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    Russischer Markt im Schlepptau schwacher internationaler Konjunktur

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    Einbruch des russischen Effektenmarktes (12)
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    In den letzten neun Tagen hat der russische Leitindex RTS knapp 25 Prozent verloren. Dennoch ist von einer herannahenden Finanzkrise keine Rede.

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    MOSKAU, 23. Mai (Nina Kulikowa, RIA Novosti). Der russische Aktienmarkt hat zwischen dem 10. und dem 22. Mai mit einem 25-prozentigen Preisverfall für Unruhe unter den Investoren gesorgt.

    Aber von einem Sturz und einer geplatzten Seifenblase wie auch von einem Vergleich mit der Augustkrise von 1998 kann nach Ansicht von Experten noch keine Rede sein. Der Chef des Föderalen Dienstes für Finanzmärkte Russlands, Oleg Wjugin, erklärte vor kurzem, dass es für den Rückgang auf dem russischen Aktienmarkt keine fundamentalen Ursachen gibt. "Es gibt einen Herdentrieb institutioneller Investoren", sagte er. Ihm stimmte der Direktor des Departments Finanzpolitik im russischen Finanzministerium, Alexej Sawatjugin, zu: "Auf dem russischen Aktienmarkt ist kein Einbruch, sondern eine Kurskorrektur zu verzeichnen."

    Tatsächlich ist der russische Aktienmarkt seit Jahresbeginn mit 51 Prozent stürmisch gewachsen. Deshalb ist der jetzige Preisverfall nicht weiter verwunderlich. Zudem werden Kurskorrekturen auf allen Schwellenmärkten registriert. "Hierbei gibt nichts Besonderes", sagte Nikolai Kaschtschejew von der Vneshtorgbank (VTB). "Das bedeutet ganz und gar nicht, dass es Russland schlecht geht. Das resultiert aus internationalen Tendenzen."

    Der Preisverfall auf dem russischen Effektenmarkt sei nach Ansicht von Nina Tschebotarjowa aus der Ökonomischen Expertengruppe durch einige Faktoren bedingt. "Erstens. Die gegenwärtige Leitzinspolitik der führenden internationalen Notenbanken ist im Moment ein negativer Faktor für Märkte in Schwellenländern. Zuvor gingen Experten davon aus, dass die Welle der Leitzinserhöhungen durch die US-Notenbank Fed bereits zu Ende ist. Aber die jüngsten Erklärungen der Fed-Leitung machen klar, dass der Leitzins in den USA weiter anziehen kann. Ähnliche Erklärungen gaben auch die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank von Japan ab. Das hatte eine stärkere Volatilität auf allen Schwellenmärkten zur Folge. Die zeitgleiche Erhöhung der Leitzinsen durch die weltweit größten Banken muss sich unweigerlich auf die Aktienkurse an den Börsen auswirken", fuhr die Expertin fort. "Die von Investoren geliehenen Mittel werden in diesem Fall teurer, teurer wird auch das Anlegen in Aktien. Deshalb muss es zu einem Kapitalabfluss von den Aktienmärkten kommen, was seinerseits die Aktienpreise nach unten drückt. Dieser Faktor stellt die größte Gefahr für den weltweiten Aktienmarkt als Ganzes und insbesondere für die Märkte in Schwellenländern dar."

    "Der zweitwichtigste Indikator für den russischen Effektenmarkt sind die Ölpreise. Die russische Wirtschaft ist auf den Erlös aus dem Ölgeschäft angewiesen, der sich auf alle Wirtschaftszweige, darunter auch auf die Gewinne der Förderunternehmen und auf die Bewertung ihrer Aktien, auswirkt. Aber der jüngste Preisverfall beim Rohöl war nicht so krass, um sich ernsthaft auf diese Faktoren auszuwirken." Nach Tschebotarjowas Meinung habe das eher einen psychologischen als einen fundamentalen Einfluss auf den russischen Markt gehabt.

    "Zudem wurde ein Kurssturz in diesem Jahr auch auf anderen Schwellenmärkten registriert, darunter in Saudi-Arabien und erst vor kurzem in Indien und Brasilien. Das kann den russischen Markt ebenfalls unter Druck setzen, wenngleich es keinen unmittelbaren Zusammenhang bei der Entwicklung in diesen Ländern gibt. Aber globale Investoren, die diversifizierte Aktienbestände haben, machen die Verluste auf einem Markt durch den Verkauf von Aktien auf einem ganz anderen Markt wett. Deshalb tangiert der Preisverfall auf asiatischen Märkten auch die russische Börse", sagte Tschebotarjowa.

