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    HIV-Prozess in Libyen: Begnadigung für die Bulgarinnen?

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    MOSKAU, 16. Juli (Boris Kaimakow, RIA Novosti). Zunächst einmal die Namen der bulgarischen Krankenschwestern und des palästinensischen Arztes: Kristina Vulceva, Nassia Nenova, Valentina Siropulo, Snejana Dimitrova, Valia Cerveniaska und Ashraf al-Hadjadj.

    Die Nachricht, dass Libyens Oberster Gerichtshof das Todesurteil gegen die Mediziner bestätigt hat, löste das Gefühl der Machtlosigkeit vor der Ungerechtigkeit des Urteils und des Schreckens über seinen Vollzug aus: Tod durch Erschießen.

    Die Ärzte waren 1997 festgenommen und beschuldigt worden, mehr als 400 Kinder mit Aids angesteckt zu haben. Alles ging sehr schnell: 50 Kinder starben in rascher Reihenfolge. Die Familien der anderen Angesteckten leben in der Angst, dass ihren Kindern das gleiche Schicksal ereilen wird.

    In einer Atmosphäre von Wut und Angst beschloss die libysche Staatsführung, nicht nur die Ärzte festnehmen zu lassen, sondern ihnen auch vorzuwerfen, die Kinder mit Absicht - im Auftrag von ausländischen Geheimdiensten - infiziert zu haben. Die libysche Tragödie und der Schmerz der Eltern ist verständlich. Das erweckt Mitleid und den Wunsch, den betroffenen Familien zu helfen. Doch das Schüren von Psychose und Spionagewahn stößt weltweit sowohl bei Ärzten als auch bei einfachen Menschen auf Protest. In Russland erinnert man sich gut an die Prozesse gegen die „Mörder in weißen Kitteln“: Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden namhafte Ärzte nach Anzeige der Krankenschwester Lidija Timaschuk beschuldigt, prominente Kulturschaffende und Staatsmänner im Auftrag westlicher Geheimdienste falsch behandelt und dadurch getötet zu haben.

    Die Situation in Libyen ist wirklich nicht eindeutig. Die Krankenschwestern erklärten vor Gericht, dass ihnen Geständnisse mit Folter abgepresst worden seien. Die Folterer wurden ebenfalls vor Gericht gestellt, jedoch freigesprochen.

    Die Tragödie in Libyen ist eine Tragödie für Europa und insbesondere für Bulgarien, wo der Prozess nicht als Rechtsprechung, sondern als das Streben, wilde Instinkte und Rachedurst des aufgebrachten Volkes zu stillen, angesehen wird.

    Unabhängige Experten gelangten nach einer Untersuchung im Al-Fatih-Krankenhaus in Benghasi zu dem Schluss, dass erste Kinder dort noch vor dem Einsatz der angeklagten Ärzte infiziert worden waren. Den bulgarischen Krankenschwestern könne schlimmstenfalls Fahrlässigkeit vorgeworfen werden, jedoch keinesfalls vorsätzliche Tötung.

    Nach Ansicht von US-Experten wurden die Vorwürfe ausgedacht, um die Inkompetenz der libyschen Ärzte zu verschleiern. Die Aids-Infektionen führen die US-Experten auf die Fahrlässigkeit und die schlechten hygienischen Zustände in dem Krankenhaus zurück.

    Wenn man eine Parallele zwischen dem damaligen Prozess in der Sowjetunion und dem jetzigen Prozess in Libyen zieht, kommt man auf den Gedanken, dass es sich um die gleichen Mechanismen eines totalitären Staates handelt. Statt nach den wahren Ursachen zu suchen, läuft alles auf eine Verschwörung und das Todesurteil für die „Schuldigen“ hinaus. Als 1999 im Al-Fatih-Krankenhaus eine Aids-Seuche wegen wiederholter Verwendung von Spritzen und Tröpfen ausbrach, sprach man im in internationaler Isolation lebenden Libyen ebenfalls von einer Verschwörung gegen das „freie Heimatland“.

    In den vergangenen Jahren machten die Europäische Union und Bulgarien viel, um den Betroffenen in Libyen zu helfen. Brüssel finanziert die Sanierung eines Krankenhauses für Aids-infizierte Kinder. Libysche Kinder reisen zur Behandlung nach Italien. Cecilia Sarkozy, Ehefrau des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, war in Tripolis und sprach dort zweimal mit dem libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi und dessen Tochter, die sich mit Frauenfragen im Lande beschäftigt.

    Auch Russland macht sich stark für die bulgarischen Krankenschwestern in Libyen. Das Außenministerium in Moskau forderte von Libyen einen „humanen Prozess“. Russische Mediziner solidarisierten sich mit ihren bulgarischen Kolleginnen.

    Experten neigen unterdessen zu der Meinung, dass Libyen die Geschichte mit den bulgarischen Krankenschwestern bewusst dramatisiert, um maximale Profite daraus zu schlagen. Für einen Gnadenspruch will Tripolis den Beitritt zum Partnerschaftsvertrag zwischen der EU und südlichen Mittelmeerstaaten, was die Isolation Libyens beenden und dessen Wirtschaft einen kräftigen Anstoß geben soll.

    Es gibt Chancen auf eine Begnadigung. Die letzte Hoffnung der Verurteilten ist der Oberste Justizrat von Libyen - die einzige Instanz, die das Todesurteil aufheben darf. In Russland und Bulgarien hofft man sehr darauf.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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