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    Ungleicher Zweikampf: Kranke Kinder und der Staat

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    Braucht das Land kranke Kinder? Das spezielle Nationalprojekt, das der Lösung demographischer Probleme in Russland gewidmet ist, wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen, aber heute sterben krebskranke kleine Bürger des Landes noch. (Von Marianna Belenkaja, RIA Novosti).

    MOSKAU, 27. Februar (RIA Novosti).

    In letzter Zeit wird in Russland den Problemen der Demographie und der Natalität sehr viel Beachtung geschenkt. "Das Land braucht eure Rekorde", lächelt die Mutter von drei Kindern von einem Reklameschild in der Metro auf die vorbei eilenden Frauen herab, sie dazu aufmunternd, ihrem Beispiel zu folgen und möglichst viele neue Mitglieder der Gesellschaft zur Welt zu bringen. Hier drängt sich aber die Frage auf: Braucht das Land auch kranke Kinder? Und interessiert sich jemand dafür, vor welche Probleme die Kinder und ihre Eltern gestellt werden?

    Kinderkrebs ist in den meisten Fällen heilbar. Laut Angaben von Ärzten könnten etwa 60 bis 70 Prozent der kranken Kinder mit Geschwülsten des Zentralnervensystems geheilt werden. 80 Prozent der Kinder, die an akuter Lymphoblastenleukämie leiden, sowie 90 Prozent der an Lymphogranulomatose und einer Nierengeschwulst Kranken könnten wieder gesund werden. Allerdings bei rechtzeitiger und richtiger Behandlung.

    In Russland erkranken alljährlich rund 5 000 Kinder und Jugendliche an Krebs. Und jedes Jahr sterben an die 1500 Kinder, weil es im Lande an modernen Kliniken, moderner medizinischer Ausrüstung und effektiven Medikamenten mangelt.

    Auf einer Konferenz in der RIA Novosti, die am 15. Februar, dem Internationalen Tag der krebskranken Kinder, stattfand, hob Alexej Mastschan, stellvertretender Direktor des Föderalen Zentrums für Kinderhämatologie, -onkologie und -immunologie, die akutesten Probleme hervor, denen sich in Russland die krebskranken Kinder gegenüber sehen.

    Das erste ist der Grad der Zugänglichkeit von hochtechnologischen Geräten zur Behandlung der Kinder. Während in Moskau und anderen Großstädten moderne medizinische Methoden angewandt werden, kann im Landesinneren, wo auf ein Krankenzimmer von sechs Quadratmetern Fläche sechs Patienten entfallen, von Technologien, welcher Art auch immer, keine Rede sein. Notwendig sei, sagte Mastschan, eine Rekonstruktion und Perfektionierung der regionalen Zentren. Doch bevor man von den Regionen spreche, sollte man daran denken, dass es selbst in Moskau nicht an Problemen mangele.

    So versprach Präsident Putin im Sommer 2005, nach einem Besuch im Forschungsinstitut für Kinderhämatologie des Russischen klinischen Kinderkrankenhauses (RDKB), beim Bau eines Föderalen Zentrums für Kinderhämatologie zu helfen. Mastschan zufolge sei bis heute nur ein Zaun gebaut worden, der das Gelände des Zentrums umgeben soll, und auch das nur zur Hälfte. Wie er erzählte, sei das Geld, das der Präsident und die Regierung für den Bau bereitgestellt haben, auf das Konto des Zentrums erst vor kurzem überwiesen worden, und niemand weiß, wo die Rubel bis dahin "rollten".

    Gegenwärtig wird am Entwurf des Zentrums gearbeitet, wobei wichtig ist, dass es zum Zeitpunkt seiner Inbetriebnahme nicht bereits veraltet ist. Übrigens steht schon jetzt fest, dass die vom Staat bewilligten Beträge nicht ausreichen werden. Es gibt da noch etwas, was den Bau des Zentrums hemmt. In unmittelbarer Nähe zu dem Baugrundstück befindet sich eine LUKOIL-Tankstelle. Ein Krankenhaus darf nicht in unmittelbarer Nähe eines dermaßen explosiven Objektes liegen. Aber selbst eine geringe Verlegung der Tankstelle scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. "Ihr habt die Kinder, und wir haben unser Business", zitierte Alexej Mastschan die Worte der Tankstellenbesitzer.