    "Dass der russische Effektenmarkt derzeit im Zeichen von Kurskorrekturen steht, ist nicht verwunderlich", sagte der Analyst Sergej Sawerski vom Institut für komplexe strategische Forschungen (IKSI). Der russische Markt leide an zahlreichen chronischen Problemen. Dazu zählte der Experte die harten Einschränkungen bei der Wahl von Instrumenten für die Investoren. "Das Vorhandensein von weniger als zwei Dutzend mehr oder weniger liquiden Papieren von wenigen Branchen, vor allem Rohstoffbranchen, gestattet es nicht, mit tatsächlich tiefgreifenden Änderungen und der Milderung der Stimmung der Spekulanten zu rechnen. Solange die Anleger keine große Auswahl an Instrumenten haben, wird es auch künftig zu spekulativen Sprüngen und jähen Korrekturen kommen", so Sawerski.

    Indes konnte der massive Kurssturz auf dem russischen Markt gestoppt werden. Die meisten Schwergewichte zogen zum Börsenschluss um drei bis zwölf Prozent an. Der Leitindex RTS notierte mit einem kräftigen Plus von 6,75 Prozent bei 1407,49 Punkten.

    Ungeachtet der Ungewissheit in Bezug auf die weiteren Tendenzen auf dem russischen Markt sind mehrere Experten der Ansicht, dass der Markt bereits am Boden liegt und die Preise für die meisten russischen Blue chips nun wieder attraktiv geworden sind.

    "Der Markt wird sich erholen, Kurskorrekturen nach oben sind unausweichlich, weil kurzfristige Investitionen in Wertpapiere angesichts der laufenden (niedrigen) Preise und der hohen Liquidität der Anleger ziemlich attraktiv sind", sagte Tschebotarjowa. "Wenn der Markt seine früheren Werte wieder erreicht, wird es ebenfalls zu Gewinnmitnahmen kommen, weil die Investoren nach dem jüngsten krassen Fall vorsichtiger werden", sagte die Expertin.

    Sawerski rechnet nicht mit einem weiteren Preisverfall an der russischen Börse. "Der Markt wird sich in den nächsten Wochen eher stabilisieren. Dabei dürfte der RTS-Index zum Jahresende leicht ansteigen. Aber ohne grundlegende Veränderungen in der Struktur der Wirtschaft als Ganzes wie auch auf dem Finanzmarkt selbst werden ab und zu solche 'Seifenblasen' entstehen und wieder platzen", sagte Sawerski.

    "Bis Ende Sommer wird der Markt vor sich hin dümpeln und der RTS-Index zwischen 1300 und 1400 Punkten pendeln", äußerte Michail Pak vom Investmenthaus FinAm.

    Die Experten sind der Ansicht, dass der jüngste Preisverfall auf dem russischen Markt sich nicht auf die einfachen Bürger auswirken wird. Die meisten Player an der Börse sind ausländische Spekulanten, die ihre Gewinne als erste mitnehmen. Aber in Großstädten, wo die Bevölkerung ihr Geld allmählich in Investmentfonds anlegt, hängt vieles vom Vorgehen dieser Fonds ab. "Ich denke nicht, dass der Preisverfall auf dem russischen Aktienmarkt die Landesbevölkerung stark tangiert hat, weil nur wenige Bürger Russlands an der Börse spielen", sagte Pak.

    Tschebotarjowa zufolge gibt es in Russland nur wenige Bürger, die ihr Geld in Aktien oder in Investmentfonds anlegen. "Aber das Problem besteht darin, dass die meisten Mittel von der Bevölkerung gerade nach starken Kurssprüngen nach oben auf den Markt fließen. So hatten Investmentfonds Anfang dieses Jahres von Mitteln der Bevölkerung stark profitiert", fuhr die Expertin fort. "Dabei hängt alles davon ab, wann die Anlagen gemacht wurden. Diejenigen, die ihr Geld im Januar investierten, befinden sich immer noch in der Gewinnzone. Aber jene, die sich für diesen Schritt im Mai entschlossen haben, könnten bis zu 25 Prozent verlieren", sagte Tschebotarjowa.

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