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    Komponist Dmitri Schostakowitsch: "Musik ist mein ganzes Leben"

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    Der sowjetrussische Komponist Schostakowitsch war schon zu seinen Lebzeiten weltbekannt und wurde zugleich in der Heimat scharf kritisiert. Sein Verhalten war widerspruchsvoll, seine Musik groß.

    MOSKAU, 07. August (Jekaterina Worobjowa, RIA Novosti.) Dmitri Schostakowitsch (1906 - 1975) ist in der Welt der Musik ein Begriff. Er war ein ungewöhnlicher Mensch, ein talentierter Pianist und genialer Komponist, dessen Leben und Wirken die ganze, oft tragische und widerspruchsvolle Geschichte des Russland des 20. Jahrhunderts widerspiegelt. Alle Probleme und Freuden, das ganze Auf und Ab seines Landes, seines Volkes und des einzelnen Menschen ergriffen sein Herz und fanden ihren Ausdruck in seiner Musik. Wie der hervorragende russische Musiker unserer Tage Wladimir Spiwakow gesagt hat, sei das eine blutende Musik, worin sich die persönliche Emotion zu einer gesamtmenschlichen, ja weltweiten Emotion steigere.

    Für die Herausbildung einer Persönlichkeit vom Format eines Schostakowitsch ist die Kombination mehrerer Bestandteile wichtig: Talent, die Verwurzelung in der außerordentlich reichen russischen Musikkultur; die tragischen Lehren des Lebens, die eine verwundbare Seele erziehen, doch zugleich die Eigenschaften eines Kämpfers härten. Von all dem mangelte es in Dmitri Schostakowitschs Leben nicht.

    Der künftige Komponist wurde am 25. September 1906 in Sankt Petersburg, in der Familie von Dmitri und Sofja Schostakowitsch geboren. Die Eltern waren zwar keine Berufsmusiker, waren jedoch musikalisch begabt und betrachteten die Musik als für die Bildung der Kinder unerlässlich (die Familie hatte noch zwei Mädchen, Marija und Soja, beide etwas älter als Dmitri). In seiner Autobiographie schrieb der Komponist: "Meine Mutter ... bestand darauf, dass ich Klavier spielen lerne." Sie war auch seine erste Pädagogin - "herrlich für einen Anfänger", wie er später bemerkte.

    Es ging rasch voran. Wie es sich erwies, hatte der Junge absolutes Gehör und ein gutes Gedächtnis. Und obwohl ihn die "bittere Wurzel des Lernens" und der Anblick der "dünnen Linien", nach denen die älteste Schwester im Klavierspiel unterwiesen wurde, einschüchterte, spielte der Neunjährige einen Monat später das Andante aus einer Sinfonie von Haydn sowie ein Menuett und eine Sonatine von Mozart. In diese Zeit fallen auch die ersten Kompositionsversuche. Erstaunlich, aber schon damals war ein wichtiger Zug zu bemerken, der dem Stil des Komponisten eignete: Der Sinn des Schaffens bestand für ihn darin, in der Sprache der Musik über persönliche Eindrücke von Ereignissen zu berichten, die gleichsam selbstständig erlebt wurden und zugleich durchdacht waren. Unter dem Eindruck der revolutionären Kollisionen, deren Zeuge und bisweilen Teilnehmer der junge Komponist war, schrieb er 1917 die Stücke "Freiheitshymne", den "Trauermarsch zum Andenken an die Opfer der Revolution" und das nicht abgeschlossene Werk "Revolutionäres Petrograd". Das Thema der Revolution, das Schicksal eines ihrer Haupthelden - der millionenstarken Volksmasse, die durch ein gemeinsames Ziel, die gleichen Gefühle zusammengeschlossen ist - sollte von da an in Dmitri Schostakowitschs musikdramatischen Konzeptionen einen wichtigen Platz einnehmen.

    Auf den begabten Jungen wurde Alexander Glasunow, Direktor des Petrograder Konservatoriums, aufmerksam, und schon mit 13 Jahren war Schostakowitsch Student einer der besten Musikhochschulen Russlands, in welcher die Traditionen der Schule von Nikolai Rimski-Korsakow gepflegt und weiterentwickelt wurden. Schostakowitsch studierte bei führenden Professoren: Klavierspiel bei Leonid Nikolajew (absolviert 1923) und Komposition bei Maximilian Steinberg (absolviert 1925).