    Das zweite Problem ist der Grad der Erschwinglichkeit der Medikamente. Wie Mastschan betonte, kommen viele moderne Heilmittel, die bei der Behandlung einer Erkrankung einen Durchbruch sichern könnten, auf den russischen Markt faktisch überhaupt nicht. Es ist für die ausländischen Firmen unvorteilhaft, sie in Russland wegen der viel zu komplizierten bürokratischen Prozeduren zu registrieren, und eventuelle Gewinne sind ebenfalls nicht sicher: Bald gibt der Staat Geld für den Ankauf von Medikamenten, bald nicht. Inzwischen werden die Krankenhäuser gezwungen, in- oder ausländische Präparate zu kaufen, die um nur 20 bis 30 Prozent billiger als die modernsten, aber nicht so wirksam sind. Zudem sind viele davon, wie der Arzt sagt, nie an Kindern getestet worden.

    Mastschan fügte noch hinzu, dass sich Schwierigkeiten auch mit billigen Arzneien einstellen: Sie verschwinden vom russischen Markt wegen der Notwendigkeit ihrer Neuregistrierung. Für Menschen, die pausenlos behandelt werden müssen, kann das Fehlen eines Präparats selbst im Laufe einiger weniger Tage tödlich sein.

    Seinen Worten schloss sich Jekaterina Tschistjakowa, Koordinatorin der Gruppe von Volontären "Blutspender für Kinder", an. Wie sie betonte, trage in Russland niemand die Verantwortung dafür, dass die Arzneien im Lande ständig zur Verfügung stehen müssten. Und das schaffe Schwierigkeiten. Übrigens komme es auch nicht selten vor, dass Medikamente, die im Verkauf zu haben seien, im Krankenhaus fehlten. Dann müssten sie aus Mitteln von Wohltätigkeitsstiftungen und von den Eltern erworben werden.

    Ein weiteres Problem, von dem Mastschan und Tschistjakowa in der Pressekonferenz sprachen, ist das neue föderale Gesetz "Über die Versorgung der Bürger, die der medizinischen Pflichtversicherung unterliegen, mit Kranken- sowie Schwangerschafts- und Wochengeld". Das am 29. Dezember 2006 verabschiedete Gesetz bringt die Eltern von krebskranken Kindern faktisch um die Möglichkeit, das Kind während der ganzen Behandlungszeit zu pflegen. Gemäß Art. 6, Abs. 5 des Gesetzes haben die Eltern der als Behinderte eingestuften Kinder ein Anrecht auf Krankengeld nur für höchstens 120 Kalendertage. Die Eltern von Kindern über 15 Jahren haben überhaupt kein Recht auf die Pflege ihres kranken Kindes. Dabei brauchen die kranken Kinder die ständige Aufmerksamkeit der Eltern. Diese helfen dem medizinischen Personal bei vielen Handreichungen, laufen ständig nach Arzneien, die es im Krankenhaus nicht gibt, bringen die Kinder bei ambulanter Behandlung zu den Prozeduren, kämpfen um die Bescheinigung für eine unentgeltliche Operation und Untersuchung. Wir reden schon gar nicht von der Notwendigkeit der moralischen Unterstützung für die Kinder und Jugendlichen.

    "Binnen 120 Tagen kann ein Krebskranker eventuell sterben, aber auf keinen Fall davon geheilt werden", sagt Jekaterina Tschistjakowa. Wenn bis Ende April keine Änderungen am Gesetz vorgenommen würden, setzt sie fort, würden die Eltern der kranken Kinder ohne Existenzmittel bleiben. Mitunter helfe auch der Umstand nicht, dass in einer Familie der Vater arbeite, während die Mutter bei dem Kind sei: Viele Löhne und Gehälter seien äußerst niedrig, zudem könne die Familie noch andere Kinder haben. Was sollten da erst die Familien mit einem Elternteil unternehmen? Auch sonst gebe es nicht selten Situationen, da sich Familien, um die kostspielige Behandlung zu bezahlen, in undenkbare Schulden stürzten und all ihr Hab und Gut verkauften. Das Kind werde gesund, habe jedoch kein Zuhause mehr: Die Wohnung sei verkauft, die Eltern seien beschäftigungslos. Oder ein anderer Fall: Die Mütter und Väter müssten ihr Leben lang die Schulden abzahlen, die sie für die Behandlung ihres Kindes aufgenommen hätten, das dabei aber dennoch nicht habe gerettet werden können.

