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    Das Tauziehen um das Stockmann-Projekt ist noch nicht zu Ende

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    Das Tauziehen um das Stockmann-Projekt ist noch nicht zu Ende. Die Experten sagen neue Kompromisse voraus.

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    MOSKAU, 18. Oktober (Dr. rer. oec. Sergej Koltschin - für RIA Novosti). Bei seinem jüngsten Deutschland-Besuch hat der russische Staatspräsident Wladimir Putin bestätigt, dass der Staatskonzern Gasprom das gewaltige Gasfeld Stockmann in der Barentssee im Alleingang ausbeuten wird. Dieses Vorkommen ist neben den Förderprojekten auf der Pazifik-Insel Sachalin der letzte Trumpf Russlands im Kampf um die Vorrangstellung auf dem Weltmarkt für Energie. Und Moskau will diese Karte mit maximalem Profit ausspielen.

    Der Westen reagierte schnell und widersprüchlich. Ausländische Medien brachten sofort Kommentare, denen zufolge Russland selbst noch nicht in der Lage ist, das Stockmann-Projekt zu verwirklichen, und es deshalb aussetzen will.

    Experten und Offizielle aus der Internationalen Energieagentur und der US-Administration sahen in der Entscheidung Anzeichen eines Nationalismus, der ausländische Investoren verunsichern kann. Die USA warfen Russland sogar Selbstisolierung im Energiesektor vor.

    Die fünf ausländischen Unternehmen, die sich um die Partnerschaft mit Gasprom beim Abbau des Stockmann-Feldes beworben haben (die norwegischen Statoil und Norsk Hydro, die amerikanischen Conoco Phillips und Chevron und die französische Total), reagierten gelassener, zumindest in ihren offiziellen Erklärungen. Diese Unternehmen sind offenbar nicht darauf eingestellt, ihre Beziehungen mit dem russischen Gaskonzern zu verderben. Das um so mehr, als eine ausländische Beteiligung am Projekt - allerdings in einer anderen Form - laut Präsident Putin nicht ganz ausgeschlossen ist.

    Dennoch sind die beiden norwegischen Unternehmen, die als wahrscheinlichste Kandidaten für Stockmann-Vorkommen galten, offenbar tief enttäuscht. In inoffiziellen Kommentaren äußern sie sich frustriert über die unberechenbare russische Politik. Offiziell üben sich die Top-Manager der Unternehmen in Zurückhaltung. Sie äußern zwar ihr Bedauern über die Entscheidung, wollen jedoch die Partnerschaft mit Russland bei der Erschließung der Reserven in der Barentssee nicht abbrechen und unterstützen nicht die These, Russland treibe sich in eine Selbstisolierung. Wie dem auch sei, Gasprom ist nach Schätzung der Ratingagentur Standards & Poors wohl in der Lage, das Stockmann-Feld alleine zu erschließen.

    Gemessen an seinem Ausmaß und den Gasreserven ist das Stockmann-Projekt weltweit einmalig und hat offenbar keine Alternative. Das ist um so bedeutungsvoller, als mit einer Abnahme der weltweiten Nachfrage nach Erdgas und einem Rückgang der Preise in der nächsten Zeit nicht zu rechnen ist.

    Andererseits hat sich das Interesse Russlands an ausländischen Beteiligungen an seinen Energieprojekten wesentlich verändert. Das Land hat genügend freies Kapital und ist nicht so sehr an Investitionen interessiert wie an neuen Technologien, zumindest in den beiden folgenden Bereichen: Gasförderung auf dem Festlandssockel im nördlichen Seebereich, wo die russischen Unternehmen bisher nur wenig Erfahrungen gesammelt haben, und Produktion von Flüssiggas. Ohne westliche Technologien wird es Russland schwer haben, den Festlandssockel zu erschließen. Die norwegischen Erfahrungen wären dabei wichtig. Außerdem hat Russland nicht genug Kapazitäten, um eine Großproduktion von Flüssiggas auf die Beine zu stellen und in unmittelbarer Nähe der Vorkommen Gasverflüssigungsanlagen zu bauen.

