02:34 20 August 2017
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    Die mysteriöse Raketen-Abwehr-Pyramide des Konstrukteurs Bassistow

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    Seit Jahren bewacht die Pyramide in Sofrino - das Raketenabwehrsystem Don-2N - den Himmel über Moskau. Um feindliche Ziele zu zerstören, stehen der Pyramide hundert Antiraketen-Raketen zur Verfügung.

    MOSKAU, 18. Oktober (Viktor Litowkin, RIA Novosti). Diese Pyramide, die Touristen und Forscher aus aller Welt anlockt, ist vom Moskauer Stadtrand nicht zu sehen. Die Neugierigen dürfen nicht durch die dichte Waldmauer nahe des Dorfes Sofrino (30 Kilometer nordöstlich von Moskau), von der die mysteriöse Pyramide umgeben ist.

    Grund dafür ist der ABM-Vertrag aus dem Jahre 1972. Obwohl der Vertrag seit Jahren der Geschichte angehört, bewahrt die Sofrino-Pyramide ihre Geheimnisse weiter. Mit einigen davon machte mich Anatoli Bassistow, Generalkonstrukteur des Forschungsinstituts für Funkgerätebau und Entwickler der Raketenabwehr der russischen Hauptstadt, vertraut.

    In der Sprache des Militärs heißt die Sofrino-Pyramide "Mehrzweck-Funkmess-Schießstation Don-2N". Als Kernstück des Moskauer Raketenabwehrsystems hat sie die Aufgabe, die Signale der Raketenwarnsysteme zu empfangen, die gemeldeten Ziele zu orten und die Abfangraketen entsprechend auszurichten. Bei diesen Zielen handelt es sich offenbar um strategische Raketen. Die Schießsysteme der Pyramide können durch einen Druck auf den Knopf im Atomkoffer des Staatspräsidenten aktiviert werden.

    Für die Treffsicherheit der Schüsse sorgen spezielle Antennen mit einem Durchmesser von 16 Metern und einer Reichweite von dreitausend Kilometern. Um feindliche Ziele zu zerstören, stehen der Pyramide hundert Raketen (68 Langstreckenraketen 53T6 und 32 Mittelstreckenraketen 51T6) zur Verfügung, die bis zu 100 Kilometer hoch und bis zu 600 Kilometer weit fliegen können. Sie befinden sich in elf Bunkern unweit von der Pyramide.

    Gebaut wurden diese Raketen von den hervorragenden Konstrukteuren Lew Ljuljew (Konstruktionsbüro Nowator, Jekaterinburg) und Pjotr Gruschin (Konstruktionsbüro Fakel, Chimki). Die erste von Fakel entwickelte Antiraketen-Rakete des Typs W-1000 hat bereits am 04. März 1961 den Sprengkopf einer ballistischen Rakete R012 in einer Höhe von 25 Kilometern und einer Entfernung von 60 Kilometern abgefangen und vernichtet. Den Amerikanern gelang das erst 30 Jahre später. Die Rakete flog mit einer Geschwindigkeit von 1000 m/sec, d.h. mit dreifacher Schallgeschwindigkeit. Die gegenwärtigen Raketen fliegen zehnmal so schnell. Und das ist noch nicht die Obergrenze.

    Obwohl diese Abfangraketen vor vielen Jahren gebaut wurden, haben sie an ihren Kampfeigenschaften nichts eingebüßt. Das Militär testet sie regelmäßig auf dem Versuchsgelände Sary-Schagan in Kasachstan und die Raketen versagten bisher noch nie und trafen immer die vorgegebenen Ziele, was den neusten US-Antiraketen-Raketen in letzter Zeit nur selten gelang.

    Anatoli Bassistow vermochte es, ein wirksames Raketenabwehrsystem zu bauen, das neben der Pyramide und den Abfangraketen auch zahlreiche Warnsysteme in Russland und im Ausland sowie Kommandostellen und Satelliten vereinigt.

    Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges absolvierte Bassistow einen Intensivlehrgang bei der Leningrader Akademie der Luftstreitkräfte. Schon am 05. Mai 1945 kam er nach Berlin, um sich mit der Technologie der Raketen V-1 und V-2 vertraut zu machen. Danach begann er im Konstruktionsbüro KB-1 mit der Entwicklung des Flugabwehr-Raketensystems S-25. Parallel dazu studierte Bassistow an der Moskauer Hochschule für Energetik. Für das Fla-Raketensystem S-200, das Ziele in 300 Kilometer Höhe erreichen kann, erhielt er den Ehrentitel "Held der Sozialistischen Arbeit". Kurz danach wurde er Generalkonstrukteur der Korporation A-135. Bassistow erzählte mir, dass die Sowjetunion, als sie 1972 den ABM-Vertrag zur Begrenzung der Raketenabwehrsysteme unterzeichnete, noch kein Raketenabwehrsystem hatte. Seinen Worten nach lässt sich ein massiver Raketenangriff auf Moskau nur mit Hilfe einer Atomexplosion jenseits der Atmosphäre abwehren. Deshalb tragen die 100 Abfangraketen, die den Moskauer Luftraum bewachen, atomare Sprengköpfe. "Dabei lässt das System keine einzige atomare Explosion in einer gefährlichen Nähe von Moskau zu", versicherte Bassistow. Es könne sogar ohne Mitwirkung des Menschen anfliegende Sprengköpfe identifizieren und vernichten, ehe deren Ladungen explodieren.

    Gegenwärtig wird das Don-2N-System nur selten vollständig aktiviert, nämlich nur dann, wenn gemeinsam mit dem Generalstab und dem Kommando der Weltraumtruppen ein Training durchgeführt wird. Ansonsten versehen die rund hundert Offiziere dort einen passiven Wachdienst.

    Anatoli Bassistow starb 1998. Seine Kreation lebt weiter. Nach dem Ausstieg der USA aus dem ABM-Vertrag und dem Baubeginn neuer Funkmessstationen in Norwegen und Lettland, der Modernisierung von Radaranlagen in Grönland und Großbritannien sowie nach dem Bau von Startanlagen für Abfangraketen auf Alaska und deren Erprobung und in einer Zeit, da Polen und Tschechien Raketenabwehr-Stützpunkte aufgezwungen werden, ist klar, dass die Sofrino-Pyramide noch nicht überflüssig ist.

    Deshalb kündigte der Befehlshaber der russischen Weltraumtruppen, Generaloberst Wladimir Popowkin, unlängst eine umfassende Modernisierung des Don-2N-Systems und der dazugehörenden Abfangraketen an.