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    US-Raketenabwehr in Europa: Virtuelle und reale Bedrohungen

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    US-Raketenabwehr rund um Russland (623)
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    MOSKAU, 24. April (Alexander Chramtschichin - für RIA Novosti). Die sich ausbreitende Diskussion über die mögliche Stationierung von Teilen des US-Raketenabwehrsystems (ABM) in Polen und Tschechien wird zunehmend schärfer.

    Dabei sind einige Aspekte in dieser Diskussion recht verwunderlich.

    Einerseits erscheint die Reaktion Moskaus nicht völlig adäquat: Der US-Raketenabwehrschild wird in absehbarer Zukunft keine Bedrohung für die russischen Atomkräfte darstellen.

    Bekanntlich machen die ballistischen Raketen bei ihrem Flug einen großen Bogen. Eine vom Nordwesten Irans gegen New York oder Washington gestartete interkontinentale Rakete wird über Aserbaidschan und Georgien sowie über der russischen Schwarzmeerküste im Kaukasus, über dem Asowschen Meer, über dem Osten und dem Zentrum der Ukraine, Weißrussland und dem Nordosten Polens, über dem Süden des Baltikums und Südschweden, über Dänemark und der Nordsee fliegen. Erst danach wird sie den Atlantik überqueren und ihren Flug zwischen Neufundland und dem kontinentalen Teil Kanadas fortsetzen.

    Da die bodengestützten US-amerikanischen Gegenraketen GBI (ground-based interceptor) gegen die Flugrichtung einer interkontinentalen gegnerischen Rakete fliegen, wäre es durchaus zweckmäßig, diese in Polen zu stationieren. Dies erhöht die Treffsicherheit und lässt die Geschwindigkeit und die Reichweite der Gegenrakete nicht allzu groß sein.

    Zugleich liegen die Flugbahnen aller Raketen, die aus Russland in die USA beziehungsweise in die entgegengesetzte Richtung fliegen würden, über der Arktis. Stellt man sich einen Raketenschlag Russlands gegen die USA vor, so würden die in Polen stationierten Gegenraketen völlig wirkungslos sein: In der jetzigen Form hätten die GBI-Raketen weder ausreichende Geschwindigkeit noch Reichweite, um die aus Russland abgeschossenen Raketen abzufangen. Davon ganz zu schweigen, dass die zehn Gegenraketen, die in Polen stationiert werden sollen, eine verschwindend geringe Zahl im Vergleich zum russischen Atomraketenarsenal darstellen.

    Hinzu kommt, dass das US-amerikanische Raketenabwehrsystem in Wirklichkeit überhaupt kaum existiert, weil ein großer Teil der GBI-Tests fehlgeschlagen ist. Außerdem machen die beachtlichen Dimensionen der Radaranlagen und Startrampen diese selbst für nichtnukleare Waffen (taktische bzw. operativ-taktische sowie Flügelraketen, Frontfliegerkräfte usw.) überaus anfechtbar.

    Nach Ansicht einiger Experten könnte die Radaranlage, die die Amerikaner in Tschechien stationieren wollen, für Russland gefährlicher sein als die in Polen stationierten Gegenraketen. Sie könnte das russische Territorium großräumig kontrollieren und alle Raketenstarts bis zum Uralgebiet fixieren. Solche Informationen an sich sind allerdings recht sinnlos, wenn die Waffensysteme, die die Radaranlagen mit Daten versorgen, ausbleiben, was praktisch der Fall ist.

    Insofern erscheint das Problem einer Stationierung von ABM-Segmenten in Osteuropa eher rein virtuell. Der einzige irritierende Faktor für Russland besteht darin, dass eine Bedrohung für die USA durch iranische interkontinentale ballistische Raketen noch virtueller ist. Nach dem jetzigen Stand sind nur die USA, Russland und China fähig, eigene interkontinentale ballistische Raketen zu bauen, während Iran heute nicht einmal in der Lage ist, eine Mittelstreckenrakete herzustellen.

    Irans technologischer Stand lässt die Wahrscheinlichkeit der Entwicklung interkontinentaler Raketen, die einen nuklearen Gefechtskopf tragen könnten, selbst in ferner Perspektive äußerst fraglich erscheinen. Stellt man außerdem die Annahme an, dass Iran auf irgendeine Weise in Besitz von derartigen Raketen kommen sollte, so ist es völlig unverständlich, wozu dieses Land die USA angreifen soll. Trotz aller Besonderheiten des Regimes in Teheran gibt es keinen Grund, dieses als eine Ansammlung von irrationalen Fanatikern und Selbstmördern zu betrachten. Es ist doch völlig offensichtlich, dass ein solcher einmaliger Schlag gegen die USA eine massive und dazu noch völlig legitime Antwort nach sich ziehen würde, mit der Iran vollständig zerstört wird. Es gibt keine Ziele, für die die iranische Führung einen solchen Preis zu zahlen bereit wäre. Schwer anzunehmen, dass Washington das nicht begreifen sollte. Insofern erscheinen die Motive der Amerikaner verwunderlich.