    Die Volontäre der Gruppe "Blutspender für Kinder", die Ärzte und die Eltern der Patienten des Russischen klinischen Kinderkrankenhauses haben Briefe an den Vorsitzenden der Staatsduma, Boris Gryslow, den Vorsitzenden des Föderationsrates, Sergej Mironow, und den Minister für Gesundheitswesen und Sozialentwicklung, Michail Surabow, gerichtet. Sie bitten, Änderungen an dem Gesetz vorzunehmen und den Eltern das Krankengeld für die ganze Zeit der Behandlung des Kindes zu belassen.

    Ein speziell betontes Thema der Pressekonferenz waren Kinder mit Geschwülsten des Zentralnervensystems (ZNS), besonders solche, die in Moskau leben. Darüber erzählte Frau Professor Olga Scheludkowa, Leiterin der Abteilung für Neuroonkologie am Föderalen Zentrum für Kinderhämatologie, -onkologie und -immunologie.

    Wie sie sagt, sei es für Patienten mit ZNS-Geschwülsten notwendig, am ersten Tag nach der Operation eine Computer- und die Magnetresonanztomographie zu durchlaufen. Doch sei dies nicht möglich. Kinder, die Mitte Februar operiert würden, müssten schon jetzt für die Untersuchung erst im März angemeldet werden. Selbst für Geld sei es unmöglich, die Diagnostik außer der Reihe durchzuführen: Es gebe viel zu wenig moderne Tomographen. Zudem könnten die meisten Diagnostikzentren die Untersuchung nicht unter Narkose durchführen, welche für viele kleine Patienten unbedingt nötig sei.

    Ferner. Der einzige Ort in Moskau, an dem die Strahlentherapie für Kinder mit ZNS-Geschwülsten möglich sei, befinde sich in föderaler Unterstellung. Um eine Erlaubnis für die Behandlung dort zu bekommen, müssten die Mütter der kranken kleinen Moskauer im Komitee für Gesundheitswesen lange Zeit Schlange stehen. Und auch die ist kolossal, denn die Kinderabteilung mit der Möglichkeit dieser Therapie habe lediglich 30 Kinderbetten, dabei kämen dorthin Kranke aus dem ganzen Land.

    Ein weiteres Problem: Für die Moskauer Kinder gibt es keine einzige Klinik, in der eine Rückenmarktransplantation durchgeführt werden könnte. In das Zentrale klinische Kinderhaus, das sich in föderaler Unterstellung befindet, können Moskauer nur auf kommerzieller Grundlage kommen. Und dies trotz des Umstandes, dass vor einigen Jahren im klinischen Kinderkrankenhaus "Morosow" eine Transplantationsabteilung eröffnet wurde. Doch arbeitet sie wegen fehlender Finanzierung bisher nicht. "Wenn bei dieser Therapiemethode die Behandlung des Patienten nicht voll gesichert werden kann, darf sie nicht angewendet werden, das wäre sonst eine Katastrophe", sagt Scheludkowa. Hinzu komme, dass sich niemand mit den Problemen der Rehabilitation der Kinder beschäftige, die gerettet werden konnten. Bei ZNS-Geschwülsten sei das unumgänglich. Es genüge nicht, das Kind dem Tod zu entreißen, wichtig sei, dass es normal lernen, spielen und laufen könne. Und all das sei nur ein Teil der bestehenden Probleme.

    Jekaterina Tschistjakowa fügte hinzu, dass an den Oberbürgermeister von Moskau, Juri Luschkow, ein Schreiben mit der Bitte gerichtet worden sei, den Problemen der kleinen krebskranken Moskauer Beachtung zu schenken.

