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    Russland und Baltikum auf dem Scheiterhaufen der Geschichte

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    MOSKAU, 27. März (Leonid Mletschin für RIA Novosti). Litauer, Letten und Esten kommen den Russen arrogant und überheblich vor. Die drei baltischen Republiken gelten in Russland einfach als böse und beinahe faschistische Zwergstaaten, die Russland hassen und die „Nichteingeborenen“ als Menschen zweiter Klasse behandeln.

    Offen gesagt, werden die baltischen Staaten in Russland aus drei Hauptgründen nicht geliebt.

    Erstens: Als „Undankbare“ haben sie die Sowjetunion als erste verlassen. Zweitens: Sie betrachten sich als einen Teil des Westens und haben sofort ihre Mitgliedschaft bei der EU und der NATO beantragt - also „sich Russlands Feinden angeschlossen“. Drittens: Sie fordern dauernd etwas von Russland - mal sind es Gebiete, die „zurückgegeben“ werden sollen, mal Entschädigungen für die Jahre der „sowjetischen Besatzung“.

    Alles andere sind Folgen, die sich daraus ergeben, einschließlich der Unzufriedenheit Russlands mit der Lage der Russen in diesen Ländern. Auf dem Territorium der Ex-Sowjetunion gibt es Länder, wo es den Russen wirklich äußerst schlecht geht. Moskau traut sich aber nicht, diese Staaten anzutasten - es ist zu riskant, sich mit Diktaturen einzulassen. Die drei baltischen Republiken sind aber Demokratien, insofern kann man sie risikolos kritisieren.

    Die Proteste gegen Treffen von SS-Veteranen und Denkmäler für SS-Leute im Baltikum sind zum Teil ebenfalls nur eine Show. Denn auch in Russland marschieren Menschen offen mit Nazi-Sprüchen herum, faschistische Literatur wird frei verkauft, die Gesellschaft scheint das wenig zu beunruhigen.

    Berücksichtigt man die hochnäsige Einstellung Moskaus zu den kleinen Staaten Europas und die Gewohnheit, alle Fragen über deren Köpfe mit den großen Partnern wie Amerika, Deutschland oder Frankreich zu regeln, so sollte es niemanden überraschen, dass es in den baltischen Staaten Verärgerung auslöst. Russlands Politik gegenüber den baltischen Staaten lässt sich keinesfalls als geschickt bezeichnen. Was hat unsere Diplomatie für die Schaffung neuer Beziehungen mit Litauen, Lettland und Estland unternommen? Als das Problem des Transitverkehrs mit Kaliningrad entstand, waren übrigens neue Beziehungen mit Litauen auf einmal sehr gefragt - es gibt aber keine.

    Der einzige Weg, die Feindseligkeit zu überwinden, besteht in einer ehrlichen Einstellung zur Vergangenheit. Doch über die Vergangenheit wird auf beiden Seiten äußerst ungern gesprochen. Insofern hat man keine Lust, diese wieder in Erinnerung zu rufen, geschweige denn zu gestehen, dass man dort und da eventuell nicht Recht hatte.

    Die heutigen Politiker tragen aber keine Verantwortung dafür, was in den 30er und den 40er Jahren geschehen ist. Wozu braucht man dann diese falsche Solidarität mit denen, die in jener Epoche ihre Verbrechen begangen haben? Wenn sich die russischen Politiker an die Stalin-Zeit nicht erinnern und auch nicht zugeben wollen, dass die Letten, die Litauer und die Esten ohne deren Wunsch zu Sowjetbürgern gemacht wurden, so wirkt auch der durchaus berechtigte Zorn über die SS-Schergen im Baltikum nicht besonders überzeugend.

    Litauen, Lettland und Estland fordern von Russland eine Entschuldigung für die Jahre der Besatzung. Russlands Führung akzeptiert diese Forderungen nicht, weil sie den Fakt der Besatzung selbst bestreitet. Mir erscheint dieser Begriff auch nicht gerade exakt. Besatzung bedeutet Kontrolle über ein Territorium, das als fremd gilt. 1940 wurden aber Litauen, Lettland und Estland annektiert, das heißt zu einem Teil der Sowjetunion gemacht. Einige unsere Politiker versichern nach wie vor, die drei Republiken seien der UdSSR freiwillig beigetreten. Die inzwischen nicht mehr geheimen Dokumente des sowjetischen Außenministeriums liefern allerdings ein völlig anderes Bild ab. In Litauen, Lettland und Estland marschierten Sowjettruppen ein. Die Regierungen wurden mit Gewalt ersetzt. Danach wurden Wahlen abgehalten, die nicht als demokratisch gelten können. Dann wurden die drei Republiken der Sowjetunion angeschlossen.

    Nahezu im Anschluss begannen die Massenrepressalien. Nicht nur ehemalige Polizisten und Beamte, sondern auch Intellektuelle wurden erschossen oder in die Gulags geschickt. Die letzte Deportation vor Kriegsbeginn fand am 14. Juni 1941 statt - eine Woche vor dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion. Diese Deportationen haben die Einstellung der Litauer, der Letten und der Esten zur Sowjetunion auf ewig vorausbestimmt.