    In seinen Werken aus der Studienzeit (Scherzo für Orchester, "Drei phantastische Tänze", zwei Fabeln nach Iwan Krylow für Singstimme und Orchester u. a.) äußerte sich die Neigung zum Scherz und ironischen Überspitzen, aber auch die Neigung zum Bühnenmusikalischen. Die Diplomarbeit des neunzehnjährigen Absolventen war die Erste Sinfonie. Am 12. Mai 1926 im Großen Saal der Leningrader Philharmonie von deren Orchester unter der Stabführung Nikolai Mankos aufgeführt, gestaltete sie sich zu einem großen Ereignis im musikalischen Leben und bildete den ersten Schritt zur Bekanntschaft der Welt mit dem Autor. Der Schriftsteller Irakli Andronnikow, der der Uraufführung des Werkes beiwohnte, schrieb später: "Mit jedem Takt offenbarte sich dem Publikum ein Musiker von einem ungewöhnlichen Denken, Talent, Charakter, Antlitz, Format, einer ungewöhnlichen Stilart und Ausdrucksweise."

    Nach der Absolvierung des Konservatoriums experimentierte Schostakowitsch viel und versuchte sich auf verschiedenen Gebieten, in verschiedenen Genres und Stilen. Er konzertierte aktiv und erhielt sogar ein Ehrendiplom beim 1. Internationalen Chopin-Pianistenwettbewerb in Warschau. Auch schrieb er Musik für avantgardistische Aufführungen in dem Meyerhold-Theater und dem Theater der Arbeiterjugend, wirkte an Filmstudios mit, schrieb die Ballette "Das goldene Zeitalter" und "Der Bolzen" und erreichte in einer für ihn neuen Gattung einen Gipfelpunkt seines frühen Schaffens: die Oper "Die Nase" nach einer Erzählung von Nikolai Gogol. Selbst in der Sinfoniesprache, die er schon erprobt hatte, traten radikale und für jene Zeit extravagante Züge zu Tage (Zweite Sinfonie mit Chor, "Widmung für den Oktober", und Dritte Sinfonie mit Chor, "Der 1. Mai").

    1932 vollendete Schostakowitsch die Partitur seiner zweiten Oper, "Lady Macbeth von Mzensk" (später in "Katerina Ismailowa" umbenannt), worin das Sujet von Nikolai Leskows Erzählung als Drama eines ausgeprägten Frauencharakters unter den Bedingungen einer ungerechten Gesellschaftsordnung umgedacht war.

    Die Oper hatte sowohl beim Publikum als auch bei der Kritik einen durchschlagenden Erfolg. Vor ihrem Verbot wurde sie - ein beispielloser Fall! - 83-mal in Leningrad, 94-mal in Moskau aufgeführt sowie in Stockholm, Prag, New York, London, Zürich und Kopenhagen inszeniert und der Autor überall als Genie gefeiert. Aber im Januar 1936 besuchte Jossif Stalin eine Vorstellung der Oper und war durch die Kühnheit der Musiksprache, die Selbstständigkeit des Denkens, die ausgesprochen tragische Fabel geschockt, denn all das wollte sich nicht in die propagandistische Konzeption des Lobpreisens des "neuen und schönen Lebens" im Lande des Sozialismus einfügen. In der Hauptzeitung des Landes, der "Prawda", erschienen die redaktionellen Artikel "Kakophonie statt Musik" und "Ballett-Lügen", die die Oper und das Ballett von Schostakowitsch scharf kritisierten.

    Nach den Artikeln in der "Prawda", welche für viele Jahre die Entwicklungswege der sowjetischen Musik bestimmten, verschwanden die meisten Werke von Dmitri Schostakowitsch aus der Zeit vor 1936 beinahe völlig aus dem Kulturleben des Landes. Der Komponist, der seine neue, Vierte Sinfonie abschloss (sie war laut Pressestimmen aus jener Zeit der Verteidigung des Landes gegen die drohende Gefahr des Faschismus gewidmet), musste ihre Uraufführung für lange 26 Jahre aufschieben. Diese fand erst 1961 statt. Was "Katerina Ismailowa" angeht, so wurde sie 1962 in der Heimat "rehabilitiert". Werke der 20er Jahre wurden (mit Ausnahme der Ersten Sinfonie und einiger Miniaturen) bis Mitte der 60er Jahre in der UdSSR nicht gespielt, und "Die Nase" erschien erst 1974 auf der Bühne wieder.

    Trotz alledem war Dmitri Schostakowitsch ein offiziell favorisierter und äußerlich durchaus anerkannter "Hofkomponist", er erhielt zahlreiche höchste Staatspreise: den Staatspreis der UdSSR (1941, 1942, 1946, 1950, 1952, 1968), den Staatspreis der RSFSR (1974) und den Internationalen Friedenspreis (1954), ihm wurden der Titel des Volkskünstlers der UdSSR (1954) und der des Helden der Sozialistischen Arbeit (1966) verliehen. Der Komponist kannte keine materiellen Schwierigkeiten, er wurde wie ein sehr hoher Beamter versorgt. Schostakowitsch vertrat die Sowjetunion ständig auf den zahlreichen ausländischen Konferenzen der Friedenskämpfer und besuchte viele Länder, die gleichsam miteinander um die Ehre rivalisierten, diesen Koryphäen bei sich zu empfangen. In vielerlei Hinsicht war dies Ergebnis eines bewussten äußeren Konformismus, einer einmal für immer angenommenen Verhaltensweise gegenüber der Macht: um des Schaffens, um der Möglichkeit willen, in und mit der Musik zu leben.