    Anzunehmen wären zumindest fünf Varianten, wozu die USA ein Raketenabwehrsystem in Europa brauchen würden, wobei sie einander kaum ausschließen.

    1. Nach den Ereignissen vom 11. September 2001 herrscht in der US-Führung, aber auch in der amerikanischen Gesellschaft eine Art Paranoia. Man ist deshalb bemüht, selbst unrealistische Gefahren für das Land zu beseitigen.

    2. Der Pentagon-Etat hat solche Dimensionen erreicht, dass weder das US-Verteidigungsamt noch die heimische Militärindustrie seine Verringerung zulassen wollen und sogar von einer weiteren Aufstockung der Rüstungsausgaben träumen. Als Folge geben sie virtuelle Gefahren als reale aus und zeigen dem amerikanischen Steuerzahler gleichzeitig ihre Sorge um deren Sicherheit.

    3. Die militärpolitische Führung der USA hofft darauf, in einer wenn auch entfernten Perspektive ein technisches Niveau des Raketenabwehrsystems erreichen zu können, dass doch in der Lage sein wird, die russischen Nuklearstreitkräfte wirklich zu bedrohen. Momentan sei es nur wichtig, in Osteuropa mit den nutzlosen Gegenraketen Fuß zu fassen.

    4. Washington will die erfolgreiche Erfahrung der 80er Jahre wiederholen und Moskau zu immensen Ausgaben für die Abwehr einer virtuellen Bedrohung zwingen. Seit der Verkündung des Starwars-Programms Washingtons ist fast ein Vierteljahrhundert vergangen, aber selbst das heutige Amerika ist trotz seines gigantischen wirtschaftlichen, technologischen und Forschungspotentials kaum in der Lage, zumindest etwas von dem herzustellen, was damals annonciert wurde.

    Niemand in den USA hatte wirklich vor, Kampflaser und sonstiges absurdes Zeug zu entwickeln, während sich Moskau völlig ernsthaft daran machte, entsprechende Abwehrsysteme aufzubauen. Recht schnell musste es allerdings begreifen, dass es dies weder wirtschaftlich noch technologisch schafft. Insofern könnte Washington heute versuchen, Russland mit einer neuen Runde des Rüstungswettlaufs zumindest ernsthaft zu entkräften, im besten Fall aber nach dem sowjetischen Muster zerfallen zu lassen. Parallel könnten die USA die rapide degradierende NATO, die ihr Kampfpotential allmählich verliert, vor einer neuen „Bedrohung aus dem Osten“ wieder zusammenschließen.

    5. Amerika empfindet überhaupt kaum Interesse für Russland und Iran. Die USA haben begriffen, dass die NATO keine Perspektive hat und dass ein neues, kleineres, dafür geschlosseneres Sicherheitssystem her muss. Diesem System sollten all diejenigen angehören, die ihre Loyalität gegenüber Washington nicht verbal, sondern tatkräftig beweisen. Eine Stationierung von ABM-Segmenten wäre ein solcher Beweis.

    Keine dieser Varianten steht, wie gesagt, mit den anderen in einem Widerspruch. So gut wie sicher haben wir es mit einer Kombination mehrerer beziehungsweise aller davon zu tun. Deshalb ist es für Moskau ein ziemliches Problem, wie es auf die amerikanischen Schritte reagieren soll: Die Streitkräfte forciert verstärken, um der Variante Nummer drei zu begegnen, oder so tun, als würde nichts geschehen, um sich nicht nach der Variante Nummer vier provozieren zu lassen.

    Das Eine schließt aber das Andere nicht aus. Russland muss seine Streitkräfte nicht bloß festigen, sondern in bedeutendem Maße von Null aufbauen. Sobald das Land eine ernsthafte Konzeption zum Militäraufbau hat, die die realen Bedrohungen und Herausforderungen für Russland berücksichtigt und Wege bietet, diese abzuwehren, könnte die Variante Nummer drei selbst dann erwidert werden, wenn sie Chancen auf eine Realisierung haben würde.

    Unser Autor Alexander Chramtschichin ist Leiter der Analyse-Abteilung des Instituts für politische und militärische Analysen.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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