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    Russland: Von Tschetschenien bis Kondopoga

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    Im Vergleich zum bevorstehenden Kampf um die ethnische Integration in Russland war der Tschetschenien-Krieg nur eine kleine Episode.

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    MOSKAU, 07. September (Juri Filippow, RIA Novosti). Die jüngsten Zusammenstöße in der karelischen Stadt Kondopoga, wo sich eine Schlägerei mit mehreren Todesfällen beinahe in einen großen ethnischen Konflikt zwischen örtlichen Einwohnern und angereisten Tschetschenen verwandelt hat, haben sich ausgerechnet zum Jahrestag des Beginns eines anderen großen Konfliktes ereignet, für dessen Beilegung Russland viele Jahre gebraucht hatte. Im September 1991 wurde nämlich die "unabhängige Republik Itschkeria" auf dem Territorium Tschetscheniens ausgerufen, womit ein langwieriger Konflikt zwischen nordkaukasischen Separatisten und dem Föderationszentrum begann.

    Heute ist dieser Konflikt zwischen dem Zentrum und dem abtrünnigen Föderationsmitglied beigelegt. Die politische Regelung in Tschetschenien hat stattgefunden. Per Referendum wurde eine Verfassung Tschetscheniens angenommen, in der die Republik als ein unveräußerlicher Bestandteil Russlands gilt. Dort fanden bereits zweimal Präsidentenwahlen statt; vor kurzem wurde ein Zwei-Kammern-Parlament Tschetscheniens gewählt, in dem die kremltreue Partei "Einheitliches Russland" eine stabile Mehrheit hat.

    Von den offensichtlichen Unterschieden einmal abgesehen: Wären den Amerikanern ähnliche politische Umgestaltungen im Irak gelungen - ein loyaler Präsident, der vom Volk unterstützt wird, ein verantwortungsbewusstes Parlament und strukturierte politische Parteien - so hätten sie mit vollem Recht sagen können, dass das irakische Problem in politischer Hinsicht gelöst ist. Das wäre auch kaum zu bestreiten.

    Damit wären aber noch nicht alle Probleme vom Tisch - weder in Tschetschenien noch im Irak. Im Fall Tschetschenien ist es völlig offensichtlich, dass die politische Regelung - womit gemeint ist, dass die Republik in formell politischer Hinsicht mit den russischen Verfassungsnormen in Einklang gebracht wurde - nur der Beginn eines langen und schwierigen Weges ist.

    Der Kampf gegen den territorialen Separatismus ist für Russland bereits Vergangenheit. Der tschetschenische Separatismus, der vor 15 Jahren mit der Ausrufung des "unabhängigen Itschkerias" begonnen hatte, war in den Jahren 1996 - 1997 bereits praktisch zu Ende. Zu ihrem Erstaunen mussten Hunderttausende von Tschetschenen feststellen, dass es für sie viel bequemer und einträglicher ist, ihre Geschäfte nicht in ihrer Heimatrepublik zu betreiben, die unter miteinander verfeindeten Banden aufgeteilt war, sondern in russischen Regionen. Gerade dort war eine stürmische Entwicklung des Kapitalismus im Gange, dort entstanden auch neue Märkte und neue Arten der marktwirtschaftlichen Betätigung, mit denen sich die örtliche Bevölkerung nicht immer zu befassen beeilte.

    Bekanntlich waren für die Bergvölker (und nicht nur im Nordkaukasus) die Umsiedlung von den Bergen ins Flachland und geschäftliche Aktivitäten bei den Nachbarn stets die akzeptabelste Alternative zu Kriegs- und Raubzügen. Wahrscheinlich deshalb, weil es ziemlich problematisch ist, ein Business, dazu noch ein wachsendes, im Gebirge zu betreiben. Was für Geschäfte kann es in der Tat im heimatlichen Gebirgsdorf geben, wo nahezu alle untereinander verwandt sind, wo die wichtigsten Ressourcen, einschließlich der spärlichen Grundstücke, längst aufgeteilt sind bzw. oft sogar gemeinsam genutzt werden, und wo die Gemeindetraditionen eine tausendjährige Geschichte haben.

    In Russland weiß man, welche Höhen die Tschetschenen beispielsweise im Glücksspielbusiness erreicht haben. Das "Russkoje Lotto", ein vom tschetschenischen Unternehmer Malik Saidullajew gestartetes Glücksspiel, haben beispielsweise Millionen Russen gespielt. Ein analoges "Tschetschenisches Lotto" ist aber prinzipiell unmöglich. Als die tschetschenischen Behörden beschlossen, dieses Business in der Republik im Keime zu ersticken, weil es mit den örtlichen Traditionen nicht vereinbar ist, taten sie das im Nu, was auch von einer überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung begrüßt wurde.

