07:21 26 September 2017
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    Grigori Perelman, ein jüdisches Genie der russischen Mathematik

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    Was unterscheidet ein Genie von einer Mittelmäßigkeit? Durch den Beweis der Poincaré-Vermutung hat sich Grigori Perelman unter die größten Genies der Vergangenheit und Gegenwart eingereiht

    MOSKAU, 25. August (Boris Kaimakow, RIA Novosti.) Anscheinend haben wir es verlernt, vor Staunen in begeisterte Rufe auszubrechen. Diesmal aber muss es sein.

    Der Kerl aus Petersburg Grigori Perelman, der sich wie der Stadtverrückte aufführt, hat den Schöpfer am Bart gefasst und ihm die Grundlagen des Alls erklärt. Die Welt kippte hierbei nicht um, bot aber Grigori Perelman immerhin die Fields-Medaille, diesen "Nobelpreis für Mathematik", und eine Million Dollar an. Und da musste die Welt noch ein verwundertes Ach ausstoßen. Das Genie aus Petersburg schlug alle irdischen Ehren aus. Er hat sich in seiner kleinen Wohnung am Rande von Sankt Petersburg, die er mit seiner Mutter teilt, eingeschlossen. Seine Logik eines Genies ist den Eingeweihten verständlich: Wozu habe ich eure Medaille und die Million nötig, wenn ich aus dem Selbstgespräch im Grenzenlosen die Ekstase schöpfe?

    Wir, meine Freunde und ich, strebten diese Million in einem Schulzirkel vor gut vierzig Jahren sehr wohl an, als wir uns mit der Enträtselung der Poincaré-Vermutung herumschlugen. Das ist schön ausgedrückt, "herumschlugen", denn in Wirklichkeit redeten wir lauter Unsinn zusammen. Allerdings erklärte später einer von uns bei einem Treffen nicht ohne Stolz: "Alles, was in der Atmosphäre fliegt, stammt von mir", ein anderer ist Träger des höchst prestigeträchtigen Tschebyschew-Mathematikpreises, und weitere zwei haben sich zur Zeit in Amerikas mathematischem Dschungel verirrt.

    Anders als Grigori Perelman hätten wir den Preis nicht ausgeschlagen, aber das ist es eben: Nicht wir haben die Poincaré-Vermutung enträtselt. Er dagegen dachte nur an den Beweis. Immerhin ein gewisser Unterschied, wie der Leser mir zugestehen wird. Gott küßt jene auf die Stirn, die nicht an den Mammon, sondern an ihn denken.

    Grigori Perelman ist nicht nur ein würdiger Sohn seines Vaters, dessen Physikbücher ein Sprungbrett für diejenigen wurden, welche die entsprechenden Fähigkeiten besaßen. Er ist überdies ein würdiger Sohn der russischen Mathematik, die in der Weltgemeinschaft schon immer Achtung genoss. Mathematiker galten in Russland stets als nationale Genies. Und das System der mathematischen Bildung war eines der besten in der Welt. Zu den Mathematik-Olympiaden auf der Ebene der Rayons, Städte, Gebiete, Unionsrepubliken und schließlich der ganzen Sowjetunion kamen die Allerbesten, die Talentiertesten. Sie kehrten mit Ehrenurkunden und Preisen nach Hause zurück und brachten bereits einen zwar noch kleinen, aber doch einen gewissen Namen in der Mathematikergemeinschaft der eigenen Umgebung mit. Auch Grigori Perelman machte diese Schule der Auswahl durch. 1982 wurde er als einer der Sieger einer Mathematik-Olympiade zu einer internationalen Olympiade zugelassen, wo, wie es sich erwies, keiner an ihn heranreichen konnte. Grigori wurde mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Er war damals 16 und nahm die Medaille an.

    Meist wurden die Eltern solcher Kinder von mathematisch-physikalischen Spezialschulen bei den führenden Universitäten des Landes aus angerufen und aufgefordert, die Kinder voll auf staatliche Kosten die oberen Klassen an solchen Schulen beenden zu lassen. Einige Elemente dieser Selektion haben sich noch erhalten. Ein Freund von mir, der Vater eines Wunderkindes, wurde vor etwa fünf Jahren vom Rektor der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität persönlich angerufen und aufgefordert, den Sohn nach Moskau reisen zu lassen, wo er an der mathematischen Fakultät ohne Aufnahmeprüfungen werde studieren können. Aus irgendeinem Grunde schien es mir: Wenn die russische Mathematikergemeinschaft diese Sorge für die nationalen Talente zeigt, wird die Mathematik bei uns nicht eingehen. Schließlich ist Grigori Perelman von amerikanischen Universitäten nach Russland, in das Steklow-Institut seiner Vaterstadt Petersburg zurückgekehrt.

    Es liegt mir fern, das Mathematikermilieu zu idealisieren. Dort werden vielleicht noch schlauere Intrigen gesponnen als um die Ballerina Anastassija Wolotschkowa im Bolschoi-Theater. Als Grigori Perelman 2002 seinen ersten Beitrag zum Problem der Poincaré-Vermutung veröffentlichte, zweifelte er bestimmt auch selbst an der Richtigkeit seiner Beweise. Ein Genie zweifelt immer, eine Mittelmäßigkeit nie. Und vier lange, qualvolle Jahre wartete er auf das Wichtigste: die Anerkennung der Richtigkeit seiner Beweise. Wie wir sehen, hatten es seine Kollegen beziehungsweise Opponenten nicht eilig. Die Entscheidung unterschrieben drei führende Mathematiker der Welt: Tien, Kleiner und Lott. Die Formulierung zeugt davon, dass sie sich und ihrem wissenschaftlichen Ruf absolut nichts vergeben haben. Sinngemäß heißt es darin: Trotz einiger geringfügiger Ungenauigkeiten und selbst kleiner Fehler sind Perelmans Beweise korrekt.

    Da erst stießen die Leute Bewunderungsrufe aus, sowohl die Eingeweihten als auch die anderen. Marcus du Sautoy von der Universität Oxford ist der Ansicht, dass die Poincaré-Vermutung "das zentrale Problem der Mathematik und Physik ist, ein Versuch, zu verstehen, von welcher Form das All sein könnte, es ist sehr schwer, sich an dieses heranzuschleichen". Grigori Perelman hat es getan. Und heute behauptet die Weltpresse: "Durch den Beweis der Poincaré-Vermutung hat sich Grigori Perelman unter die größten Genies der Vergangenheit und Gegenwart eingereiht." Alles Übrige ist langweilig.

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