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    Wozu braucht Russland ein neues Mond-Programm?

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    Moskau, 24. Februar, RIA Novosti. Das Thema Mond wird seit dem vergangenen Jahr in Russland wieder groß geschrieben. Die russische Raumfahrtbranche muss sich nach Ansicht von Experten beeilen, um die einst führenden Positionen bei der Erkundung des Erdtrabanten wieder einzunehmen.

    MOSKAU, 24. Februar (Andrej Kisljakow, RIA Novosti). Ist das Neue nicht das vergessene Alte? Mag sein. Sonst kann schwerlich erklärt werden, warum das Thema Mond seit dem vergangenen Jahr in Russland wieder groß geschrieben wird.

    Indes sehen viele, vielleicht auch die Meisten, dabei überhaupt kein Problem. Alles liegt klar auf der Hand. Mond-Pläne werden von den USA, Europa, Indien und China ausgeheckt. Natürlich müsse sich Russland beeilen, "um seine einst führenden Positionen bei der Erkundung des Mondes wiederherzustellen", sagte Georgi Polischtschuk, Generaldirektor der Forschungs-Produktions-Vereinigung Lawotschkin, eines der führenden Raumfahrtunternehmen Russlands, Anfang Februar.

    Dennoch erhebt sich die Frage: "Wozu?" Warum muss gerade Russland und gerade heute führende Positionen beziehen und aus allen Kräften Versuche unternehmen, jemandem etwas wieder und wieder zu beweisen?

    Der Mond ist wie ein Schwarzes Loch. Der Erdtraband absorbiert Energie und legt den Willen lahm, sollten wir in unserer Wachsamkeit nur etwas nachlassen. Jetzt im Klartext: Gleich nach dem Triumph Juri Gagarins gelangten Experten auf beiden Seiten des Großen Teichs zu dem Schluss, dass ein außerordentliches, ein epochales Ereignis not tut, um seine Überlegenheit unter Beweis zu stellen. Das sollte wenigstens ein bemannter Flug zum Erdtrabanten sein.

    Am 20. April 1961 fragte US-Präsident John Kennedy seinen Vizepräsidenten Lyndon Johnson, den damaligen Vorsitzenden des Weltraumrates, ob die Vereinigten Staaten die Sowjetunion überholen und als erste auf dem Mond landen könnten. Johnson leitete die Frage an den "kosmischen Baron" Werner von Braun weiter. Der Deutsche, der alle Feinheiten der US-amerikanischen Innenpolitik gut kannte, nickte bejahend. So wurde das US-Programm "Apollo" ins Leben gerufen.

    Die Herausforderung wurde von der Sowjetunion ohne Zögern akzeptiert. Nach einem erfolgreichen Start der schweren amerikanischen Trägerrakete Saturn-1 am 3. August 1964 wird in Moskau ein Sonderbeschluss - "Über Arbeiten zur Erschließung des Mondes und des erdnahen Weltraums" - gefasst. In dem Papier wurde die Landung eines ersten sowjetischen Kosmonauten auf der Mondoberfläche zum 50. Jahrestag der Oktober-Revolution von 1917 angekündigt.

    Gesagt, getan. Die gesamte Raumfahrtindustrie und alle Entwicklungen wurden auf die Umsetzung des Mond-Programms umgestellt. Im Raketenbau dominierte die Mond-Rakete des Modells "N". Die weltbekannten bemannten Raumschiffe der Sojus-Familie waren nach ihrer Entwicklung gerade für das sowjetische Mond-Programm bestimmt.

    Das Resultat ist für alle ein offenes Geheimnis. Die Trägerrakete explodierte in Sichtweite vom Startplatz. Bei drei unbemannten Einsätzen in den Jahren 1966 und 1967 konnten Sojus-Raumschiffe im Orbit automatisch nicht miteinander koppeln. Die danach getroffene Entscheidung, einen bemannten Flug zu unternehmen, hatte den tragischen Tod des Kosmonauten Wladimir Komarow zur Folge.

    Man kann die Emotionen kaum beherrschen, wenn man liest, dass die für die Mond-Aktion ausgewählten Kosmonauten trotz aller Unglücke von 1968 einen Brief an das Zentralkomitee der KPdSU mit der Bitte gerichtet hatten, ihnen einen Flug zum Mond zu genehmigen. Ihre Entscheidung begründeten sie damit, dass die Sicherheit des Raumschiffes von einer Besatzung an Bord besser gewährleistet werden könnte... Glücklicherweise legte die Parteiführung damals gesunden Menschenverstand an den Tag.