    Dies ist aber nur eines von zahlreichen Beispielen. Nicht zufällig meiden große transnationale Unternehmen, die ihre Produktionsstätten im europäischen Teil Russlands gerne unterbringen, den Nordkaukasus. Im Unterschied zu "Groß-Russland" sind dort nämlich die Traditionen und Kultur der Lohnarbeit unterentwickelt. Als die Industrieproduktion in den 90-er Jahren auch in ganz Russland zusehends zurückging, verschwanden die Lohnarbeitsverhältnisse in Tschetschenien nahezu vollständig.

    Seit einiger Zeit entstehen in Tschetschenien Arbeitsplätze zögernd wieder. Aber für wen? Hauptsächlich für Staatsbeamte und Angehörige der bewaffneten Strukturen. Eine Arbeitsstelle in einem Privatunternehmen, auf die ein anderer Bürger Russlands mit vollem Recht stolz wäre, würde ein Tschetschene durchaus als eine "korporative Sklaverei" auffassen. Das ist kein Witz, sondern ein überaus schwer lösbares kulturelles, soziales und wirtschaftliches Problem.

    All das ist eine wohl ausreichende Erklärung dafür, dass die Entstehung immer neuer, von Nordkaukasiern gegründeter Privatunternehmen in den russischen Regionen völlig unvermeidlich ist. Die Kaukasier siedeln dabei nicht vereinzelt, sondern in ganzen Diasporen um.

    Dieser Prozess wird nun auch von den neuesten demografischen Initiativen des Staates zur Geburtensteigerung gefördert. Im Kaukasus sind die Geburtenraten ohnehin traditionell hoch (in Tschetschenien ist sie die höchste in ganz Russland). Nun werden sie noch höher sein. Zwar wachsen nordkaukasische Diasporen heute auch in der Türkei, in europäischen Ländern und sogar in den USA, vor allem siedeln sie aber ins russische Flachland über.

    Davon, wie sich dort die Begegnung von Menschen, Kulturen und Völkerschaften abspielen wird, hängen der zukünftige ethnische Frieden und der allgemeine Stand der Dinge im riesigen eurasischen Raum ab. Die russischen Metropolen wie Moskau und Sankt Petersburg wie auch andere Großstädte haben es längst gelernt, bunte Menschenmassen aufzusaugen und diese in die Stadtwirtschaft zu integrieren. Die Großstädte haben aber ihre eigene Spezifik: Dort gibt es nahezu keine örtlichen Interessen bzw. Interessen, die für einzelne Bezirke bzw. Viertel charakteristisch wären. Jedenfalls sind sie viel zu klein und können deshalb nicht zu halbwegs ernsthaften Unruhen führen. Der großstädtische "Kessel Buntes" besteht aus sehr vielen einzelnen ethnischen Gruppen, insofern ist es schwer vorstellbar, dass nur eine davon plötzlich von den anderen geschlossen verfolgt wird.

    Zusammenstöße wie im nur 35 000 Einwohner zählenden Kondopoga sind in den Metropolen kaum möglich. In der russischen Provinz aber, die vorwiegend ausschließlich von eigenen Interessen lebt (und das sind immerhin 100 Millionen Einwohner, die über das ganze Land verstreut sind), kann das Auftauchen einer völlig neuen Gemeinde von "Fremden", die dazu noch Anspruch auf eine nationale Ausschließlichkeit und auf Präferenzen im örtlichen Business erheben würden, sehr leicht zu einer Zunahme ethnischer Spannungen führen.

    Natürlich ist das alles nicht fatal. Zwar kommt es von Zeit zu Zeit zu "Zivilisations-Clashs" nicht nur im "Großen Nahost", sondern auch in Europa und sogar in den USA, im Großen und Ganzen leben aber die Vertreter unterschiedlicher Nationalitäten recht friedlich miteinander. Für Russland, das riesige Gebiete von der Ostsee bis zum Stillen Ozean erschlossen hat, ist die Massenmigration keinesfalls etwas Neues. Andererseits sind nationale Diasporen, die ihre eigenen Alltagsgewohnheiten und ihre Kultur und damit auch eine unvermeidliche nationale Abgesondertheit mit sich bringen, wohl noch nie in solchen Mengen herummigriert wie heutzutage.

    Für die russischen Behörden sind die Ereignisse in Kondopoga ein ernstes Signal. Bei der Festigung des Staates, bei der Steigerung des internationalen Status Russlands und bei der Unterstützung großer Exportunternehmen auf den ausländischen Märkten haben sie plötzlich die rein lokalen Probleme aus den Augen verloren. Angesichts der außerordentlich multinationalen und polykonfessionellen Zusammensetzung der Landesbevölkerung könnten ihnen aber diese Probleme recht bald viel Kopfschmerzen bereiten.

    Um es noch einmal zu betonen: Der politische Separatismus ist jetzt für Russland Vergangenheit. Auf der Tagesordnung steht eine kulturelle, wirtschaftliche und soziale Integration. Und zwar nicht nur für die Tschetschenen und die Russen, sondern für alle. Der Kampf um diese Integration kann sich als viel länger, schwieriger und zermürbender erweisen als die relativ kurze Episode des "tschetschenischen Krieges", der mit einer durchaus erfolgreichen politischen Regelung zu Ende gegangen ist.

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