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    Solange die Vorstellung noch nicht begonnen hat

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    MOSKAU, 01. Juli (Andrej Wassiljew, RIA Novosti). Bei dem Treffen des amerikanischen und des russischen Präsidenten, das in den USA am 1. und 2. Juli stattfindet, werden Wladimir Putin und George Bush eine recht unangenehme Frage besprechen müssen: über die Absicht der Vereinigten Staaten, ein neues ABM-System an Russlands Grenze unterzubringen.

    Aber welche Entscheidungen bei den Verhandlungen der Präsidenten auch getroffen werden mögen, werden sie den gesamten Ton der russisch-amerikanischen Beziehungen wohl kaum grundsätzlich beeinflussen. Beide Seiten werden sich um die Erhaltung der strategischen Partnerschaft bemühen. Allerdings wird sie weit mehr Pragmatismus als einstiges Vertrauen aufweisen.

    Eine der in den 60er Jahren populärsten stereotypen Vorstellungen von den Amerikanern - schlecht erzogene, aber sehr reiche Leute, die allen ihre Meinung aufdrängen - feiert fröhliche Urständ. Die Anstrengungen der Administration von Bush haben die europäischen NATO-Verbündeten der USA in eine sehr heikle Lage versetzt, da sie sich verpflichtet fühlen, Washingtons Vorschlag, in Tschechien und Polen ABM-Elemente zu stationieren, die Europa am wenigsten braucht, zu unterstützen.

    Die Befürchtungen, dass dieser Schritt die Beziehungen zum östlichen Nachbarn - Russland - belasten und auch die Sicherheit von Europa selbst keineswegs festigen wird, sind bisweilen stärker als der Wunsch, das neue recht kostspielige "Spielzeug" umsonst zu bekommen. Nicht von ungefähr bemerkte der Generalsekretär des Norwegischen Atlantikkomitees Chris Prebensen: "Was die amerikanischen Pläne angeht, in Europa einen Antiraketenschild zu schaffen, besteht die Position der norwegischen Regierung darin, dass eine solche Unterbringung dem Klima des strategischen Gleichgewichts nicht förderlich sein würde. Diese Systeme können zur Steigerung des Wettrüstens führen, und das ist keine gute Idee."

    Der bekannte britische Wissenschaftler Lord Robert Skidelsky, Mitglied der Oberhauses, drückte sich in seinem Brief an den Chefredakteur der britischen "Financial Times" noch schroffer aus: "Statt fortwährend den Russen die Schuld an allem zu geben, würden Sie ein besseres Maßgefühl demonstrieren, wenn Sie ab und zu Ihr Feuer auf die egoistischste Administration seit Franklin D. Roosevelt dem amerikanischen Isolationismus ein Ende setzte, die obendrein auf nichts reagiert, richten würden."

    Die Amerikaner hätten wirklich nichts dagegen, erneut ein Wettrüsten zu entfesseln, das seinerzeit die Kräfte der UdSSR unterminierte und das kommunistische Imperium zum Krach führte. Das ist eine erprobte und effektive Methode, zumal die militärischen Bewilligungen der USA mehr als 15-mal so hoch sind, wie die russischen. Im Vergleich mit jenen, vergangenen Zeiten hat Washington also ein kolossales Prä.

    Gesagt sei, dass diese Absicht keineswegs von einem pathologischen Hass auf Russland herrührt, wie einige Menschen denken. Es ist einfach so, dass die Vereinigten Staaten keinen Rivalen brauchen. Sie genießen die Rolle des alleinigen Weltführers viel zu sehr. Aber ein starkes Russland, das eine selbstständige Politik verfolgt, ist sowohl ein Hindernis für die prätentiösen Pläne Bushs als auch ein schlechtes Beispiel für alle Übrigen. Und wenn dem so ist, werden die USA mit dem Beistand ihrer Verbündeten in Europa im Einklang mit dem strategischen Plan für 2007 - 2012 "dem negativen Verhalten Russlands eine Abfuhr erteilen". Es stört die amerikanische Administration herzlich wenig, dass dies von den durch Washington überall in der Welt durchgesetzten "demokratischen Prinzipien" doch etwas abweicht.