    Übrigens beunruhigen die begrenzten Krankenhausplätze nicht nur die Einwohner der Hauptstadt. Auch für die Patienten aus den Regionen, denen der Staat die Möglichkeit der Behandlung in konkreten Anstalten gewährt, reichen die Plätze nicht. "Nehmen wir an, einer Region seien vier Plätze zugewiesen worden, wenn aber ein fünftes Kind erkrankt, muss es das Geld für die Behandlung selbst aufbringen, besonders dann, wenn es wegen Lebensgefahr nicht warten kann, bis es an der Reihe ist", sagt Mastschan. Bisweilen hätten die Krankenhäuser freie Betten, wollten jedoch keine unentgeltlichen Kranken ohne Zuweisung aufnehmen, und manchmal fehle es tatsächlich an Plätzen. Und so sterben die Menschen, noch bevor sie ihren Platz in einem freien Operationsblock oder endlich ein Bett für die Durchführung der Therapie bekommen hätten.

    Ein weiteres Moment, das bei der Bekämpfung der schweren Erkrankungen, darunter an Krebs, ins Gewicht fällt, ist die Einstellung von Staat und Gesellschaft zum Kranken.

    Auf der Pressekonferenz verlas der Schauspieler Artur Smoljaninow den Brief eines russischen Mädchens, das bereits seit fast fünf Jahren in den USA behandelt wird. Gegenwärtig beschäftigen sich mit ihrer Behandlung amerikanische Wohltätigkeitsstiftungen. Laut ärztlichen Prognosen hätte sie schon viele Male sterben können, lebt aber bis heute - trotz der Transplantation von Herz, Darm und Leber.

    "Ich werde schon das fünfte Jahr behandelt, und in dieser Zeit habe ich sehr viel geschafft. Das war sehr wichtig für mich. Auch für viele andere Menschen", schreibt sie. In einem weiteren Brief von ihr, der auf der Website der "Blutspender für Kinder" veröffentlicht wurde, berichtet sie darüber, wie sich die Einstellung zu Krebskranken in den USA von der in Russland unterscheidet. In Amerika besucht sie in den Pausen zwischen den Aufenthaltszeiten in Krankenhäusern die Schule, eine Musik- und eine Tanzklasse. Aus Solidarität mit ihr tragen die Kinder dann Masken und kleine Mützen, damit sie sich nicht so einsam vorkommt. In Russland hat man sie nicht einmal an einem Konzert teilnehmen lassen. "Deshalb nicht erlaubt, weil der Anblick meines haarlosen Kopfes nicht zu der Bühne der städtischen Philharmonie passte", schreibt das Kind voll Bitternis und fügt abschließend hinzu: "In Russland werden die meisten krebskranken Kinder zu einer Art Außenseitern... Russland hat mir seit langem das Todesurteil unterschrieben."

    Übrigens beginnt sich in letzter Zeit die Einstellung der Gesellschaft zu kranken Kindern, wie Teilnehmer der Pressekonferenz erzählten, allmählich zu ändern. Die Zahl der Wohltäter nimmt zu, den Krankenhäusern helfen Geschäftsleute und Künstler, ja die gewöhnlichen Bürger. Wie jedoch Mastschan betonte, könnten kein Business und keine Stiftungen alle bestehenden Probleme lösen. "Der Staat muss ständig seine innere Anteilnahme am Schicksal der Kranken zeigen, und das bezieht sich nicht nur auf die Kinder, sondern auch auf die Erwachsenen", unterstrich er.

    Nach Ansicht des Arztes sind die Probleme strukturell zu lösen. Zu diesem Zweck bestehen die Nationalprojekte, darunter auch im Bereich des Gesundheitswesens. Leider hat die Medizin viel zu viele Probleme, und ihre Lösung im Rahmen des Nationalprojektes wird Jahrzehnte in Anspruch nehmen. "Die Nationalprojekte werden die Alltagsprobleme von heute, morgen und selbst übermorgen nicht lösen", sagte Mastschan abschließend. Indessen sterben kranke Menschen, darunter Kinder, die Zukunft des Landes, heute noch.

    (Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der der RIA Novosti übereinstimmen.)

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