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    Putin läutet die Alarmglocke

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    Putins Jahresbotschaft an die Föderalversammlung (26)
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    Warum nimmt die Mortalität in Russland zu? "Wir sterben aus": Die Besorgnis des Präsidenten wurde sowohl im In- als auch im Ausland überhört.

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    MOSKAU, 12. Mai (Boris Kaimakow, RIA Novosti). Ich kann behaupten: Unter den Menschen, die sich im Kreml versammelten, um Putins traditionelle Botschaft an die Nation zu hören, fanden seine Worte nicht unbedingt Gehör. Die Kamera konnte es nicht verbergen: Die Gesichter der Zuhörer waren steinern unbewegt, hinter dem Rücken eines bekannten Oligarchen schlief friedlich ein "Diener des Volkes", als solcher wohl von seinen Pflichten überanstrengt. Dabei schrie der russische Präsident ja buchstäblich in den Saal hinein, dass die Lage in Russland kritisch, dass die Zahl von Russlands Bürgern immer weiter zurückgeht. Spricht man in der Sprache der Straße, so lässt sich schwer eine andere Formulierung finden als: "Wir sterben aus".

    Putin hatte seinerzeit auf die Frage, was ihm besondere Sorgen bereite, offen erklärt: "Die Armut des Volkes." Seitdem sind zwei Jahre vergangen. Reich sind die Russen nicht geworden, doch offizielle Statistiken zeugen davon, dass der Lebensstandard nun höher sei. Es werden phantastische Angaben über die Anzahl der Autos, der Handys, der Auslandsreisen und über sonstige Merkmale der Pro-Kopf-Verbesserung des Lebens angeführt. Lassen wir die Ironie beiseite, sollen doch brillante Publizisten davon Gebrauch machen in ihren Sarkasmen an die Adresse des Präsidenten und einer solchen neuen "Lebensqualität". Doch Fakt ist Fakt. Die Sache ist über den toten Punkt hinweg. Das ist objektiv und unwiderlegbar.

    Da nun eine neue schmerzlich aufrichtige Äußerung des Präsidenten. Wozu haben wir all diesen Reichtum, wenn unsere Zahl bedrohlich gering wird? Man sollte meinen: Hier ist sie, die "Achillesferse" Russlands, eine Zielscheibe für kritische Pfeile gegen die Kreml-Politik. Aber nein, dieser Aufschrei des Präsidenten ist im Strom der Kommentare praktisch unbemerkt geblieben. Putin wird vorgeworfen, dass er Cheney nicht geantwortet habe (Gott, verzeih dem amerikanischen Vize, denn er gehört zu denen, die "nicht wissen, was sie tun"), man verlangt von ihm eine garantiert pausenlose Lieferung von russischem Öl und Gas und droht, das G8-Treffen zu verhindern. Und praktisch keiner der ausländischen Kommentatoren befasste sich mit den Einzelheiten des Aufrufes des russischen Präsidenten, ja mit der systematischen Arbeit zur Rettung der Nation (in diesem Fall habe ich keine Angst vor Pathos) zu beginnen.

    Indes ist die Situation tatsächlich bedrohlich. Ernsthafte russische Demografen haben unser Land schon längst unterhalb der Grenze des Wohlbefindens eingeordnet. Das Aussterben der Nation hat bereits den Namen "russisches Kreuz" bekommen. Zu welchem Golgatha die Russen es tragen, weiß inzwischen nicht nur Gott allein. Dieses Kreuz tragen wir seit Beginn der Perestroika, seit 1987, als die Geburtenziffern rasch zu sinken, die Sterbeziffern dagegen zu steigen begannen. Anfang der 90er Jahre war der Sensenmann ebenso aktiv wie der Storch in den russischen Familien. Es starben folglich genauso viele Menschen wie geboren wurden. Heute aber sterben schon um 50 Prozent mehr Menschen. "Zur Zeit gehört die demografische Situation in Russland zu den deprimierendsten in der Welt", hätte Wladimir Putin erklären können. Hat er nicht. Schade, wenn schon die Alarmglocke bemühen, dann richtig laut, ohne die in ihren Sesseln Schlummernden zu schonen. Es wäre auch nicht richtig, sich auf das "ungarische Kreuz", das weißrussische oder estnische Kreuz zu berufen. "Der Nagel in unserem russischen Stiefel ist furchtbarer als sämtliche Pompejis und Vesuvs."

    Man könnte Putin nur eines vorwerfen. Als er von den Problemen der Natalität sprach und treffende Maßnahmen zu ihrer Erhöhung vorschlug, hätte er auch die Ursachen der wachsenden Mortalität berühren sollen. Gewisse Leute sagen, man solle nicht das Tragische dieser Fakten überbetonen. Dem kann ich nicht zustimmen. Denn wer A sagt, muss wohl auch B sagen. Das heißt, die Gründe dieser russischen Pest nennen.

    Wir wollen uns nicht hinter die Kulissen verkriechen, um dem russischen Volk das Recht auf historischen Optimismus einzureden. Das Leben wird sich trotzdem durchsetzen, der Sensenmann kommt gegen den Hauptinstinkt des Menschen nicht an. Also, die Ursache der Mortalität ist jedem Menschen bekannt. Wir trinken, wir saufen eimerweise, und kein Präsident, kein Hellseher kann eine ganze Nation davon abbringen. Laut WHO-Angaben entfallen in Russland jährlich auf jeden Menschen, vom Säugling bis zur tatterigen Alten, beinahe elf Liter Reinalkohol. Selbstverständlich trinken die Säuglinge und die tatterigen Alten nicht, wer säuft, ist die arbeitsfähige Bevölkerung. Soweit die Angaben der naiven westlichen Experten. Laut unseren eigenen Angaben entfallen auf jeden erwachsenen Mann 180 Flaschen Wodka im Jahr. Vor kurzem wollte ich ein Grundstück in der üblichen Größe von sechshundert Quadratmeter kaufen und nannte dem Besitzer den Preis in Dollar, er aber bat mich, ihn in Flaschen umzurechnen. Er versteht einfach nicht, was der Dollar kostet, dafür kennt er den Preis einer Flasche sehr wohl. Ich wünsche dem Mann gute Gesundheit, doch wenn ich höre, dass die Todesfälle in Russland zu einem Drittel auf Wodka zurückzuführen sind, sehe ich ein, dass meine Worte Heuchelei sind.

    Wir lachten über Gorbatschows Idealismus und waren der Alkoholpolitik Jelzins gegenüber nachsichtig. Dabei bewirkte der Idealismus des "Mineralsekretärs" Gorbatschow zwischen 1984 und 1987 einen Rückgang der Sterblichkeit um 12 Prozent unter den Männern und um 7 Prozent unter den Frauen. Nach der Abschaffung des Gorbatschowschen Tabus für den Wodka-Verkauf stieg die Mortalität ungehindert weiter.

    Zweifellos werden die "Putinschen Geburtsgelder" bei der Erhöhung der Natalität eine Rolle spielen. Und eine gewisse Anzahl von Frauen wird die neue staatliche Unterstützung ihres Strebens nach Mutterschaft nach Gebühr zu schätzen wissen. Doch Tausende und Abertausende Männer werden keine Väter sein können. Aus einem sehr einfachen Grunde nicht. Sie werden vor der Zeugung am Wodka krepieren.

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