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    Nachruf auf den ukrainischen Militär-Industrie-Komplex

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    Der Abbau der militärtechnischen Zusammenarbeit mit Russland bringt die Arbeiter der Betriebe der ukrainischen Verteidigungsindustrie um ihre Existenzmittel.

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    MOSKAU, 15. Juni (Juri Saizew für RIA Novosti).

    Anscheinend existiert das Projekt des russisch-ukrainischen Transportflugzeuges An-70, das als strategische Richtung der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern gegolten hat, nicht mehr. Und das, obwohl die Präsidenten Wladimir Putin und Leonid Kutschma mehrmals über seine Wichtigkeit und großen Perspektiven gesprochen hatten.

    Die offizielle Version der russischen Seite, die Verteidigungsminister Sergej Iwanow bekannt gab, sieht folgendermaßen aus: "Das An-70-Projekt wird entsprechend der technischen Aufgabe durchgeführt, die 1984 gestellt worden war. Und es ist kein Ende abzusehen." Als Hauptvorzug des Flugzeuges galt die Möglichkeit eines kürzeren Anlaufs beim Start und der Landung auf unbefestigter Piste. Heute ist es schon offensichtlich, dass die An-70 eine eben solche Start- und Landebahn wie auch die schwere Il-76, aber bei einer viel geringeren Ladefähigkeit und Flugweite brauchen wird.

    Im Grunde wurde das Schicksal der An-70 wie auch vieler anderer Militärprojekte, die in Russland unter Beteiligung der Ukraine umgesetzt werden, mit dem Machtantritt der Administration Viktor Juschtschenko schon vorausbestimmt, der den Weg der Ukraine in die NATO verkündet hat. Im Dezember vorigen Jahres erklärte Sergej Iwanow: "Die Absichten Kiews, NATO-Mitglied zu werden, können nicht umhin, Russland zu beunruhigen." Und er gab zu verstehen: Dies werde sich vor allem auf die Zerstörung der Kooperationsbeziehungen im Bereich des Militär-Industrie-Komplexes auswirken. In diesem Fall, so der Minister, werden die ukrainischen Verteidigungsbetriebe früher oder später mit allen daraus resultierenden Folgen einfach dahinsiechen.

    Die Ukraine übernahm von der UdSSR fast ein Drittel des gesamten Wissenschafts- und Produktionspotentials des einst einheitlichen Militär-Industrie-Komplexes des Landes. Einigen Schätzungen zufolge macht das etwa 70 Prozent der ukrainischen Industrie aus. Dadurch wurde Kiew innerhalb kurzer Zeit einer der sichtbarsten Akteure auf dem Waffenweltmarkt.

    Aber die Ukraine hatte, wie auch alle anderen Nachfolgerepubliken der UdSSR, keine geschlossenen Waffenproduktionszyklen und hängt heute von Komplettierungsteilen aus Russland ab. Moskau hängt seinerseits von Kiew ab.

    Laut Sergej Iwanow funktionierten bis zum Jahr 2005 im Rahmen der GUS-Kooperationsschemen und des Vorzugshandels mit militärischen Erzeugnissen 1330 Betriebe der Russischen Föderation und der Ukraine. "Der Anteil unseres Landes am Gesamtumfang des ukrainischen Imports von Erzeugnissen der Verteidigungsindustrie betrug 22,8 Prozent, und der Anteil des ukrainischen Exports auf dem russischen Markt machte unterschiedlichen Schätzungen zufolge 50 bis 60 Prozent aus", betonte der Minister.

    95 Prozent der russischen Hubschrauber werden heute mit Triebwerken des ukrainischen Werkes Motor Sitsch in Saporoschje ausgerüstet. Das Werk produziert auch die Triebwerke für das Amphibienflugzeug Be-200 und das Übungsflugzeug Jak-130. In der Ukraine werden auch Motoren für große Kriegsschiffe, die allerdings heute in Russland nicht gebaut werden, sowie für Luftkissen-Landungsschiffe hergestellt. Die Lastkraftwagen KrAS, auf denen der Fla-Raketenkomplex S-300 montiert wird, werden in Krementschug, die Radartürme dafür in Nowokramatorsk und die Elektronik in Lwow produziert.

    "Im Ganzen zählt der russisch-ukrainische Warenstrom für Verteidigungszwecke 7000 bis 8000 Artikel", teilte der russische Verteidigungsminister mit. Dabei erfolgt des öfteren einfach ein Austausch von Komplettierungsteilen. Es gibt auch andere Situationen, wo sich die Werke in der Ukraine befinden und die Konstruktionsbüros in Russland geblieben sind. Und umgekehrt. Deshalb haben hier die gemeinsamen Arbeiten schon halb legale Formen.

    Im vorigen Jahr erzielte Kiew aus dem Waffenhandel etwa 680 Millionen US-Dollar. Dabei brachte die Zusammenarbeit mit Moskau etwa 200 Millionen US-Dollar davon.

