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    Ein Commodore des Theaters

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    MOSKAU, 16. Juli (Anatoli Koroljow, RIA Novosti). In diesen Tagen ehrt Russlands Theaterwelt den großen russischen Regisseur Pjotr Fomenko.

    Er ist jetzt 75, aber auch schon vor zehn, ja vor zwanzig Jahren genoss Fomenko den inoffiziellen Status eines lebenden Klassikers. Seine Auszeichnungen sind zahlreich: Er ist Volkskünstler Russlands, mehrfacher Träger des Staatspreises der Russischen Föderation (1995, 1998, 2002), Träger des "Triumph"-Preises, des Towstonogow-Preises und noch vieler anderer. Aber eine darunter trifft meiner Meinung nach das Wesen der Sache am genauesten: der französische Orden "Commandeur dans l’Ordre des Arts et des Lettres". Fomenkos schöpferische Gabe entstand an der Nahtstelle von Musik und Wort.

    Pjotr Fomenko wurde 1932 in Moskau geboren, wo er die Staatliche Musikpädagogische Gnessin-Musikhochschule und dann die Ippolitow-Iwanow-Musikhochschule (Violine) absolvierte. Er war ein ausgesprochen begabter Schüler, man prophezeite ihm eine gesicherte Zukunft. Der Weg schien vorausbestimmt, aber Fomenko setzte seine Bildung fort. Er ließ sich an der philologischen Fakultät der Moskauer Pädagogischen Hochschule immatrikulieren und absolvierte sie 1955, mit 23 Jahren. In der Nachkriegszeit war das bereits ein reifes Mannesalter. Und? Fomenko studierte weiter: Er studierte an der Regiefakultät der Moskauer Staatlichen Theaterhochschule (GITIS) und erhielt 1961 das Diplom eines Theaterregisseurs.

    Erst jetzt meinte er, auf seinen Beruf vorbereitet zu sein. Hinter ihm lagen 15 Jahre ununterbrochenes Studium, er besaß drei Diplome, und all das ergab letztendlich den einzigartigen Fomenko-Stil: Das Schaffen wird als eine Art Schulung bei den Klassikern verstanden. Geht er an die Inszenierung von Werken Lew Tolstois, Puschkins, Gogols oder Maeterlincks, so studiert er zuerst skrupulös die Epoche, dann die Erfahrungen der früheren Theaterarbeiten, dann bezieht er in diesen endlosen Unterricht die Theatertruppe ein, wonach das Ergebnis dem Publikum als Inszenierung vorgestellt wird.

    Dieses Vorgehen erfordert eine außerordentlich enge Zusammenarbeit des Regisseurs und der Schauspieler, verlangt ihnen lange Proben ab, ruft zur Ehrlichkeit bei der gemeinsamen Arbeit auf, duldet keine Stümperei, keine übertriebene Aktualität und nichts Unechtes. Lange und mühevoll musste Fomenko seine Auffassung von der Sache behaupten, er machte die Theaterdirektion wahnsinnig und ließ die Truppe bis zur Erschöpfung arbeiten, bevor er dann dem Publikum eine brillante Vorstellung präsentierte. Im Grunde arbeitet er mit der Truppe nach einer Partitur, wie der Dirigent mit einem Orchester, die Aufgabe ist ungemein schwierig: Wort und Musik zu einem schöpferischen Akt verschmelzen zu lassen.

    Sein Berufsweg war alles andere als einfach, vielmehr musste er vieles erleben und durchmachen.

    Zuerst wanderte Fomenko von Theater zu Theater, inszenierte Kindervorstellungen am Zentralen Kindertheater, arbeitete im Studiotheater "Leninskije gory" der Moskauer Staatlichen Universität. Sein Rating stieg nur langsam. 1966 inszenierte Fomenko schließlich am Moskauer Majakowski-Theater seine erste berühmte Arbeit, das Stück "Tarelkins Tod" von Suchowo-Kobylin. Um die Inszenierung gab es viel Lärm, aber trotz des Erfolgs wurde sie abgesetzt. In der Apotheose der Absurditäten erblickte die Parteizensur wohlbekannte Züge der sowjetischen Lebensweise.

    Fomenko musste nach Leningrad (heute Sankt Petersburg) umziehen.

    Lange Jahre lebte er zwischen beiden Hauptstädten, demonstrierte wieder und wieder die höchste Klasse der Arbeit und wurde 1977 schließlich zum Chefregisseur des Leningrader Komödientheaters. Er brachte zahlreiche Stücke heraus (insgesamt hat Fomenko über 60 Inszenierungen gezeigt, eine beeindruckende Zahl!). Besonders hervorzuheben wären "Der Wald" von Alexander Ostrowski, "Der Misanthrop" von Moličre, "Wie es euch gefällt" von Shakespeare. Aber seine Bekanntheit wuchs in jenen Jahren eher durch die Arbeit am Zentralen Fernsehen. In der Gattung Fernsehstücke brachte Fomenko eine ganze Reihe von ausgezeichneten Arbeiten heraus: den Puschkin-Zyklus "Pique Dame", "Der Schuss", "Der Schneesturm", "Der Sargmacher" und eine Serie von Insznierungen nach Lew Tolstoi: "Kindheit. Knabenjahre. Jugend" und "Familienglück".

    Doch den Gipfel seines Lebens beging Fomenko durch die entschiedene Aufgabe der gewohnten Lebensweise, ließ das Repertoire-Theater links liegen und gab sich ganz der Pädagogik hin. Seit Beginn der 80er Jahre unterrichtet er an der Staatlichen Theaterhochschule, in ihren Mauern findet er eine Zuflucht für lange Jahre, hier ist sein Paradies, hier kann er wieder lehren und lernen. Hier erreicht seine Seele den Zustand der Harmonie, und seine schöpferische Kraft entfaltet sich zur vollen Blüte. Auf diese Weise entsteht das Hauptphänomen seines Lebens: ein Studio und Lehrlinge. Nach Stanislawski hat es im russischen Theater wohl kein so prägnantes Phänomen gegeben. Aus seinem Studio sind viele heute bekannte Regisseure (wie Sergej Schenowatsch, Iwan Popowski, Mindaugas Karbauskis und andere) sowie zahlreiche Starschauspielerinnen und -schauspieler hervorgegangen.

    Zu einer Legende sind die letzten Inszenierungen des Meisters geworden: "Ein absolut glückliches Dorf" nach Wachtin, "Krieg und Frieden. Beginn des Romans", "Drei Schwestern", "Er war ein Titulärrat".

    Mit der Sorgfalt eines Sterndeuters betreut Pjotr Fomenko die Plejaden des gegenwärtigen Theaters. 1993 erhielt sein Studio den Status als Theater "Werkstätte von Pjotr Fomenko"; zur Zeit wird für das Theater im Zentrum von Moskau ein neues einzigartiges Gebäude gebaut. Was könnte ein besserer Ausdruck der Anerkennung des Talentes des Commodore von Musik und Wort zu seinem Jubiläum sein?

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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