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    USA im Irak: Kein zweites Vietnam, sondern Krieg aller gegen alle

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    Mit der Invasion der USA wurde der Irak in einen dauerhaften Kriegsschauplatz verwandelt. Patentrezepte für einen schnellen Frieden gibt es nicht, hier kann nur die Zeit helfen.

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    MOSKAU, 08. Februar (Jewgeni Satanowski - für RIA Novosti). Die bisherigen Ergebnisse des Irak-Krieges werden zuletzt immer häufiger mit den Resultaten des Vietnam-Krieges verglichen. Zu dieser Einschätzung kommen nicht nur Gegner der Vereinigten Staaten, sondern auch deren Verbündete. Selbst US-Kongressabgeordnete als auch Terroristenführer scheuen diesen Vergleich nicht. Berufspolitiker, einfache Bürger, Journalisten und Generäle kommen ebenfalls zu diesem Schluss.

    Doch sie alle liegen falsch. Der Irak ist kein Vietnam. Die meisten Parallelen mit dem Krieg im Irak, die auf Erinnerungen an den Vietnam-Krieg beruhen, sind fehl am Platz. Die Situation im Irak ist viel schlimmer.

    Der Unterschied besteht nicht darin, dass in Vietnam im Dschungel, hingegen im Irak in der Wüste oder in Stadtvierteln gekämpft wird. Auch liegt die Ungleichheit nicht im Niveau der Rüstungen und Technologien. Und auch nicht darin, wie Amerika vor mehreren Jahrzehnten war und wie es heute ist.

    Das Wichtigste besteht darin, dass in Vietnam weniger der Norden gegen den Süden dieses Landes, sondern vielmehr die damaligen Supermächte gegeneinander gekämpft haben. Die USA kämpften gegen die UdSSR, der Krieg spiegelte die Rivalität der unterschiedlichen Modernisierungsmodelle wider, die ursprünglich zur selben Zivilisation gehörten. Der Handel und die diplomatischen Kontakte zwischen Washington und Moskau halfen damals, die Konfrontation abzubauen und diese in einem bestimmten Rahmen zu halten. Der Vietnam-Krieg war Teil des „Großen Spiels“. Die Regeln dieses Spiels waren nicht gerade freundlich und die Folgen furchtbar - Regeln gab es dennoch.

    Im Unterschied zum Irak-Krieg hatte der Vietnam-Krieg keine ethnische Komponente. Im Unterschied zum Irak haben sich die Nachbarn nicht gegenseitig umgebracht, nur weil das Gegenüber etwas anders gebetet oder eine andere Nationalität hatte. Der Vietnam-Krieg stellte keinen0 „Kampf der Zivilisationen“ dar. Ein beachtlicher Teil jener, die heute im Irak gegen die britisch-amerikanischen Truppen kämpfen, glauben fanatisch daran, dass sie die islamische Welt vor „Kreuzrittern“ schützen. Politisch korrekte Phrasen sind zwar in den westlichen Parlamenten angebracht, nicht aber in Arbil, Basra oder Bagdad.

    Es war relativ leicht, Vietnam zu verlassen. Südvietnam hat verloren und Nordvietnam hat gesiegt, dies war der Sieg eines Staates und nicht einer mit religiösem Fanatismus vermengten Anarchie. Diejenigen, die in Vietnam siegten, hatten nicht vor, den Krieg in Europa oder den USA fortzusetzen. Diejenigen aber, die im Irak siegen könnten, machen aus ihren Absichten kein Hehl und haben schon mit ihren Taten bewiesen, dass ihre Drohungen nicht bloß Worte sind.

    Natürlich könnten die Truppen und die Militärberater aus dem Irak abgezogen werden. Für den Kongress, den Senat und die US-Adminstration würde das bedeuten, dass der Krieg im Irak zu Ende ist. Für diejenigen, die dort gegen Amerika und damit auch gegen den Westen kämpfen, würde das aber überhaupt nichts bedeuten.

    Der heutige Krieg im Irak ist ein Krieg aller gegen alle. Vom iranischen Standpunkt aus ist das ein Krieg von Rebellen gegen Besatzer. Vom Standpunkt des Westens aus ist das ein Krieg der Koalitionskräfte gegen Terroristen. Auch handelt es sich um einen Krieg zwischen den Arabern und den Kurden. Einen Krieg zwischen den Schiiten und den Sunniten. Der Irak ist die Kampfzone dieses Krieges, der sich in der gesamten islamischen Welt - vom Libanon bis Pakistan - entfaltet. Der Krieg im Irak - das sind auch innere Fehden in den Sunnitengemeinden und Zusammenstöße zwischen einzelnen Schiitenführern. Es ist ein Krieg zwischen der Baath-Partei und den Al-Qaida-Anhängern, zwischen den lokalen Schiiten-Scheichs und denen, die sich am Iran orientieren. Ein Krieg zwischen den Gegnern der Marionettenregierung und deren nicht gerade zahlreichen Anhängern. Und auch ein Krieg all dieser Gruppen gegen die Christen, deren Gemeinden nun das Land, das seit rund zwei Jahrtausenden ihre Heimat war, nun bald werden verlassen müssen. Ebenfalls Krieg herrscht zwischen einzelnen Familienclans und Sippen und ein Krieg der Einheimischen gegen die Ausländer - unabhängig davon, woher sie kommen und was sie dort tun. So sieht der Krieg im Irak aus.