    Aber die Geheimnisse der amerikanischen Strategie sind dermaßen auffällig mit blauem Zwirn genäht, dass Russland darauf wohl kaum hereinfallen wird. Präsident Putin erklärte in einem Interview für Journalisten aus den G8-Ländern, dass Russland sich nicht in ein Wettrüsten einbeziehen lassen wird, das ihm aufgezwungen wird. Russland wird, sagte der Präsident, "nicht spiegelgleich", sondern mit anderen, wohl gemerkt nicht minder effektiven Methoden und Mitteln darauf antworten.

    Dass eine Antwort kommt, steht außer Zweifel. Die amerikanischen Massenmedien mögen noch so oft von rein defensiven Aufgaben des neuen ABM-Systems reden, es bleibt trotzdem eine Waffe. Eigentlich können moderne Radarstationen und Abfangraketen auch nichts Anderes sein. Der Sicherheitsexperte vom Österreichischen Institut für Internationale Politik Dr. Heinz Gärtner äußerte in diesem Zusammenhang, dass es im Bewaffnungsprozess keine rein defensiven Aspekte gebe. Und der preußische Stratege Carl von Clausewitz zeigte bereits im 19. Jahrhundert überzeugend genug, dass Überlegenheit nur durch die Kombination von offensiven und defensiven Möglichkeiten gesichert werden kann.

    Vorläufig hält sich Russlands Reaktion auf die verstärkte Präsenz der USA in Europa und die NATO-Osterweiterung in den Grenzen von politischen und diplomatischen Schritten. So verwies Wladimir Putin in seiner Botschaft an die Föderale Versammlung der Russischen Föderation warnend darauf, dass die NATO durch die Aufnahme neuer Mitglieder in den Pakt und die Entfaltung eines ABM-Systems an der russischen Grenze gegen alle früheren Vereinbarungen über das Kräftegleichgewicht verstößt. Deshalb hält es Russland für möglich, ein Moratorium über seine Teilnahme am Vertrag über die konventionellen Waffen in Europa zu verhängen.

    Aber nicht nur das. Putin teilte außerdem mit, dass für die russischen Raketen neue Ziele in Europa hinzukommen werden, wenn ein Teil des strategischen nuklearen US-Potentials auf dem europäischen Kontinent stationiert und Russland gefährdet wird. Daran können uns keinerlei ABM-Systeme hindern, da bei uns die Erprobungen des modernisierten Raketenkomplexes "Iskander" gerade abgeschlossen worden sind. Der aber ist imstande, beliebige solche Objekte zu vernichten.

    Dennoch wünscht unser Land am wenigsten eine neue Konfrontation. Das bestätigte der russische Präsident, als er während des G8-Gipfels in Deutschland den Vereinigten Staaten anbot, die Radarstation in Gabala (Aserbaidschan) gemeinsam zu nutzen. Sind die USA tatsächlich über die iranische Gefahr so sehr besorgt, so kann diese Station jeden Raketenstart weit effektiver verfolgen.

    In der NATO wurde die Idee mit Billigung und zweifellos mit Erleichterung aufgenommen. Da beeilte sich aber der Pentagon-Chef Gates zu erklären, dass die USA Russlands Angebot als Ergänzung zu den Elementen ihres ABM-Systems in Europa und nicht als Alternative dazu betrachten. Ihn unterstützte auch Condoleezza Rice. Zum Glück gibt es drüben auch Menschen mit kühleren Köpfen. Präsident Bush hat sein endgültiges Wort ebenfalls noch nicht gesagt.

    Der große russische Schriftsteller Anton Tschechow schrieb seinerzeit: Wenn im 1. Akt eines Stückes ein Gewehr an der Wand hängt, muss es im letzten Akt abgefeuert werden. Im Moment reden die Amerikaner den Europäern ein, sich ein solches Gewehr anzuschaffen. Diese müssen aber dessen eingedenk sein, dass das Gewehr nicht im amerikanischen, sondern im europäischen Haus losgehen wird. Anders ausgedrückt: Bevor die Vorstellung begonnen hat, wäre es ratsam, über die Elemente des Bühnenbildes gründlich nachzudenken.

    Zum Autor:

    Andrej Wassiljew ist militärischer Kommentator.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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