    Selbstverständlich wird die Zerstörung der Kooperationsbeziehungen für die beiden Seiten schmerzhaft sein und zu zusätzlichen Ausgaben führen. Aber es kommt gerade darauf an, dass Russland die Beziehungen bewusst abbricht. Der Militär-Industrie-Komplex ist eine Komponente der nationalen Sicherheit und darf nicht von den Stimmungen in der NATO, ungeachtet all ihrer heutigen Aufrufe zur Partnerschaft und der Versicherungen ihrer Loyalität, abhängen.

    Ist das normal, wenn Zielsuchköpfe für russische Raketen oder Gasturbinenanlagen für Schiffe der russischen Seekriegsflotte in einem anderen, wenn auch sogar "brüderlich" verbundenen slawischen Staat hergestellt werden?

    Kiew lieferte traditionell die Ausrüstungen und die Flugzeugbewaffnung für die russischen Jagdjets Su-30MKI und Su-30MKK, die nach Indien und China exportiert werden. Wenn aber Anfang der 1990er Jahre 44 ukrainische Betriebe an der Produktion der Jagdjets Su-27 für Peking beteiligt waren, so ging ihre Zahl bei der Herstellung der Su-30MKK auf 14 zurück. An der Lizenzmontage der SU-30MKI in Delhi beteiligen sich nur zwei Betriebe.

    Sogar bei einer oberflächlichen Berechnung stellt es sich heraus, dass der Schaden für die Ukraine durch den Abbau der Verteidigungskooperation etwa 200 Millionen US-Dollar im Jahr betragen kann. Dabei betreffen fast alle Verluste den ukrainisch-russischen Export nach Drittländern.

    In den letzten Jahren finden russische Produzenten immer häufiger Möglichkeiten für die Herstellung von Komplettierungsteilen analog den ukrainischen mit eigenen Kräften. Ein Verzicht auf ukrainische Lieferungen erfolgt sogar in Fällen, wo die Eigenproduktion teurer ist und die Herstellungsqualität manchmal zweifelhaft ist. Im Ganzen werden die russischen Betriebe die meisten ukrainischen Komplettierungsteile in zwei bis drei Jahren selbständig produzieren können. Die kompliziertesten Probleme können wohl bei den Hubschraubermotoren entstehen. Aber ihre Produktion kann in Rybinsk in die Wege geleitet werden. Mehr noch. Es ist geplant, in Russland eine Motorenbauholding zu gründen. Eine der Aufgaben dieser Holding wird die Entwicklung eines Hubschraubertriebwerkes der fünften Generation sein. Das ukrainische Werk Motor Sitsch bekundete schon den Wunsch, dieser Holding beizutreten. Das erklärte der Präsident des Unternehmens, Wjatscheslaw Boguslajew. Die Ersatzteile für die Transportflugzeuge der ukrainischen Firma "Antonow" können in den Flugzeugwerken in Woronesch und Omsk produziert werden. Die Türme für die Radarantennen des Fla-Raketenkomplexes S-300 kann jedes russische Werk herstellen.

    Nirgendwo in der Welt gab es ein solches kosmisches Raketenzentrum wie in Dnepropetrowsk - ein einzigartiges Objekt, das es in der Geschichte wohl kaum noch einmal geben wird. Dort wurden die besten ballistischen Raketen der Welt und auf ihrer Grundlage entwickelte Trägerraketen projektiert und gebaut. Darunter die interkontinentale ballistische Rakete mit einem acht Tonnen schweren Kopfteil mit zehn Zielsuch-Gefechtsköpfen SS-18 Satan. In Russland wird sie als Wojewoda bezeichnet. Aber diese Rakete wird ausgemustert. Und die ukrainischen Spezialisten kontrollieren heute nur dieses Erzeugnis und beteiligen sich an den Starts der Trägerrakete Dnepr, die auf ihrer Grundlage entwickelt wurde. Dabei werden die Starts entweder vom Kosmodrom Baikonur in Kasachstan, das Russland langfristig gepachtet hat, oder von der Ortschaft Dombrowski im Gebiet Orenburg vorgenommen, wo ein Verband der russischen strategischen Raketentruppen stationiert ist.

