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    Top-Ereignisse 2006: Fußballjahr der Skandale: Zidanes finaler WM-Kopfstoß und das italienische Bestechungschaos

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    Korruptionskandal in Italien, Hooliganismus und nach wie vor die ungeklärte Frage, was Fußballvituose Zidane ritt, als er Materazzi mit dem Kopf rammte. Nachfolgend eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres 2006 nach Version von RIA Novosti.

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    MOSKAU, 03. Januar (Michail Melnikow für RIA Novosti). Das große Rätsel der Fußball-WM 2006 ist noch immer nicht gelüftet. Welche Worte des Italieners Materazzi kamen dem Franzosen Zidane beim WM-Endspiel zu Ohren, dass dieser seine Beherrschung verlor?

    Wie auch immer: Italien hatte Frankreich im Finale der Weltmeisterschaft im Elfmeterschießen in die Knie gezwungen und den Pokal mit nach Rom genommen. Zidane alias "Zizou" war zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr mit von der Partie. Kurz vor Ende der Nachspielzeit hatte der Kapitän der "Bleus" dem italienischen Verteidiger den Kopf in die Brust gerammt, nachdem dieser ihm etwas gesagt hatte. Daraufhin sah er Rot und musste den Rasen verlassen. Leute, die sich auf das Lippenlesen verstehen, haben nichts unversucht gelassen, die Videoaufzeichnung zu entschlüsseln. Dutzende von Versionen kamen in Umlauf. Materazzi selbst übertraf in einem eigens herausgegebenen Buch die kursierenden Deutungen um ein Vielfaches. Die einzig wahre Geschichte aber, über die die ganze Welt sich derweil den Kopf zerbricht, enthüllte er allerdings nicht.

    Mit der Roten Karte zog Zidane einen Schlussstrich unter seine sportliche Karriere. Auch Oliver Kahn und Luis Figo werden nicht mehr bei Weltmeisterschaften zu sehen sein. Ebenso hat Francesco Totti seinen Rücktritt aus der Auswahl verkündet. David Beckham gab die Kapitänsbinde der Nationalmannschaft ab - ein Abschied auf Raten. Die 18. Weltmeisterschaft im Sommer in Deutschland war für viele brillante Fußballer des vergangenen Jahrzehnts der letzte Auftritt.

    Russlands Fußballauswahl war bei der WM nicht dabei. Ihre Anhänger, inzwischen in den Ruf geraten, die rabiatesten in Europa zu sein, schauten aus der Ferne zu. Ihr letzter Trip zu einem Auswärtsspiel der WM-Vorrunde in Bratislava wurde von Ausschreitungen überschattet. Den Veranstaltern des Fußball-Großereignisses in Deutschland dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein, dass die russische Mannschaft ihre Chance nicht wahrgenommen hatte. Die russischen Rowdys blieben nun einmal zu Hause, zu Gewaltausbrüchen der Hooligans kam es nicht. Die einzige größere Hooliganschlacht, zu der es vor dem Spiel Deutschland gegen Polen in Dortmund gekommen war, konnte schon bereits frühzeitig unter Kontrolle gebracht werden.

    Dafür gab es einen echten Freudentaumel der Fans: Karnevalumzüge, improvisierte Konzerte und Trinkgelage waren mehr als nur eine große Fete der Fußballfanatiker in eigens geschaffenen Fanzonen. Die Deutschen können sich diese Idee wahrlich patentieren lassen. In der Geschichte der Fußball-WM gab es so etwas bisher nicht.

    Neben den 64 Spielen, die über einen Monat lang ausgetragen wurden, blieb die "Revolution in Orange", die die Holländer in Hamburg und Frankfurt veranstalteten, im Gedächtnis haften. Fantastisch waren die Tänze der Australier mit aufblasbaren Kängurus in München und Kaiserlautern. Biergärten der Engländer in Nürnberg und Köln zogen die Leute an. Die Gäste aus der Schweiz, der Ukraine und der Elfenbeinküste veranstalteten theaterreife Umzüge, um nur einige von den Fan-Events zu nennen. Das Fanparty stand dem Geschehen auf dem grünen Rasen in Nichts nach - und dies, obwohl die Reise zur Weltmeisterschaft nun wahrlich kein billiges Vergnügen war. Mit anderen Worten, viele von denen, die es eigentlich vorziehen, sich die Hände in den Stadien und um sie herum am Feuer zu wärmen, sind nicht nach Deutschland gekommen. Die brasilianische Torcida beispielsweise war vornehmlich weißer Hautfarbe, was für einen Samba-Umzug eigentlich Nonsens ist.

