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    Al-Kaida-Terror in Nordafrika - eine Herausforderung an EU und NATO

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    MOSKAU, 19. April (Marianna Belenkaja, RIA Novosti). Die neueste Terrorserie in Algerien und Marokko wirft sofort mehrere Fragen auf.

    Die wichtigsten davon: Hat das Terrornetzwerk Al Kaida jetzt auch eine neue Filiale in Nordafrika ?

    Wenn ja - wie wird sich das auf die regionale Sicherheit auswirken? Es handelt sich nämlich nicht nur um den sogenannten Großen Nahen Osten (von Nordafrika bis Afghanistan), sondern auch um den Mittelmeerraum - eine Region, die zur Einflusssphäre der Europäischen Union und der NATO gehört.

    Die jüngsten Ereignisse in Nordafrika - insbesondere in Algerien - wo Terroranschläge zum Alltag gehören, hätten nicht die Aufmerksamkeit der Medien und der internationalen Öffentlichkeit auf sich gezogen, gebe es nicht einige Besonderheiten dabei.

    In erster Linie die Tatsache, dass es sich um eine Serie von Terrorakten handelt. Am 11. März sprengte sich ein Selbstmordattentäter in einem Internetcafé in Casablanca in die Luft. Am 10. April, wiederum in Casablanca, zündeten drei weitere Selbstmordattentäter Bomben, ein weiterer wurde erschossen. Am nächsten Tag verübten ihre Terrorkollegen in Algier gleich zwei Attentate: vor dem Regierungsgebäude im Stadtkern und im Osten der Stadt, wo das regionale Interpol-Hauptquartier und eine Polizeikaserne liegen. Am 12. April wurde in der algerischen Hauptstadt ein weiterer Terrorakt verhindert. Am 14. April gab es wieder Explosionen in Casablanca - diesmal im zentralen Botschaftsviertel.

    Anfangs haben die Behörden in Algeriens und Marokko versucht, Al Kaida hinter den Anschläge zu negieren. Das ist auch erklärbar: Allein die Andeutung, Al Kaida habe sich dort eingenistet, würde die wirtschaftliche und die innenpolitische Situation in diesen Ländern untergraben. Marokko würde seine Attraktivität als Touristenmagnet einbüßen, während Algerien ausländische Investitionen in mehrere Industriebranchen verlieren könnte.

    Wie der Orientalist und Algerien-Experte Nikolai Mochow in einem RIA-Novosti-Gespräch feststellte, bieten die hohen Einnahmen aus dem Ölexport diesem Land die Möglichkeit, Geld in die Infrastruktur und das Bauwesen zu investieren. Viele dieser Objekte werden für ausländische Unternehmen ausgeschrieben. All das kann abrupt enden, sobald die Investoren Angst bekommen, Algerien könnte sich in ein zweites Irak verwandeln.

    Davon ist es aber noch weit entfernt. Eine Destabilisierung in diesen Ländern ist aber durchaus wahrscheinlich, wenn man die näherkommenden Parlamentswahlen in beiden Ländern berücksichtigt. Ein wichtiger Faktor sind dabei Stimmungen der moslemischen Jugendlichen, die mit der Politik des Westens, insbesondere der USA, gegenüber dem Irak, Palästina und Iran und überhaupt mit den Globalisierungsprozessen nach "westlichem Muster" nicht zufrieden sind. Extremisten nutzen gerade solche Stimmungen häufig aus. Man kann annehmen, dass es für die Terroristen zur Ehrensache wird, zu beweisen, dass die Versuche der Regierungsbehörden in Marokko und insbesondere in Algerien, den radikalen Islam zu bekämpfen, gescheitert sind - weder "Zuckerbrot" noch "Peitsche" haben da etwas gebracht.

    Die Gruppierung, die die Verantwortung für die Terrorakte in Algerien übernommen hat, nennt sich nicht zufällig "Al Kaida in den islamischen Maghreb-Ländern" (Al-Quaeda Group in the Maghreb). Sie erhebt damit Anspruch, ihre Aktivitäten auf die gesamte Region auszudehnen. Erst vor kurzem hat sie sich nämlich als "Salafisten-Gruppe für Predigt und Dschihad" bezeichnet.

    Es sei ein offenes Geheimnis, so Mochow, dass die "Salafisten-Gruppe" seit Ende der 90er Jahre von Al Kaida sowohl finanziell als auch organisatorisch unterstützt wurde. Informationen über Aktivitäten dieser Gruppe tauchen seit einiger Zeit auf Internet-Seiten auf, die mit Al Kaida verbunden sind. Damit sind die Kontakte zwischen beiden Gruppierungen, wenn man dazu noch die Umbenennung der algerischen berücksichtigt, quasi offiziell geworden.

    Mochow hob außerdem hervor, dass die Terrorakte von Selbstmordattentätern verübt wurden, was für Al Kaida typisch ist. Für die algerischen Islamisten war bisher in der Regel eine andere Taktik typisch.

    Für die Terrorakte in Marokko hat zwar noch niemand offiziell Verantwortung übernommen, Experten, auch die marokkanischen, zweifeln aber nicht daran, dass die Ereignisse in ihrem Land und in Algerien die selben Wurzeln haben.

    Ein weiteres Indiz für die Beziehung zu Al Kaida ist die Tatsache, dass die jüngsten Terrorakte in Algerien und Marokko mit der Zahl "11" verbunden sind, die nach dem 11. September 2001 in den USA offenbar zu einem Firmenzeichen von Al Kaida geworden ist. Am 11. April 2002 wurde ein Terrorakt vor einer Synagoge in Tunesien verübt. Am 11. März 2004 kam es zu Explosionen in Madrid.

    Nun scheint also Al Kaida lautstark in Nordafrika festzusetzen und demonstriert damit nicht nur ein Scheitern der Politik der örtlichen Behörden, sondern auch der Bemühungen der internationalen Anti-Terror-Koalition. Aus Afghanistan hat sich die Terroristenzentrale in den Irak verlegt, nun kann sie sich nach Nordafrika verschieben. Experten verweisen übrigens auch darauf, dass die Terroristen, die im Irak gekämpft haben, in die jüngsten Terrorakte in Algerien und Marokko verwickelt waren. Eine Herausforderung an den Westen ist auch die Tatsache, dass diese Region unter anderem durch Verträge über Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich mit der EU und der NATO verbunden ist.

    Angesichts der angespannten Beziehungen zwischen Algerien und Marokko wegen dem Westsahara-Problem kann man derzeit eine effektive Zusammenarbeit zwischen ihnen bei der Terrorbekämpfung wohl kaum erwarten. Gerade deshalb werden die anderen Länder das Anliegen haben, die sich von der Mittelmeer-Filiale der Al-Kaida in erster Linie bedroht fühlen, reale gemeinsame Maßnahmen zur Festigung der Sicherheit einzuleiten.

    Die Meinung der Autorin muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.