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    Moskau ist viel verblüffender als alle Vorstellungen von der Stadt

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    Die Weltstadt Moskau ist viel glanzvoller, lebhafter und überraschender, als gemeinhin gedacht wird. Das Leben schäumt über, und die nächste Zeit wird zeigen, welchen Weg die russische Hauptstadt nimmt.

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    MOSKAU, 05. September (Juri Filippow, RIA Novosti.) Einige westliche Rating-Agenturen behaupten, ab 2006 sei Moskau die teuerste Stadt der Welt. In der Tat können die Moskauer Preise verblüffen, besonders irgendwo in der Stadtmitte, in den Boutiquen und Luxusgeschäften bekannter Firmen. Am schwersten haben es hierbei die Ausländer (darunter auch die Mitarbeiter der Rating-Agenturen); vielleicht deshalb ist die Zahl der ausländischen Touristen, die die Moskauer Sehenswürdigkeiten erleben möchten, im vorigen Jahr um 10 Prozent gegenüber 2004 zurückgegangen. Für einen Reisenden, der aus Westeuropa oder den USA nach Moskau kommt, sind das Visum und das Hotel spürbar teuer und selbst der Eintritt in den Kreml ist offiziell teurer als für Russlands Bürger. Die stabilen fünf Euro für eine Tasse Kaffee in den zentral gelegenen Moskauer Hotels haben bewirkt, dass solide Geschäftsleute, die regelmäßig in die russische Hauptstadt in Geschäften kommen, meist einen Tauchsieder mitbringen.

    Übrigens ist die vielzitierte "Moskauer Teuerung" nur ein kleiner Stein im endlosen Mosaik der Stadt. In Wirklichkeit sollte Moskau (wie auch die weitaus meisten Megapolen) als Stadt einer außerordentlichen Preisdiskriminierung bezeichnet werden. Diese Diskriminierung hat mit einer rechtlichen Beschränkung aus Rassen-, Religions- oder geschlechtlichen Gründen nichts zu tun. Sie ist nur eine Frage des Geldbeutels, des Geschmacks, der Neigungen, der besseren oder schlechteren Informiertheit und der allgemeinen Lebensvorstellungen.

    Die größten Handelsnetze der Welt, die schon nahe daran waren, das Zentrum der russischen Hauptstadt für sich zu erschließen, begriffen bald, dass sie sich hier nicht entwickeln können. Tatsächlich ist der Stadtkern von Moskau viel zu teuer und hat nota bene viel zu wenig Einwohner, als dass hier eine vollwertige Handelsexpansion blühen könnte. So wichen sie denn in die Randgebiete der Megapole Moskau aus, bauten dort riesige Einkaufszentren und senkten die Preise bis auf ein vernünftiges Optimum. Nun schöpfen sie den Rahm des Moskauer Handels ab.

    Offizielle Statistiken behaupten, die russischen Preise wachsen um ungefähr 10 bis 12 Prozent im Jahr. Aber in Moskau können sich die Preise für ein und dieselbe Ware und an ein und demselben Tag stark - um ein Vielfaches! - voneinander unterscheiden. Das hängt davon ab, wo und bei wem man einkauft, wo man am liebsten wohnt, arbeitet und seine Freizeit verbringt. Man bleibe sich treu - und Moskau wird sich einem anpassen.

    Längst vorbei sind die Zeiten, da man sich ohne sich stark zu irren eine Vorstellung von einem so genannten durchschnittlichen Moskauer machen konnte. Heute funktioniert die "Mittelung" nicht mehr, dazu zählt die Hauptstadt viel zu viele Einwohner. Eine der größten Megapolen der Welt, gehört Moskau zu den dreißig am dichtesten besiedelten Städten der Welt. Statistiken behaupten, dass hier zehn bis elf Millionen Menschen ständig wohnen. An den Arbeitstagen, da die Einwohner der Moskauer Umgebung zur Arbeit in die Stadt fahren, steigt ihre Einwohnerzahl auf bis zu 14 Millionen an. Jedes Jahr erhöht die Immigration allein die Zahl der Moskauer um ungefähr 50 000 Personen, die nicht nur aus ganz Russland, sondern auch aus den Republiken des Kaukasus und dem postsowjetischen Osteuropa herkommen. Und das sind nur die offiziellen Angaben.

    Mit der raschen Ausbreitung tauchte eine Menge von Problemen auf. Wohl das komplizierteste davon ist: Was stellt das heutige Moskau eigentlich dar? Wie auch das ganze übrige Russland sucht Moskau in den letzten Jahren beharrlich nach einem neuen Image, hat sich jedoch noch nicht endgültig zu etwas Bestimmtem entschlossen. Kurz vor den Feierlichkeiten zum Tag der Stadt (2. September) beschloss die Moskauer Regierung, für die Förderung des hauptstädtischen Images rund 700 Millionen Rubel (etwa 26 Millionen Dollar) bereitzustellen, doch der Moskauer Oberbürgermeister Juri Luschkow war der Meinung, dass es mit der endgültigen und unumkehrbaren Bestimmung des Images noch Zeit habe. Moskau ist viel zu bunt, um plötzlich zu erklären, wie es in Wirklichkeit beschaffen ist.