    Hauptsächlich die Deutschen selbst heizten die Feiertagsstimmung an. Die Türken hätten ihnen sicherlich gerne zur Seite gestanden, doch der Bronzemedaillengewinner der vorangegangenen Weltmeisterschaft blieb schon in der WM-Vorrunde auf der Strecke. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel brachte es jedenfalls fertig, mehreren Stadien fast gleichzeitig Glanz zu verleihen. Jeder mehr oder weniger bekannte Prominente ließ es sich nicht nehmen, sich in den Fanzonen zu zeigen. Papst Benedikt XVI. ermüdete die Journalisten mit seinem endlosen Wortschwall, wie sehr er mit der deutschen Mannschaft fieberte, die Spiele am Schwarz-Weiß-Fernseher verfolgend. Je mehr sich die WM dem Höhepunkt näherte, wurde es für die Deutschen regelrecht zu einer nationalen Idee, die Trophäe zu holen. Wenige Monate zuvor hatten es nur die am Fußball Desinteressierten unterlassen, Jürgen Klinsmann der schlimmsten Schandtaten zu bezichtigen. Er habe die Auswahl zugrunde gerichtet, war ihm vorgehalten worden. Doch es zeigte sich, dass Klinsmann sehr wohl wusste, was er tat. Die deutschen Kicker übertrafen selbst die optimistischsten Prognosen. Allerdings reichte es nur zum dritten Platz, obwohl die Schiedsrichter sich gegenüber dem Gastgeber, wie gewöhnlich bei Weltmeisterschaften, sehr nachsichtig gezeigt haben.

    Freilich gab es aber auch eine Menge von Enttäuschungen. Die englische Elf rückte auf dem Kontinent mit einer extrem starken Besetzung an, von der sie in den vergangenen 15 Jahren nur träumen konnte. Wer will aber bestreiten, dass sie in den Ruf kam, die langweiligste Mannschaft der Weltmeisterschaft überhaupt zu sein. Ohne die prachtvollen Freistöße Beckhams wäre sich wohl nicht einmal in das Viertelfinale eingezogen, wo sie dann schließlich scheiterte. Die Brasilianer als von allen erklärter Favorit gaben nur in den Auftaktspielen Bild ab, und zwar gegen die schwächeren Gegner, die sie mühelos in die Knie zwangen. Gegen die Franzosen glaubten sie wohl ebenso leichtfüßig davon zu kommen, doch die Rechnung ging nicht auf.

    Das Debakel der Brasilianer hatte noch einmal vor Augen geführt, dass die Weltmeisterschaft angesichts der Spieldichte und der Vielfalt des Geschehens auf dem grünen Rasen nicht mehr der Höhepunkt ist, der alle vier Jahre wie ein großes Fest der Kicker begangen wird. Man kann sogar mit Blick auf das Niveau bestreiten, dass sie das ultimative Großereignis ist. Die Europameisterschaften stehen ihr in dieser Hinsicht keineswegs nach. Außerdem hielt am Ende nicht immer jene Auswahl den Pokal in die Höhe, die über die Jahre hinweg alle Gegner besiegt hat. Es triumphierte letztendlich die Elf, die am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt zu überragender Form aufläuft. Außerdem bedarf es entscheidender Motivation, die diesmal die Italiener vorzuweisen hatten. Ausgerechnet während der WM entbrannte der beunruhigende Skandal um die Bestechung von Schiedsrichtern und Manipulationen hinter den Kulissen, in deren Ergebnis Juventus den Meistertitel abgegeben musste und aus der elitären Serie A zwangsabsteigen musste. AC Mailand, Lazio Rom und AC Florenz gingen mit einem negativen Punktstand in die neue Landesmeisterschaft. Fast jeder Spieler der Nationalauswahl war auf die eine oder andere Weise in Ärger verwickelt - ganz zu schweigen von dem Selbstmordversuch, den Gianluca Pessotto während der Weltmeisterschaften unternommen hat. Paradoxerweise schweißte der Skandal die Squadra Azzurra zusammen und beflügelte sie zum Sieg. Italien schaffte es, als zweite Auswahl in der Fußballgeschichte, vierfacher Weltmeister zu werden.

    Und dennoch, die Neugier quält: Was hat denn Materazzi nun eigentlich zu Zidane gesagt?

    Unser Autor Michail Melnikow ist Kommentator von NTV Plus.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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