    Doch die tief verdrängten Gedanken und Empfindungen des Komponisten brachen sich in seinen Werken Bahn. Und während die Musikkritik der Sowjetzeit (anhand der reuevollen Äußerungen und Interviews des Komponisten selbst) betonte, dass der Musiker für die gerechte kameradschaftliche Kritik in hohem Grade offen sei, werden die Werke aus der Zeit nach den "Prawda"-Artikeln gegenwärtig als ein zutiefst tragisches Dokument der Epoche der Unterdrückung des Schöpfers durch die Macht betrachtet, zeugen sie doch mit einer erschütternden emotionellen Glaubwürdigkeit von der inneren Freiheit des Autors, die sich in diesen Werken realisierte. Die Fünfte Sinfonie, die 1937 uraufgeführt wurde, ist das erste Werk dieser Reihe.

    Auf die faschistische Invasion reagierte Schostakowitsch mit seiner Siebenten, "Leningrader" Sinfonie, die weltweit als Symbol des Kampfes gegen den Faschismus Anerkennung fand. In den Kriegsjahren wurde der Komponist mit einer Sonderfahrt aus dem von den Faschisten belagerten Leningrad evakuiert. Die im Hinterland vollendete Sinfonie wurde mitten in der wütenden Blockade erstmalig vom Orchester des Moskauer Bolschoi-Theaters gespielt und von allen Rundfunkstationen der Sowjetunion übertragen, was sonst nur bei den wichtigsten Regierungsmitteilungen üblich war. Der Erfolg war enorm. Die Sinfonie verlieh den heldenhaften Verteidigern der nördlichen Metropole neuen Mut.

    Die mit dem Krieg verbundenen inneren Erlebnisse des Komponisten, die Hoffnungen auf eine Erneuerung nach dem Krieg, aber auch der "schwarze Humor" angesichts der enttäuschten Hoffnungen fanden ihren Ausdruck in Werken für Klavier und Streichinstrumente aus der Kriegszeit sowie in der Neunten Sinfonie (1945), die eine weitere Missbilligung der Behörden hervorrief, so dass sie die Musik des Komponisten als "formalistisch" und "dem Sowjetvolk wesensfremd" verrissen.

    Trotzdem komponierte Schostakowitsch weiter. Schon traditionell arbeitete er im Genre der Sinfonie, versuchte es mit Oratorien und Kantaten ("Das Lied von den Wäldern" von 1949, "Über unserer Heimat scheint die Sonne" von 1952) und fand innere Ruhe und Konzentration in der Kammermusik (Quartette, Suiten und Sonaten); schrieb außerdem viele Filmmusiken, darunter für so weltweit bekannte Streifen wie "Hamlet" (1964) und "König Lear" (1970). Ein offener Hang zur Freidenkerei trat in der Dreizehnten Sinfonie nach Gedichten von Jewgeni Jewtuschenko (1962) und dem chorsinfonischen Poem "Die Hinrichtung des Stepan Rasin" (1964) zu Tage.

    Das wahre Maß von Schostakowitschs Talent offenbarte sich vor allem in einer Serie von autobiographischen Partituren seiner letzten zwanzig Lebensjahre. Sie stellen eine Analyse des Erlebten und den Abschied vom erschöpfenden Leben dar, ausgedrückt mit Hilfe von Symbolmotiven, Zitaten aus den eigenen früheren Werken oder aus der Musik anderer Komponisten. Zu den Arbeiten dieser trauervollen Serie gehören das Streichquartett Nr. 8 (1960), die Vierzehnte Sinfonie nach Gedichten von Apollinaire, Rilke, Küchelbecker u. a. (1969), die Fünfzehnte Sinfonie (1971), eine Suite nach Michelangelo und eine Sonate für Alt und Klavier (1975, das letzte Werk von Schostakowitsch).

    Er starb im August 1975 in dem für die Kreml-Mächtigen bestimmten Moskauer Krankenhaus an einer Herzattacke. Es heißt, dass der Komponist vor dem Tode noch zwei Sätze seiner Sechzehnten Sinfonie beendete. Möglicherweise wird die Welt einst auch dieses unbekannte Kapitel aus der Biographie des großen Komponisten entdecken und aus den Noten und Klängen etwas über ihn und seine Zeit herauslesen und -hören können. Sagte doch der Komponist selbst: "Musik ist mein ganzes Leben."

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