    Im September feierte Russlands Hauptstadt also wieder einmal den Tag der Stadt, diesmal unter dem Motto "Moskau, Stadt aus Musik und Licht". Und obwohl die Organisatoren der Veranstaltungen alles getan haben, damit bei den Teilnehmern und Gästen des Festes eben dieser Eindruck entstand, ist das Moskau von heute natürlich weder mit Musik noch mit Licht erschöpft.

    Es heißt schon seit langem, Moskau sei nicht bloß eine Stadt, sondern vielmehr ein ganzer Staat. Ein unbekannter Wikipedia-Autor behauptet in seinem Streben nach Originalität, im Osten, Norden, Westen und Süden grenze dieser Staat an Russland. Möglicherweise stimmte das vor zehn oder zwanzig Jahren, da gerade von dort die wichtigsten Menschen- und materiellen Ressourcen nach Moskau fluteten und zum Rohstoff für sein ununterbrochenes Wachstum wurden. Heute aber schieben sich die Grenzen von Moskau viel, viel weiter auseinander.

    Es fällt schwer, sie auch nur annähernd zu ziehen. Denn im Sommer grenzt Moskau unmittelbar an die Türkei, an Spanien und den ganzen Mittelmeerraum, wo die Moskauer ihren Urlaub verbringen, Shopping machen und sich in der freigebigen Sonne bräunen. Wenn die Winterzeit naht, dehnen sich seine Grenzen bis nach Ägypten, Westeuropa und den Inseln Südostasiens aus. Das Jahr über grenzt Moskau an die neuen Staaten des Kaukasus, an Zentralasien, Osteuropa, China und Vietnam, woher sich tagtäglich Menschen- und Warenströme in die Stadt ergießen.

    Selbstverständlich grenzt Moskau auch an alle transnationalen Mammutunternehmen und die führenden nichtstaatlichen Organisationen, die streng genommen keine Grenzen haben. Ebenso, wie Moskau sie nicht haben will.

    Will man ganz genau sein, so grenzt Moskau in Wirklichkeit an das Gebiet Moskau. Mit der Zeit werden diese Grenzen dermaßen relativ, ist Moskau so aktiv und wächst so sehr, dass es bereits mehrere Projekte gibt, die Hauptstadt und das Gebiet zu einer Superregion zu vereinigen.

    Eine wahre Revolution vollzog sich in der städtischen Lebensweise, als sich Moskau Vorstädte zulegte. Selbst nach europäischen Begriffen sind die Moskauer recht wohlbemittelte Menschen. Als Ergänzung zur Moskauer Wohnung hat beinahe jede Familie eine Datsche, ein kleines Haus in einem Dorf oder wenigstens ein Fundament, auf dem, wenn die Besitzer nicht die Hände in den Schoß legen, allmählich eine moderne Villa heranwächst.

    Gerade in der Moskauer Umgebung beginnen die berühmten Moskauer Verkehrsstaus. Madeleine Albright, Ex-Außenministerin der USA, die Moskau vor ein paar Jahren aufsuchte und chronisch zu allen geplanten Treffen zu spät kam, sagte, so etwas von Staus habe sie nicht einmal in New York erlebt. Manchmal hat es den Anschein, als würden die örtlichen Behörden, die fortwährend in den Bau neuer Straßen investieren, auf diese zweifelhafte Sehenswürdigkeit ein wenig stolz sein. Auf jeden Fall wird jetzt niemand bestreiten, dass Moskau von Lebenskraft überschäumt.

    Übrigens werden gerade die Straßenstaus einem Fachmann am besten veranschaulichen, welchen Entwicklungsstand Moskau heute hat. Es hat recht schnell und schmerzlos auf die Hinterlassenschaft der industriellen Jahrzehnte verzichtet, da gigantische Betriebe im Weichbild der Stadt Seite an Seite mit den Wohnvierteln, die von hunderttausenden Arbeitern besiedelt waren, entstanden. Viele von ihnen konnten bis zu ihrem Betrieb laufen oder mit der Straßenbahn fahren - an Staus hatte damals keiner auch nur gedacht. Heute stehen die Betriebe leer oder sind nach außerhalb der Stadt verlegt worden; die ehemaligen Beschäftigten und ihre Kinder haben neue Berufe, die der postindustriellen Ära mit ihrer Mobilität, ihrem Individualismus und Komfortstreben mehr entsprechen. Der relative Preis für ein Auto ist auf einen Bruchteil des früheren gesunken, und schon ist ein Pkw einer unvergleichlich größeren Zahl von Moskauern zugänglich als früher.

    Doch den endgültigen Übergang zum Postindustrialismus hat Moskau natürlich nicht geschafft. Die Transport- und Kommunikationsmittel wie das Internet und die E-Mail, die den Anteil der Arbeit von Zuhause erhöhen und die Straßen entlasten helfen, werden hier nicht in dem Maße genutzt, wie das für die Verbesserung der Stadtökologie gut wäre.

    Ob Russlands Hauptstadt diesen Schritt tut, wird die nächste Zukunft zeigen. Inzwischen steht heute eines fest: Moskau ist viel glanzvoller, interessanter und überraschender als beliebige Vorstellungen von dieser Stadt. Übrigens ließe sich das von jeder Megapole der Welt sagen.

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