren und pflegen, er wendet den Vektor der Suche um und weist auf die Vergangenheit. Denn - so ist er überzeugt - sich auf die ursprüngliche Idee hin zu bewegen, den Genius loci aufzudecken, das ist die wahre Aufgabe der modernen Architektur.

    Gewiss. Und gerade für Moskau wirken Fosters Ideen recht organisch.

    Wir verfügen bereits über einzigartige Erfahrungen mit der totalen Rekonstruktion der Vergangenheit: der Wiederaufbau der Erlöserkathedrale anstelle des Schwimmbeckens, das die Bolschewiki am Ort der von ihnen in die Luft gesprengten Kirche anlegten. Ein weiteres Projekt dieser Art ist die vollständige Wiederherstellung des Holzpalastes von Zar Alexej Michailowitsch im Moskauer Stadtbezirk Kolomenskoje. Die Arbeit am Entwurf hat schon begonnen.

    Auch der geniale Entwurf von Tatlin kommt in den Sinn: der Turm der Dritten Internationale, radikaler noch als der Rossija-Turm des verehrten Norman Foster. So etwas sollte in Moskau gebaut werden! Aber werden die heutigen Moskauer Behörden, die in Zeretelis monumentale Blasen verliebt sind, dazu genügend Intelligenz, Geschmack und Kühnheit aufbringen? Zum Goldenen Fonds der Baukunst gehören ja neben den präzedenzlosen Türmen von Tatlin auch die Entwürfe der Brüder Wesnin, die Ideen von Melnikow. Sie sind so gut wie sämtlich auf dem Papier geblieben, haben freilich nichts an ihrer Frische und Schönheit eingebüßt.

    Fosters Aufruf - die Architektur der Vergangenheit zuzuwenden - fällt auf eine erstaunliche Weise mit den Ideen der Moskauer Konferenz "Erbe in der Risikozone" zusammen. Dort war in der vorigen Woche die Rede unter anderem vom beklagenswerten Zustand von Meisterwerken des russischen Konstruktivismus. Die brillanten Entwürfe wurden leider Gottes in den Zeiten der großen Armut der jungen UdSSR und deshalb aus minderwertigen Stoffen gebaut. Die Meisterwerke des erwähnten Melnikows, etwa das hauptstädtische Kulturhaus der Eisenbahner "Russakow", blättern ab, bekommen immer mehr Sprünge und Spalten und können jeden Augenblick zusammenbrechen. Die Konferenz beschloss eine Deklaration: einen Aufruf, das letzte SOS-Signal eines versinkenden Schiffes.

    Norman Fosters Idee - Radikalismus auf den Knien vor der Tradition - sollte man zu einem sozialen Slogan (etwas wie: "Fünfjahrplan binnen vier Jahren erfüllen!") erheben und damit das MARCHI-Haus, jenes Moskauer Architektur-Institut, und in gleichem Zug die Bürgermeisterei in Moskau schmücken.

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