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    Russland braucht ein berechenbares Iran

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    MOSKAU, 19. April (Pjotr Gontscharow, RIA Novosti). In den Beziehungen zwischen Russland und Iran bahnt sich eine Krise an.

    Das ist keinesfalls mit den Problemen verbunden, die bei der Fertigstellung des Atomkraftwerks in Bushehr entstanden sind und die Moskau und Teheran aufeinander abwälzen. Dies ist eher eine Folge.

    Die Ursache der Abkühlung, die sich nun abzeichnet, liegt woanders. Nun hat Moskau seine Positionen im UNO-Sicherheitsrat zum iranischen Nuklearprogramm zusehends verhärtet. Russland hat für eine Resolution gestimmt, die strengere Sanktionen gegen Iran als Antwort auf dessen Weigerung, die Urananreicherungsaktivitäten einzustellen, vorsieht. Offenbar hatte Teheran nicht damit gerechnet, dass Moskau zu einem solchen Schritt fähig wäre - trotz der ständigen Aufrufe Russlands, den Forderungen des UNO-Sichereitsrates zuzustimmen und die Verhandlungen wieder aufzunehmen.

    Wie wird sich nun die aufkommende Krise auf die russisch-iranischen Beziehungen auswirken?

    Über die russisch-iranischen Beziehungen wird ausschließlich im Kontext der geopolitischen Interessen beider Länder und deren regionalen Zusammenwirkens gesprochen. Gerade der Charakter dieser Beziehungen, denen identische Interessen und deren gegenseitige Abhängigkeit zu Grunde liegen, lässt Teheran behaupten, Russland und Iran seien „strategische Verbündete“. Moskau zieht allerdings zurückhaltendere Formulierungen vor: Es spricht eher von einer „strategischen Partnerschaft“, die nicht über die Grenzen der konkreten Region hinausgeht.

    Bereits schon die Geschichte hat sich so gefügt, dass Russland und Iran im Raum von Kaukasus, Kaspisee und Zentralasien eine Politik betreiben, die auf den Prinzipien der gegenseitigen nachbarschaftlichen Unterstützung basiert. So war es immer, und heute ist es um so mehr gefragt. Weder in Zentralasien, noch im Kaukasus noch am Kaspisee - in all den Regionen, wo die Interessen Russlands und Irans stets präsent sind - geraten diese Interessen in eine Konfrontation, sondern sie ergänzen einander eher.

    Ein markantes Beispiel: In letzter Zeit hat Iran seine wirtschaftliche Expansion in Zentralasien wesentlich erweitert - einem Raum, in dem Russland traditionell seine Interessen hat. Dies wird aber von Moskau begrüßt, wenn auch schweigend. Russland ist einfach nicht in der Lage, diese für es wichtige Region in vollem Umfang abzudecken. Russlands Rechnung ist einfach: Je stärker dort die Präsenz Irans ist, desto geringer sind dort die USA, die Türkei oder China vertreten.

    Diese Interessenübereinstimmung ist vor dem Hintergrund der US-Bemühungen besonders bemerkbar, ihr Projekt der Partnerschaft für Kooperation und Entwicklung im Großen Zentralasien zu verwirklichen. Zu dieser Region zählen die USA neben Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisien und Kasachstan auch Afghanistan und Pakistan.

    Ob man das in Washington und in Europa will oder nicht: Die Umsetzung dieses Projektes führt unweigerlich zu einer Verdrängung Russlands aus diesem Raum, zumindest in absehbarer Zukunft. Gemäß dem Vorhaben der Projekturheber sollen sich der Handel und die wichtigsten Wirtschaftsprojekte südlicher, in Richtung Afghanistan, verschieben, womit eine Alternative zu Russlands Monopol auf dem Gebiet des Exports von fossilen Brennstoffen, Stromenergie, Baumwolle etc. geschaffen werden soll. Auf diese Weise wird aber Iran schon wieder zu einem Verbündeten Russlands gemacht.

    Was den Kaspi-Raum anbelangt, so ist Iran das einzige Land, das im Unterschied zu den sonstigen Anrainern - Aserbaidschan, Kasachstan und Turkmenistan - Russlands Haltung zur wichtigsten Frage, der Frage der Festlegung des internationalen Status dieses Gewässers, teilt. Dieser Status soll die Präsenz außerregionaler Staaten in diesem Gewässer völlig ausschließen. Alle anderen Probleme des Kaspi-Raums sind entweder sekundär oder weniger wichtig.

    Ähnlich gestalten beide Länder auch ihre Kaukasus-Politik. Dabei muss die besondere Rolle Irans hervorgehoben werden, das in der für den Kreml kritischsten Periode in Tschetschenien in der Islamischen Konferenz den Vorsitz geführt hat. In vieler Hinsicht dank der Position Irans hat diese Organisation, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, dem Prinzip zugestimmt, dass „Tschetschenien eine innere Angelegenheit Russlands“ sei.

    Es wäre merkwürdig gewesen, hätte ein Land wie Iran mit seiner Einwohnerzahl, seinen Ressourcen und seiner Geschichte nicht einen Platz in der Region angestrebt, der seinem politischen Gewicht und Potential entsprechen würde. Deshalb sind Irans Ambitionen und dessen Wunsch durchaus verständlich, sich von einem passiven Zuschauer in einen aktiven Teilnehmer bei der Lösung der regionalen Probleme zu verwandeln.

    Moskau, das sich aktiv für eine Einbeziehung Irans in die Lösung der regionalen Probleme einsetzt, dehnt aber diese Unterstützung nicht auf den Bereich der strategischen Partnerschaft aus, die Teheran verständlicherweise auf den gesamten Nahen Osten verbreiten möchte. Schwer vorstellbar sind die Umstände, unter denen sich Moskau dazu entschließen würde. Der Kreml würde lieber eine ruhigere und für die arabischen Länder annehmbarere Politik Teherans in dieser Region sehen.

    Nun geht es eigentlich darum, was für Moskau bei der Iran-Politik in der nächsten Perspektive wichtiger sein wird. Auf der einen Waagschale liegt die für Russland außerordentlich wichtige „strategische Partnerschaft“ mit Iran in Zentralasien, im Kaukasus und am Kaspisee. Auf der anderen - der Non-Proliferation-Modus, die durchaus wahrscheinliche Perspektive der Entstehung eines kernwaffenbesitzenden Irans und als Folge eine Konfrontation im Nahen Osten nicht nur mit den USA, sondern auch mit den arabischen Nachbarn.

    Nach Ansicht der meisten Analysten wäre ein moderateres und berechenbares Iran als Russlands Partner annehmbarer - trotz des ganzen offensichtlichen Allianz-Potentials beider Länder.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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