    Die nationalen baltischen Streitkräfte waren nicht besonders daran interessiert, die Sowjetmacht zu verteidigen. Im August 1941 desertierte jeder zweite Este, der zur Roten Armee einberufen wurde. Im Oktober wechselten 10 000 litauische und 5 000 lettische Soldaten zu den Deutschen über. Stalin musste die nationalen baltischen Verbände auflösen lassen.

    Nach dem Krieg haben die Balten vergessen, dass Hitler vorhatte, sie aus ihren Heimatorten zu vertreiben und durch deutsche Kolonisten zu ersetzen. In Lettland und in Estland entstand die Schwerindustrie - mit von auswärts kommenden Arbeitskräften und Rohstoffen. Der Anteil der nichtlettischen und nichtestnischen Bevölkerung nahm in diesen Republiken radikal zu. Die Zugereisten gingen davon aus, dass das Baltikum genauso ein Teil der Sowjetunion ist wie jedes andere Gebiet. Insofern sahen sie keinen Sinn, die örtliche Sprache zu lernen und sich mit den lokalen Sitten auseinanderzusetzen. Die Letten, die Litauer und die Esten ärgerten sich darüber, dass sich die Zugereisten wie zu Hause benehmen.

    Die Geschichte der baltischen Völker hat sich so entwickelt, dass sie stets von anderen kontrolliert und unterdrückt wurden. Sie mussten sich immer neuen Lehnsherrn anpassen. Sie sind über sich selbst verärgert, weil sie ihre Selbständigkeit nicht durchzusetzen vermochten. Sie sind verärgert über ihr Schicksal der kleinen Völker, die niemanden etwas angehen - obgleich sie die Verärgerung darüber niemals zugeben werden.

    Die Balten wollten selbständig werden. Ihnen wurde es in dem großen und fremden Staat zu ungemütlich, vor allem weil sie sich neben den temperamentvolleren, dynamischeren und flexibleren Völkern plump, ungeschickt und langsam fühlten. Das Temperament, die Mentalität, die Traditionen und die Gewohnheiten der Letten, der Litauer und der Esten (bei allen Unterschieden zwischen einzelnen von ihnen) unterscheiden sich zu stark von denen bei den Russen, geschweige denn von den asiatischen oder kaukasischen Völkern. Um es kurz zu fassen: Es gab objektive Hindernisse für ein Zusammenleben in der großen sowjetischen Gemeinschaftswohnung.

    Man spricht gern von einer verächtlichen Arroganz der Balten, doch sind sie eher nicht selbstsicher. Die Letten, die Litauer und die Esten befinden sich in der Macht der eigenen Komplexe. Sie haben Angst, sie frei zur Geltung zu bringen oder über sich selbst zu scherzen. Oft unterschätzen sie sich auch.

    Wahrscheinlich auch aus diesem Grund ist die Politik der baltischen Republiken gegenüber Russland von Angst, Frechheit und einem infantilen Streben geprägt, einen Erwachsenen zu provozieren, der nicht zurückschlagen kann. Die baltischen Kollegen sollten zugeben: Es geht um den Wunsch, sich auf Kosten des großen Nachbarn zu behaupten und sich zugleich bei ihm für die Vergangenheit zu rächen. Dabei pocht man auch auf die angebliche eigene kulturelle Überlegenheit, denn meint man im Ernst, dass das zivilisierte Europa an der Ostgrenze Estlands zu Ende ist.

    Das zivilisierte Europa schließt sich aber den Nazis nicht an! Dabei kämpften auf der Seite von Nazi-Deutschland 40 000 Letten, von ihnen 20 000 in den freiwilligen SS-Formationen. Auch 15 000 Esten schlossen sich den SS-Truppen an. Wohl bemerkt: freiwillig. Damit wurden die Litauer, die Letten und die Esten zu Komplizen der Kriegsverbrechen des Hitler-Regimes. Noch bevor die deutschen Truppen in baltische Städte einmarschierten, töteten dort die Einwohner die Kommunisten und stellten Judenpogrome an. Im Baltikum gab es für die Juden keinen Unterschlupf.

    Das zivilisierte Europa spricht die Nazis nicht frei! Dabei hat Litauen nach der Erlangung der Unabhängigkeit 1991 alle von der Sowjetmacht Verurteilten amnestiert, auch diejenigen, die sich an der Judenvernichtung beteiligt hatten. Sie erhielten sogar eine Unterstützung als Betroffene. Als jemand dagegen protestieren wollte, riefen die litauischen Intellektuellen erbost: Wie können diese Menschen uns etwas vorwerfen? Wir sind die Opfer und nicht sie!

    Nur die Fähigkeit, eigene Fehler zu sehen, gibt einem das moralische Recht, anderen etwas vorzuwerfen. Wenn aber im Kreml davon die Rede ist, dass vor allem Vertreter der „Stammbevölkerung“ in den russischen Lebensmittelmärkten Arbeitsplätze bekommen sollen - wie kann man dann Riga und Tallinn dafür kritisieren, dass diese sich seit 15 Jahren von der gleichen Logik leiten lassen und diejenigen, die nicht zur „Stammbevölkerung“ gehören, bei der Jobsuche benachteiligen?

    Unser Autor Leonid Mletschin ist Mitglied des Expertenrates von RIA Novosti.

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