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    Die EU-Kandidatin Türkei und das kurdische Kuckucksei

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    Die Anschlagswelle in den türkischen Kurorten macht deutlich, was eine EU-Mitgliedschaft Ankaras mit sich bringen kann.

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    MOSKAU, 05. September (Pjotr Romanow, RIA Novosti). Hinter der jüngsten Welle von Bombenanschlägen in der Türkei stehen - so wird zumindest stark angenommen - Kurden. Seit der USA-Invasion im Nachbarland Irak sind sie wesentlich aktiver geworden, weil sie auf dem schlecht kontrollierten irakischen Territorium einen guten Stützpunkt erhalten haben. Und schon wieder ist dort der Traum eines der ältesten und unglücklichsten Völker der Welt von einem Großen Kurdistan erwacht.

    Kaum ein anderes heute in der UNO vertretenes Volk kann eine derart alte Geschichte aufweisen wie die Kurden, die schon von den alten Ägyptern erwähnt wurden. Auch heute sind die Kurden kein kleines Volk: Laut unterschiedlichen Angaben sind es 20 bis 30 Millionen. Im Unterschied zu irgendeiner vergessenen Insel im Stillen Ozean haben sie aber immer noch keine eigene Staatlichkeit. Sie besiedeln Teile der Türkei, des Iraks, Syriens, Irans, Aserbaidschans und Armeniens. Mancherorts geht es ihnen mehr oder weniger gut, meist aber miserabel.

    Die Türkei, Iran, Syrien, aber auch andere Länder, die eine ständige, von den Kurden ausgehende Gefahr für ihre territoriale Integrität spüren, behandeln dieses Volk nicht gerade mit Samthandschuhen, im Regelfall werden sie aber unverhüllt verfolgt. Andererseits erscheint das Kurdenproblem der heutigen zivilisierten Welt dermaßen unlösbar und explosiv, dass sie es vorzieht, einfach die Augen davor zu verschließen. Die Interessen dieses alten und zahlreichen Volkes zu ignorieren bedeutet aber, es zu provozieren. Behandelt man eine Krankheit nicht, wird sie eben immer akuter.

    Indessen läuft alles - wenn auch stockend - auf eine EU-Mitgliedschaft der Türkei hin. Natürlich müssen die Westeuropäer selbst darüber entscheiden, die Logik eines solchen Schritts lässt aber Fragen entstehen.

    Nicht verständlich ist zum Beispiel, warum die Europäische Union, die sich nicht einmal über ihre gemeinsame Verfassung geeinigt hat, die sich zunächst über den irakischen und jetzt auch über den libanesischen Krieg zerstritten hat, die keinen einheitlichen Standpunkt zum iranischen "Atomdossier" hat, beharrlich auf eine quantitative Vergrößerung zum Nachteil der Qualität hinarbeitet. Ist es nicht verrückt, der Türkei Tür und Tor zu öffnen, wo die Europäer selbst mal einen "Karikaturenskandal", mal "den Brand bei Paris" erleben, vom Terrorismus mit dessen eindeutig nichteuropäischer Färbung ganz zu schweigen.

    Wenn die EU bis jetzt keine adäquaten Maßnahmen konzipieren kann, um dem Zustrom der illegalen Immigranten den Weg zu versperren - was wird sie dann mit diesem durchaus legalen Tsunami machen?

    So würden die Türken auch das Kurdenproblem wie ein Kuckucksei ins europäische Nest mitbringen. Sollten die Kurden das Leben in der Türkei nicht mehr ertragen können, werden sie sich nach Europa begeben. Sollten sie aber in der Türkei bleiben und ihren Unabhängigkeitskampf fortsetzen, würden die Europäer der politischen Korrektheit halber entweder schamvoll die Augen davor verschließen, was mit den Kurden in den türkischen Gefängnissen angestellt wird, oder die Türken lange und völlig hoffnungslos zu überreden versuchen, den Kurden eine umfassende und reale Autonomie auf türkischem Territorium zu bieten.

    Dabei sind die Europäer selbst, nach Umfragen zu urteilen, über diesen von der Türkei aus aufkommenden Tsunami gar nicht erfreut. Etwa die Österreicher machen nicht einmal ein Hehl aus ihrer eindeutig negativen Einstellung dazu. Die EU-Bürokraten scheinen aber keine große Sorge darüber zu empfinden. Besorgte Mienen sind zwar auch bei diesem oder jenem von ihnen zu sehen, aber alles bewegt sich dennoch in Richtung EU-Mitgliedschaft der Türkei.

    Warum? Danach muss man bestimmt nicht mich fragen.