    In beiden Bereichen wird Russland sehr wahrscheinlich Kompromisse mit westlichen Partnern eingehen. Inwieweit Kompromisse geschlossen werden könnten, lässt sich gegenwärtig noch schwer beurteilen.

    Außerdem ist die These über einen Austausch von Aktiva zwischen Russland und möglichen westlichen Partnern nach wie vor aktuell. Wie die jüngsten Ereignisse gezeigt haben, kam dieser Austausch nicht zustande. Gasproms Partner nahmen die Idee des Austausches adäquat auf, konnten jedoch Gasprom keine angemessenen Anteile an ihren eigenen Unternehmen anbieten. Dennoch besteht kein Zweifel daran, dass die Partner Ressourcen haben, die bei Russland Interesse erwecken können. Diese Frage muss weiter abgestimmt werden.

    Es liegt der Schluss nahe, dass der Kampf um das Stockmann-Projekt erst jetzt beginnt und dass seine Ergebnisse von einer ganzen Reihe von Entscheidungen abhängen werden.

    Man denke allein an die Geographie der Lieferungen des Stockmann-Gases. Im September hatte Putin erklärt, dass das Stockmann-Gas nicht wie geplant in die USA, sondern über die Ostsee-Pipeline "Nord Stream" nach Europa fließen würde. Diese Erklärung war ein Signal an die Partner, dass die Ausrichtung der Gaslieferungen davon abhängig ist, was schneller zustande kommt: Die Entwicklung der Flüssiggasindustrie oder der Bau der Ostsee-Pipeline. Im ersten Fall würden die Amerikaner ein vorrangiges Recht auf russisches Erdgas bekommen, im zweiten die Europäer.

    Das Gleiche gilt für den Austausch von Aktiva. Russland ist nicht so sehr an einem Kapitalzustrom interessiert, sondern vielmehr daran, sich auf dem Energie-Weltmarkt zu behaupten. Die Aktiva, die Russland interessieren, vor allem Gasversorgungsnetze, sind im Besitz der einen Firmen und die notwendigen Technologien für Gasförderung und -verflüssigung sind im Besitz anderer Firmen.

    Dabei sollte es Russland mit dem Feilschen mit den ausländischen Partnern nicht übertreiben. Derartige Fälle gab es schon bei den Vorbereitungen auf die Erschließung der Vorkommen der Halbinsel Jamal. Im Ergebnis gibt es bei vielen Projekten im Bereich der Gasförderung und des Gastransports bedeutende Planrückstände.

    Experten sagen bis 2010 einen wesentlichen Rückgang der Gasproduktion in den wichtigsten "alten" russischen Vorkommen - Urengoj, Nadym und Jamal - voraus. Unter diesen Bedingungen können neue Lagerstätten lediglich die ausfallenden Fördermengen ausgleichen, während Russland vor der Aufgabe steht, die Gasproduktion wesentlich auszubauen.

    Dass Gasprom über beträchtliche Finanzreserven verfügt, ist noch keine Garantie dafür, dass die Investitionen sich schnell auszahlen werden. Deshalb ist Russland nach wie vor an einer Zusammenarbeit mit den größten ausländischen Energieunternehmen interessiert.

    Angesichts dessen lässt sich die Entscheidung für Stockmann als eine Vorentscheidung und als Instrument des weitergehenden Kuhhandels betrachten. Die beteiligten Seiten arbeiten dabei sowohl mit politischen als auch finanziellen und anderen Argumenten. Im Weiteren ist also mit neuen Kompromissen zu rechnen.

    Unser Autor Dr. rer. oec. Sergej Koltschin ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Wirtschaft der Russischen Akademie der Wissenschaften.

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