    Russland braucht auch die interkontinentale ballistische Rakete SS-24 Scalpel nicht mehr, die von einem Schienenfahrzeug aus gestartet werden konnte. Der letzte Gefechtskomplex mit SS-24 wurde Anfang dieses Jahres liquidiert. Statt der Satan und Scalpel produzieren die russischen Raketenbauer die einzigartigen Raketen aus eigener Entwicklung Topol-M (sie wurden schon in die Bewaffnung aufgenommen) und Bulawa (gegenwärtig finden ihre Flugerprobungen von einem strategischen U-Boot aus statt). Meines Erachtens ist heute der Aufbau einer selbstsuffizienten kosmischen Raketenbranche in der Ukraine ohne russische Beteiligung einfach irreal. Obwohl die Führung des Landes versucht, wenigstens auf dem Markt der Startleistungen festen Fuß zu fassen und Grundlagen der strategischen Perspektive mit einem hohen kommerziellen Nutzeffekt zu schaffen. Freilich erfolgen ziemlich regelmäßig Starts der ukrainischen Trägerrakete Zenit-3SL nach dem Sea-Launch-Programm (Sea Launch - maritimer Start). Es wurden insgesamt schon 19 solche Starts vorgenommen. Aber der Anteil der russischen Komplettierungsteile an ihrer Produktion, einschließlich der Triebwerke - des wichtigsten und teuersten Teils - macht im Geldausdruck mehr als 60 Prozent der Kosten der Trägerrakete aus. Es ist geplant, 2006 bis 2007 auch die erste Trägerrakete Zenit-M (zweistufige Variante Zenit-2M und dreistufige Variante Zenit-3M) nach dem Programm Bodenstart zu starten. Jährlich sollen drei bis vier Starts erfolgen und in fünf bis sechs Jahren soll sich das Projekt amortisiert haben. Aber unter Berücksichtigung des russischen Beitrags bei der Herstellung der Trägerrakete und beim Bau des Startkomplexes wird der Anteil Russlands am Gewinn aus dem kommerziellen Einsatz der Zenit-M wiederum 70 Prozent und der Anteil der Ukraine nur 30 Prozent betragen. Die Zerstörung der russisch-ukrainischen militärtechnischen Zusammenarbeit ist auch eine Tragödie für die Menschen, die Profis mit der höchsten Qualifikation sind und die besten Waffenmuster der Welt produziert haben: zumindest, was strategische Raketen, Flugzeuge und Luftverteidigungssysteme betrifft. Wie Wladimir Scharichin, stellvertretender Direktor des Instituts für die GUS-Länder in Moskau, bemerkte, "kommen die Komplettierungsteile für viele russische Waffensysteme in erster Linie aus Betrieben in Lwow und Iwano-Frankowsk." Und das ist die selbe Westukraine, die die Führer der "orange Revolution" unterstützt hat. Der Abbau der militärtechnischen Zusammenarbeit mit Russland wird die Arbeiter der dortigen Betriebe der Verteidigungsindustrie um ihre Existenzmittel bringen.

    Juri Kljutschkowski, Vertreter von Präsident Viktor Juschtschenko in der Obersten Rada (ukrainisches Parlament), sagte, dass er den Worten des russischen Verteidigungsministers Sergej Iwanow über die mögliche Einstellung der militärtechnischen Zusammenarbeit im Falle des NATO-Beitritts der Ukraine nur wenig glaube. Ihm zufolge hat sich Russland stets durch Pragmatismus ausgezeichnet. Wenn es für Russland vorteilhaft wäre, die Zusammenarbeit mit der Ukraine im Bereich des Militär-Industrie-Komplexes einzustellen, so hätte es das schon getan. Aber für Russland ist es nicht vorteilhaft, und es ist gezwungen, so zu handeln. Kljutschkowski hob auch hervor, dass die meisten Verträge mit Russland durch Verträge mit den NATO-Ländern abgelöst würden, wenn die Ukraine dieser Organisation beitritt.

    "Wer's glaubt, wird selig", heißt es. Das durchlebten schon die Betriebe der Verteidigungsindustrie in den Ländern Osteuropas. Viele davon wurden geschlossen.

    Die Ukraine wird sich vollständig auf die NATO-Standards umstellen müssen. Obendrein wird ihr eine untergeordnete Rolle zugedacht, und die NATO-Beamten werden sie zwingen, teure amerikanische, deutsche und französische Waffen zu kaufen, und sich bemühen, dass die ukrainischen Kapazitäten der Rüstungsindustrie nicht zu aktiv funktionieren. Kaum werden die NATO-Länder die leer gewordenen Hallen der ukrainischen Werke auch für die Produktion von eigener Technik nutzen wollen. Dafür wird man sie durchgreifend neu ausrüsten müssen.

    Es ist über jeden Zweifel erhaben, dass das Dokument über die Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO zum Nachruf für den ukrainischen Militär-Industrie-Komplex wird. Moskau wird keine andere Möglichkeit haben, als die Zusammenarbeit mit der Ukraine auf diesem Gebiet einzustellen. In den strategischen Richtungen muss man von den Stimmungen in der ukrainischen Politik unabhängig sein, die, wie die Praxis gezeigt hat, recht unberechenbar ist. Die Ukraine wird nach Partnern in den Ländern der dritten Welt suchen oder im besten Fall zu einer Montagehalle für die Bewaffnung der NATO-Länder werden müssen. Nach Meinung von Experten ist auch ein drittes Szenario nicht ausgeschlossen: Die verbliebene Verteidigungsindustrie der Ukraine wird zu einem Servicezentrum für alte sowjetische Technik werden, die über die ganze Welt verstreut ist.

    Zum Verfasser:

    Juri Saizew ist Experte des Instituts für Weltraumforschung der Russischen Akademie der Wissenschaften.