16:26 26 September 2017
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    Ein schlechter Vertrag ist besser als eine gute Rakete

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    Ex-Verteidigungsminister Sergej Iwanow mag Recht haben, wenn er sagt, dass der Raketenvertrag ein Relikt sei. Doch das Alte ist nicht unbedingt schlecht. (Von Andrej Kisljakow, RIA Novosti)

    MOSKAU, 26. Februar. Der russisch-amerikanische Vertrag über die Vernichtung der Raketen mittlerer und kürzerer Reichweite (INF-Vertrag) wird im kommenden Dezember 20 Jahre alt. Doch es ist durchaus möglich, dass das Jubiläum nicht zustande kommen wird. Im Hinblick auf die mögliche Aufstellung der US-Raketenabwehr in Polen und Tschechien ist nicht auszuschließen, dass die russische Staatsführung ihre Drohung wahr machen und diesen Vertrag kündigen wird. Dieser Schritt würde für viele Staaten Folgen haben.

    Mitte Februar erklärte der russische Generalstabschef Juri Balujewski, Russland könne aus dem INF-Vertrag von 1987 einseitig aussteigen. Grund sei die geplante Aufstellung der amerikanischen Raketenabwehr in Europa.

    Die russische Staatsführung droht seit Jahren mit einer asymmetrischen Antwort auf die US-Raketenabwehr. Diese Antwort soll nicht so aufwendig, aber wirksam sein. Es handelt sich offenbar um die ballistischen Interkontinentalraketen, welche die Raketenabwehr durchbrechen sollen.

    Den Verteidigungswaffen würden somit strategische Offensivwaffen entgegengesetzt werden. Die Modernisierung der Atomraketen wäre verständlicherweise eine asymmetrische Antwort auf die globalen Raketenabwehrsysteme. Diese Raketen künftig auch noch durch Mittelstreckenraketen (sowohl ballistische als auch Flügelraketen) zu verstärken, wäre jedoch nicht die beste Lösung.

    Mitte der 1980er Jahre hatten die USA und die Sowjetunion so viele Mittel- und Kurzstreckenraketen gebaut, dass sie die Weltsicherheit bedrohten. Mitte Dezember 1985 schlossen die USA die Stationierung von 108 ballistischen Pershing-2-Raketen mit einer Reichweite von 1800 Kilometern in Westdeutschland ab. Bei einer zulässigen Zielabweichung von bis zu 40 Metern trug eine jede solche Rakete einen Atomsprengkopf von 50 bis 100 kt TNT-Äquivalent und brauchte rund 14 Minuten, um ihr Ziel zu erreichen.

    Darüber hinaus wurden in Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Belgien und der Bundesrepublik Deutschland insgesamt rund 500 bodengestützte Flügelraketen aufgestellt. Diese trugen je einen Atomsprengkopf vom Typ GLCM-109G, die Reichweite betrug 2 500 Kilometer.

    Die Sowjetunion antwortete mit den bodengestützten mobilen Raketensystemen „Pioner“, ausgestattet mit den ballistischen Raketen RSD-10 (SS-20). Bei einer Reichweite von 5 200 Kilometern bedrohten diese Raketen ganz Europa. Ein Pioner-System sollte zudem im fernöstlichen Polargebiet in Stellung gehen und fast die ganze US-Westküste ins Fadenkreuz nehmen. Damit nicht genug: Im November 1983 wurde beschlossen, eine neue mobile Raketenanlage mit dem Namen „Skorost“ („Geschwindigkeit“) zu bauen, die in der Tschechoslowakei und in der DDR stationiert werden sollte.

    Selbst unter den damaligen Bedingungen entschied sich die Sowjetunion für Verhandlungen mit den USA über eine Reduzierung der Mittelstreckenraketen. Es drängt sich die Frage auf, ob die jetzigen Zeiten „besser“ sind. Sie sind, gelinde gesagt, nicht besser. Wenn die Amerikaner mit ihrer Rhetorik über die Zukunft des Vertrages aufhören und zu Taten übergehen würden, stünde ihnen ganz Westeuropa zur Verfügung. Aus technischer Sicht wäre es möglich, statt den vernichteten bodengestützten GLCM-Raketen die seegestützten Tomahawk-Raketen SLCM BGM-109A mit Atomsprengköpfen einzusetzen, die nicht verboten, sondern 1991 bis auf Weiteres aus dem Dienst genommen wurden.

    Für Russland ist die neue Etappe der Aufstellung von Mittelstreckenraketen mit zahlreichen Fragen konfrontiert. Welches Werk wäre in der Lage, die notwendige Anzahl von Raketen herzustellen? Das Werk im Voruralgebiet, das ballistische Interkontinentalraketen herstellt, ist ohnehin überfordert. Wo müssen die Raketensysteme stationiert werden? Wie lassen sich die notwendige Infrastruktur gewährleisten und der Mehrbedarf an Personal abdecken? Wie kann man eine reibungslose Truppenführung gewährleisten, einschließlich der Inbetriebnahme neuer Nachrichten- und Aufklärungssatelliten? Und wo findet man schließlich die notwendige Finanzierung? Da ein Zauberstab noch nicht erfunden ist, müsste man die Finanzierung der Nationalen Projekte beschneiden, von denen keines entbehrlich ist.

    Der Ex-Verteidigungsminister Sergej Iwanow mag Recht haben, wenn er sagt, dass der Vertrag ein Relikt sei. Doch das Alte ist nicht unbedingt das Schlechtere.

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