04:31 25 September 2017
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    Lebensniveau in russischen Regionen

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    Orientiert man sich am Wohnungsbau oder an den neuen Supermärkten in den Regionen, dann steigt das Lebensniveau der Bevölkerung auch dort in den letzten Jahren an. Aber inwiefern ist es ein realer Indikator?

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    MOSKAU, 12. Mai (Alexander Jurow, RIA Nowosti). Wie lebt ein durchschnittlicher Einwohner Russlands? Gibt es denn eine präzise Antwort auf diese Frage? Die russische Hauptstadt gilt als Staat im Staate, in Moskau ist alles nobel. Dagegen ist die Provinz eine ganz andere Sache. Das eigentliche Russland mit allem Not und Problemen befindet sich gerade in der Provinz. Der Lebensstandard unterscheidet sich hier krass von dem in Moskau. Die Menschen in der Provinz leben anders als in Moskau. Wie aber?

    Eine Analyse der vom Statistikamt in Moskau verbreiteten Zahlen zeigt keine günstige Situation. Das monatsdurchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen eines Russen liegt umgerechnet bei 250 US-Dollar (198,5 Euro). Abzüglich der monatlichen Kommunalzahlungen von etwa 100 Dollar bleiben für andere Belange nur 150 Dollar übrig. Angesichts des gegenwärtigen Preisniveaus in Russland reicht diese Summe bei weitem nicht für alles. Rechnen Sie selbst: Ein Liter Milch kostet knapp ein Dollar, ein Laib Brot etwa 0,5 Dollar, ein Kilo Fleisch rund sieben Dollar, ein Paar schlichte Schuhe knapp 40 Dollar, eine Jacke 100 Dollar... Zum Vergleich: Verzichtet man auf das Essen zu Hause und verlässt sich ausschließlich auf McDonald's-Restaurants, reicht die Summe für etwa 25 typische Mittagsessen (ein Hamburger, eine Portion Pommes frites und ein Glas Cola). Damit sind Möglichkeiten des privaten Haushalts ausgeschöpft. Von einer dreimaligen Tageskost im Laufe eines Monats kann keine Rede sein. Wenn man berücksichtigt, dass das Durchschnittseinkommen in mehreren russischen Provinzen noch bescheidener ist, wird auch die Situation noch trostloser.

    Offiziellen Statistiken zufolge liegt das Durchschnittseinkommen in solchen Regionen wie dem Gebiet Iwanowo oder den Teilrepubliken Kalmykien und Adygien bei etwas mehr als 3000 Rubel, umgerechnet 110 Dollar. Aber neben Outsidern gibt es in Russland auch Regionen, wo das Lebensniveau durchaus günstiger ist. In den meisten Gebieten Russlands beträgt das durchschnittliche monatliche Pro-Kopf-Einkommen 4000 bis 5000 Rubel, was unter dem Landesdurchschnitt ist. Dagegen liegt der Lebensstandard in Moskau, St. Petersburg, den Autonomen Bezirken der Nenzen, der Chanten und Mansen und der Jamal-Nenzen, in den Gebieten Tjumen und Murmansk sowie in fernöstlichen Regionen deutlich über dem Durchschnitt. Selbst im Gebiet Moskau werden Pro-Kopf-Einkommen registriert, deren Höhe dem Landesdurchschnitt nahe kommt.

    Bei der Einschätzung des Wohlstandes eines einzelnen Menschen, egal in welcher Region er ansässig ist, können nicht nur offizielle Statistiken helfen. Auch gewisse indirekte Merkmale deuten auf die Qualität des Lebens hin. So zeugen der umfassende Bau von Wohnhäusern und die zunehmende Zahl von Supermärkten im Lande davon, dass es im Leben der Russen nicht alles so schlecht ist. Sieht man das Leben eines Durchschnittsrussen durch dieses Prisma, entsteht ein ganz anderes Bild.

