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    Zum Tod von Boris Jelzin - Kranker, starker Präsident des Wandels

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    Boris Jelzin ist tot (32)
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    MOSKAU, 24. April (Andrej Wawra, RIA Novosti). Wenn ein Mensch, der einem nahestand, aus dem Leben scheidet, sieht man ihn mit einem Mal ganz anders als zu seinen Lebzeiten.

    Ich stand Jelzin gar nicht nahe, wenn ich auch zu seinem Team gehörte. Meine Arbeit begann kurz vor dem 5. November 1996. Vor der ihm bevorstehenden Herzoperation wurde eine Rundfunkbotschaft verfasst. Damals suchten wir nach aufrichtigen Worten, die diesem dramatischen Moment in seinem Leben entsprechen sollten.

    Später sah ich den Präsidenten nicht oft - anders als jene Redenschreiber, die zu Beginn der 90er Jahre mit ihm zusammenarbeiteten. Ich erlebte ihn aus der Nähe in seiner Krankheitsphase und seiner recht seltenen öffentlichen Ansprachen. Aber damals beschäftigte einen nicht so sehr das Schreiben wie vielmehr sein Befinden, sein Gesundheitszustand. Ebendeshalb sage ich: Ein mir nahe stehender Mensch ist gegangen...

    Ich sah, wie er die Grenzen der körperlichen Unmöglichkeit überwand. Ich war Zeuge dessen, wie Boris Nikolajewitsch seine Unterschrift unter ein Dokument bei jener Reise nach Usbekistan setzte, als er bei einem Schwächeanfall schwankte, wie sein persönlicher Leibwächter Tolja Kusnezow herbeieilte, um ihn zu stützen, und wie ihn dann der neben ihm stehende Präsident Karimow am Arm festhielt. Damals quälte er sich jeden Buchstaben seiner Unterschrift ab, und der ganze Saal - Journalisten, Diplomaten, Wachen - verfolgten, starr vor Spannung, diesen Kampf. In Wirklichkeit dauerte das ganze, wie ich jetzt verstehe, höchstens 20 bis 25 Sekunden. Doch war es eine wahre Angst: Wird er es schaffen? Wird er es nicht? Dabei hat sein Name im russischen nur sieben Buchstaben.

    Man erzählte mir auch von anderen Beispielen einer solchen Geisteskraft und eines alle Grenzen sprengenden Willens während seiner zweiten Amtszeit als Präsident.

    Aus irgendeinem Grunde muss ich an eine Episode während seiner, glaube ich, letzten offiziellen Auslandsreise denken. Das war in Istanbul, alle hatten sich darauf schon eingestellt, doch die Veranstaltung begann nicht, man wartete auf Bill Clinton, der sich verspätete. Als dieser erschien, lächelte alles, hatte gemäß dem diplomatischen Etikett nichts von seiner Verspätung bemerkt, und ging auf ihn zu, um ihn zu begrüßen. Boris Nikolajewitsch - ein Muster an Pünktlichkeit - saß allein mit einer düsteren Miene da. Und es war zu sehen, wie sich Clinton ungemütlich fühlte und sein mondänes Lächeln allmählich zu einer Maske erstarrte. Selbst ohne Jelzin anzusehen, empfand er körperlich den Druck seines schweren Blicks, seine mächtige Ausstrahlung.

    Und wieder kommen Erinnerungen, lauter Anekdoten, die dem zutiefst traurigen Moment gar nicht entsprechen: wie er einen Kreml-Korridor entlang ging, wie er die Leute grüßte, jemandem die Hand drückte, scherzte... Die Empfindung seiner unbedingten und immer währenden Präsenz in meiner Erinnerungswelt und meinem Leben ist ständig da.

    An diesen Tagen sind über Boris Nikolajewitsch Jelzin schon viele gute und wirklich herzliche Worte gesagt worden, und es werden noch viele solche Worte kommen. Was seine Gegner auch behaupten mögen, er hat das verdient. Sowohl zur Gorbatschow-Zeit als auch zur Zeit seiner Präsidentschaft demonstrierte er uns einzigartige Beispiele des menschlichen und politischen Mutes. Das war der Mut eines unerschrockenen Mannes, und Jelzin bekräftigte das mit seinem ganzen Leben. Geben Sie zu, so etwas muss gebührend geschätzt werden.

    Jelzin bedeutet für mich Mut und außerdem Freiheit. Er erfuhr aus eigener Erfahrung, was es heißt, ein freier Mensch zu sein. Und schätzte das, wie mir scheinen will, mehr als alles Übrige. Er kämpfte für ein freies Russland und schrieb das Wort Freiheit immer groß (obwohl die Substantive im Russischen an sich mit kleinem Buchstaben anfangen). Denn alles Übrige - das Prestige des Landes, der materielle Wohlstand und das Glück seiner Bürger - leitet sich von der Freiheit ab.

    Er hat unser Leben nicht leichter gemacht. Er hat ganz einfach uns und unser Land anders gemacht. Er gab uns das Recht auf Wahl. Lehrte uns, die Freiheit zu verstehen, zu schmecken und zu schätzen. Von uns hängt es nun ab, ob wir diese Lehren werden zu beherzigen wissen und ob sie später unsere Kinder von uns lernen werden.

    Ich glaube, wir werden es doch schaffen. Und das wird das Hauptverdienst des ersten Präsidenten von Russland, Boris Nikolajewitsch Jelzin, vor der Geschichte, vor den heutigen und kommenden Generationen sein.

    Mir wurde das Glück zuteil, diesen markanten, starken und integren Menschen zu sehen und mit ihm zu arbeiten, und ich danke dem Schicksal dafür.

    Ade, Boris Nikolajewitsch. Und verzeihen Sie uns...

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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