    Am 21. Dezember 1968 waren die Amerikaner im Wettlauf um den Mond als erste am Ziel: Das Raumschiff Apollo-8 mit drei Astronauten an Bord startete zum Mond, umkreiste zehnmal den Erdtrabanten und kehrte sicher zur Erde zurück.

    Es liegt klar auf der Hand, dass mit den damaligen Mondprogrammen keine anderen Ziele außer politischen verfolgt wurden. Beliebige Gegenargumente sind gerne willkommen, aber auch jetzt ist kein anderer Beweggrund zu erkennen.

    Die Amerikaner sind ihrer Shuttles und des ISS-Programms sichtlich überdrüssig geworden. Vor drei Jahren kündigte Präsident George W. Bush ein ehrgeiziges Programm bemannter Missionen zum Mond und zum Mars an. Dabei wurden die Pläne weder ökonomisch noch politisch noch sonst irgendwie belegt. Dafür passt die neue kosmische Initiative ganz gut zu dem bekannten Wunsch Amerikas nach einer Vormachtstellung in der Welt.

    Lassen wir die Amerikaner lieber in Ruhe, wenngleich sie um der Statistik willen noch ein Mal gestört werden. Jetzt geht es um die russische Raumfahrt. Das Thema Mond wird seit etwa einem Jahr immer wieder groß geschrieben. Die führenden Betriebe der Branche planen zuerst vorsichtig und dann ganz offenkundig Pläne zur Erschließung des Erdtrabanten. Dabei ist ein Plan grandioser als der andere. Der Beweggrund liegt klar auf der Hand: Es kommt darauf an, die Vormachtstellung Russlands bei der Erkundung anderer Planeten als Bestandteil der führenden Positionen in der internationalen Raumfahrt zu sichern. Es gilt, eine Landung von Menschen auf dem Mond in weniger als zehn Jahren zu gewährleisten. Dafür gibt es eine ökonomische Begründung: Auf dem Mond könnten große Mengen von Helium-3 gewonnen werden, mit dem in ferner Zukunft Energieprobleme der Erde gelöst werden könnten. Was ist aber der Preis des Problems?

    Im Unterschied zur Begründung künftiger Starts ist dieser Preis durchaus konkret. Das Apollo-Programm kostete den amerikanischen Fiskus damals 24,5 Milliarden Dollar. Heute wären das bereits mehr als 100 Milliarden Dollar. Ein bescheidenes Häuschen auf dem Mond, wo außerirdische Digger ihre Instrumente aufbewahren, würde um ein Mehrfaches teurer sein.

    Russland ist es ziemlich egal, ob das 100 Milliarden oder eine Billion Dollar kostet. Denn der gegenwärtige Haushalt der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos beträgt höchstens 1,7 Milliarden Dollar, inklusive das Geld, das aus kommerziellen Starts erwirtschaftet wird. Selbst wenn das künftige einheimische "Apollo"-Programm im Vergleich zum amerikanischen durch gewaltige Unterschiede in der Entlohnung der Mitarbeiter der russischen und der amerikanischen Raumfahrtbranche frisiert wird, beträgt die Summe immer noch Milliarden und Milliarden Dollar. Indes liegt der Durchschnittslohn der Beschäftigten in der russischen Raumfahrt nach Angaben von "Newsweek" bei 400 Dollar im Monat.

    Geld ist eine materielle Sache. Das Geld ist entweder vorhanden oder nicht. Im ersten Fall plant die US-amerikanische Raumfahrtbehörde NASA für das nächste Jahr 5,5 Milliarden Dollar für die Erkundung der Erde und anderer Planeten ein. In Russland wird die Erde vorerst mit zwei Raumapparaten erkundet, die abwechselnd betrieben werden. Es sei betont, dass die Fernerkundung der Erde neben der Satellitenkommunikation im Moment das lukrativste Segment der internationalen kommerziellen Aktivitäten im Weltraum ist.

    Wenn Geld da ist, werden dutzende Forschungssatelliten mit einer Symbolik gestartet, die nichts mit Roskosmos zu tun hat.

    Die Zahl der russischen Raumapparate im Orbit, die die internationale Forschung vorantreiben, soll lieber nicht genannt werden.

    Heute freut sich Russland darüber, dass die Bedeutung der einheimischen Raumfahrt größer geworden ist, dass es mehr Möglichkeiten gibt und mehr Geld in die Branche fließt. Heute können wir von einer Wiedergeburt von Satellitengruppierungen sprechen, ohne die weder die Verteidigungsbranche noch alle Zivilsparten werden auskommen können.

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