    Wurde in Vietnam ein Krieg um die Kontrolle über das Land geführt, so ist der Irak längst kein Staat mehr, sondern nur noch ein Territorium. Keine der in den Konflikt verwickelten Seiten, einschließlich der Koalitionskräfte und der irakischen Regierung, kann das Land unter Kontrolle bringen und niemand erhebt einen Anspruch darauf. Der Irak ist heute eine „Grauzone“ in den Grenzen des früheren Staates.

    Am 11. Oktober 2006 beschloss das irakische Parlament ein Gesetz über die föderative Struktur des Landes. Auf diese Weise wurden autonome Regionen im Irak geschaffen, was nach Ansicht der meisten Experten in naher Zukunft zu einem Zerfall des Landes führen wird. Bei den Schiiten vertritt Imam Al-Sadr besonders radikale Positionen. Er hält es für möglich, im Irak einen islamischen Staat nach dem iranischen Vorbild aufzubauen. Der extremistische „Konsultativrat der Mudschaheddin“ kündigte 2006 die Gründung eines unabhängigen islamischen Staates in den Sunniten-Regionen an. Die Idee des föderativen Staatsaufbaus unterstützen die Kurden und die Schiitenführer, die die wichtigen Ölregionen kontrollieren.

    Ist sich Präsident Bush über all das im Klaren, wenn er von seiner neuen „Strategie“ spricht? Vielleicht. Jedenfalls ist er bereit, die Verantwortung dafür zu übernehmen, was sich heute im Irak abspielt. Das ist schon eine beträchtliche Bürde für einen jeden Politiker. Kann er sich seinen Kritikern fügen? Das ist ausgeschlossen. Nicht etwa weil er sich damit als Präsident sein eigenes Grab schaufeln würde - er gilt ohnehin schon als der schlechteste US-Präsident des 20. Jahrhunderts. Das wäre einfach sinnlos. Eine Sache wäre es, die US-Verluste auf ein Minimum zu reduzieren und die Schäden für die Republikaner auszubügeln, die sein Vorgehen verursacht hat. Eine völlig andere Sache wäre es aber, einen Entschluss zu fassen, der weitere Schläge gegen die Vereinigten Staaten und eine Wiederkehr neuer Tragödien wie die vom 11. September möglich machen würde. Das kann sich kein amerikanischer Präsident gestatten, geschweige denn Bush, der diesen Krieg nicht nur umsonst entfesselt, sondern auch schlecht geführt hat.

    Die zahlenmäßige Stärke der US-Truppen im Irak schwankte 2006 zwischen 123 000 und 150 000 Mann und machte nach dem Stand vom 01. Januar 2007 rund 140 000 Soldaten aus. Die Stärke der anderen Koalitionsstaaten im Irak ging im vergangenen Jahr von 21 000 auf 16 500 Mann zurück. Die Entsendung von 21 500 US-Soldaten würde lediglich die Truppenverringerung halbwegs wettmachen, um mehr Sicherheit an den Orten zu haben, wo die amerikanischen Verluste besonders hoch waren. Das sind in erster Linie Bagdad und die westliche Provinz Anbar, wo 30 000 Amerikaner nicht in der Lage sind, die örtlichen Aufständischen und Al-Qaida-Milizen zurückzuhalten.

    Die „Strategie“ von Präsident Bush hat mit einer echten Strategie nichts zu tun. Als ein taktischer Schachzug könnte sie aber sinnvoll sein. Die Amerikaner werden ihre Truppen in die Stützpunkte im irakischen Kurdistan, in Jordanien und in den Monarchien des Golfraums zurückziehen müssen. Indem sie die Pipelines und die Ölterminals, die Ölfelder und das Botschaftsviertel in Bagdad sowie Parlament und Regierung kontrollieren, könnten sie zugleich „gehen und bleiben“. Der Beschluss einer erfolgreichen Truppenverlegung ist nur bei Präventivschlägen gegen den Gegner denkbar. Danach wird man die zahlenmäßige Truppenstärke aufstocken und Reservetruppen bilden, die die Truppenbewegung absichern würden. Das gehört zum A und O der Kriegskunst.

    Was kann der US-Präsident sonst tun? Der Bürgerkrieg im Irak ist unabwendbar geworden. Die Demokratie, für deren Herstellung - von der nicht existierenden Atombombe Saddams mal abgesehen - der Krieg begonnen wurde, hat den Irakern weder Sicherheit noch Frieden gebracht. Unter Saddams Tyrannei haben sie besser gelebt. Heute gibt es im Irak Strom für zwölf Stunden am Tag, in Bagdad nur sechs bis sieben Stunden. Die Arbeitslosigkeit liegt in einzelnen Regionen bei 70 Prozent. Die Iraker flüchten aus ihrem Land. In Syrien gibt es heute bereits zwischen 500 000 und einer Million Iraker, in Jordanien zwischen 500 000 und 700 000 und in Ägypten rund 100 000. Nach Angaben der irakischen Behörden haben im vergangenen Jahr bis zu 100 000 Einwohner das Land verlassen, im Laufe des gesamten Jahres 2003 emigrierten mehr als zwei Millionen Menschen aus dem Irak. Mehr als 18 000 von ihnen sind Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure und Lehrer. Mehr als 500 000 Einwohner haben ihren ständigen Wohnsitz aus Angst vor Verfolgungen verlassen und sind in die von ihren jeweiligen religiösen Gemeinden besiedelten Regionen umgezogen.