    Im vergangenen Winter hatte das Staatliche Statistikamt mitgeteilt, dass der Wohnungsbau in Russland im Jahr 2005 gegenüber 2004 um 6,3 Prozent gewachsen sei. Aus einem offiziellen Dokument geht hervor, dass von Organisationen aller Eigentumsformen im vergangenen Jahr 515 100 neue Wohnungen gebaut wurden. Wertmäßig beliefen sich die Bauarbeiten im vergangenen Jahr auf 1,7 Billionen Rubel (49,3 Milliarden Euro), 10,5 Prozent mehr als 2004. Dass Geschäftsleute solche Mittel in den Bau von Wohnhäusern anlegen, bedeutet eine hohe Nachfrage nach Wohnungen. Arme würden es sich einfach nicht leisten können.

    Der Wohnungsbau in Moskau lag auch diesmal ganz oben in dieser beeindruckenden Statistik. Aber auch andere Gebiete und Teilrepubliken verzeichneten eine positive Dynamik. So nahm der Umfang des Wohnungsbaus 2005 im Gebiet Saratow um fast acht Prozent, im Gebiet Swerdlowsk um elf Prozent und in Jekaterinburg um zwölf Prozent zu. Für einen Rekord sorgte das sibirische Gebiet Omsk mit 60 Prozent. Bemerkenswert ist, dass die oben genannten Regionen dem Pro-Kopf-Einkommen nach beim Landesdurchschnitt liegen.

    Nicht in allen Regionen Russlands wurde eine steigende Tendenz im Wohnungsbau registriert. Im Süden, wo das Lebensniveau gut genug ist, ging der Wohnungsbau sogar etwas zurück: In der Region Krasnodar um 16 Prozent und im Gebiet Rostow um zwölf Prozent. Im Gebiet Rjasan gingen die Durchschnittslöhne im vergangenen Jahr nach Angaben des Staatlichen Statistikamtes leicht zurück, während im selben Zeitraum deutlich mehr Wohnungen verkauft wurden.

    Natürlich können diese Zahlen auch davon zeugen, dass die Kluft zwischen Reich und Arm in Russland immer größer wird. Aber dieses statistische Paradoxon kann nicht allein durch die wachsende Zahl der Reichen erklärt werden. Es geht darum, dass der Boom in der Baubranche mit einer zunehmenden Zahl von Supermärkten einhergeht. Vor ein paar Jahren waren die Handelsketten größtenteils in Moskau und St. Petersburg konzentriert. Jetzt floriert der Einzelhandel in ganz Russland, Menschen im Lande geben immer mehr Geld aus. In mehreren Regionen Russlands sind jetzt viele Handelsmarken zu treffen, darunter Auchan, Ikea, Dixie oder Rewe Group. Die Experten des bekannten Consultingunternehmens A.T.Kearney sind der Ansicht, dass die Expansion internationaler Handelsketten in Russland auch in Zukunft anhält.

    Interessanterweise wird in Rjasan, wo das Durchschnittseinkommen im vergangenen Jahr gesunken ist, für 2006 die Eröffnung von 25 Dixie-Supermärkten geplant. Im Sommer eröffnet Metro Cash & Carry einen Hypermarkt. Es liegt klar auf der Hand, dass solche Geschäfte normalerweise nicht für einen engen Kreis superreicher Leute gebaut werden.

    Nach Handelsnetzen ziehen sich jetzt auch immer mehr Banken in die russische Provinz. Vor kurzem lag der Anteil der größten russischen Bank - Sberbank - in einigen Regionen bei 96 Prozent. Private Finanzeinrichtungen, darunter auch ausländische, wollten Aktivitäten in der Provinz nach Kräften vermeiden, weil es dort wenig Kunden gab. Jetzt hat sich vieles geändert. Der Anteil der Sberbank in Krasnojarsk sank auf 76 Prozent zum Jahr 2005 von bislang 94 Prozent. Immer mehr Geschäftsbanken fassen Fuß in der Provinz. Es liegt klar auf der Hand, dass sie in Regionen nicht dazu da sind, um die Zahl der Armen festzustellen.

    Sekundäre Merkmale zählen deshalb nicht zu den wichtigsten, weil ihre Analyse zu widersprüchlichen Schlussfolgerungen führen könnte. Mit den oben angeführten Erwägungen wird die Möglichkeit der weiteren Entzweiung der Gesellschaft nach sozialem Merkmal nicht ausgeschlossen. Allerdings wird das durchschnittliche Lebensniveau dadurch nicht sinken.