    Nach dem Stand vom Anfang dieses Jahres haben die irakischen Behörden drei der insgesamt 18 Provinzen des Landes kontrolliert. Die zahlenmäßige Stärke der irakischen Armee stieg auf 119 000 und die der Polizei auf 199 000 Mann. Die meisten irakischen Verbände sind allerdings nicht in der Lage, ohne US-Unterstützung gegen die Aufständischen und Terroristen zu kämpfen. Ein Kapitel für sich sind die bewaffneten Einheiten der Kurden, die bis zu 100 000 Mann zählen und nur auf die eigenen Anführer hören.

    In Bagdad verdrängen die Kämpfer der rund 20 000 Mann zählenden „Mahdi-Armee“, die dem radikalen Schiiten-Führer Al-Sadr unterstellt sind, die Sunniten. Allein 2006 verwandelten sich zehn Stadtbezirke mit der einst gemischten Bevölkerung in reine Schiiten-Bezirke. Schiiten dominieren auch in der Bagdader Administration. Ihre Gegner sind die Sunnitenverbände wie die „Islamische Armee des Iraks“, „die Neue Baath-Partei“, die „Revolutionären Brigaden 1920“, die „Mohammed-Armee“ und rund 1 300 ausländische Kämpfer.

    Zugleich riefen Riad und Kairo die USA auf, sich mit einem Truppenabzug nicht zu beeilen. Wie der türkische Premier Tayyip Erdogan meint, sollte zwar ein Terminplan für den Truppenabzug aufgestellt werden, „die zahlenmäßige Stärke sollte aber langsam verringert werden“ - auch deshalb, da sich die Lage an der türkischen Grenze zum irakischen Kurdistan wegen Aktionen der kurdischen Kämpfer weiterhin gespannt bleibt. Keine Ruhe gibt es auch an der Grenze zum Iran, obgleich Teheran Beziehungen sowohl zu der vorwiegend schiitischen Regierung in Bagdad als auch zu den schiitischen Radikalen hergestellt hat und diese mit Soldatenausbildung und Waffenlieferungen unterstützt. Syrien hat zwar die vor mehr als 20 Jahren abgebrochenen diplomatischen Beziehungen mit dem Irak im vergangenen Jahr wiederaufgenommen, zugleich aber die Grenze zum Irak gesperrt und dort 7 500 Soldaten stationiert.

    Anscheinend sind im Irak nun alle nur möglichen Fehler bereits begangen worden. Weitere Fehler der US-Administration und des jetzigen Präsidenten könnten in Bezug auf den Iran und Syrien begangen werden, sie würden aber nicht zu einer regionalen Katastrophe führen. Diese ist schon perfekt. Neue Kriege oder ungeschickte Diplomatenhandlungen könnten diese Katastrophe nur beschleunigen beziehungsweise verlangsamen. Zeit ist die einzige Medizin, die derart große historische Fehler heilen könnte. Erfahrungen der alten Kolonialreiche sind heute gefragt wie nie zuvor. Diese Erfahrungen gebieten: Keine Hast. Man soll nicht die Truppen eilig abziehen und dabei „das Gesicht verlieren“. Man soll sich mit jenen einigen, mit denen eine Einigung möglich ist, und hart dort vorgehen, wo es niemanden gibt, mit dem man sich einigen könnte. Die Klischees der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sollten vergessen werden. In erster Linie sollte man nicht mehr an eine reale „internationale Völkergemeinschaft“ glauben, die zu etwas Sachlichem beisteuern könnte. Man muss begreifen, dass es nur eine kleine Gruppe von Beamten, Politikern, Journalisten und internationalen Bürokraten ist, die sich ohne jeden Grund als eine „Weltregierung“ ansieht. Man muss die Situation umsichtig beobachten und jede stabile Regierung unterstützen - unabhängig davon, ob diese demokratisch ist oder nicht. An den Irakischen Grenzen muss ein wirksamer Pufferkordon eingerichtet werden. Und man muss Beziehungen zu denen herstellen, die die Macht in diesem Land oder in den Enklaven übernehmen sollen, in die das Land zerfallen wird.

    Dies ist eine bittere Pille. Die Realität ist ungerecht, unschön und peinlich. Sie ist vom Infantilismus der Politiker weit entfernt, die sich als Messias betrachten. Eine andere Realität gibt es aber nicht.

    Unser Autor Jewgeni Satanowski ist Präsident des Moskauer Nahost-Instituts.

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