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    SOZ als multipolare Startrampe

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    Dass der nächste Gipfel der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) ein geostrategischer Meilenstein wird, ist ohne spektakuläre Vorankündigungen klar.

    MOSKAU, 27. Juli (Wadim Dubnow für RIA Novosti). Dass der nächste Gipfel der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) ein geostrategischer Meilenstein wird, ist ohne spektakuläre Vorankündigungen klar.

    Die SOZ zieht unvermeidlich die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich. Nicht nur, weil diese Organisation 60 Prozent von ganz Eurasien mit knapp 1,5 Milliarden Menschen umfasst. Sondern auch, weil ihre Ambitionen weltweit Reaktionen auslösen.

    Aus politischer Sicht ist die Existenz der SOZ eine unbedingte Objektivität. Dagegen erhebt kaum jemand Einwände. Auch diejenigen nicht, denen weder die Idee von einer Neuaufteilung der Welt noch die Akzente der russischen außenpolitischen Aktivität, die der westlichen widerspricht, nicht gefallen. Die politische Realität ist so, dass ein wesentlicher Teil der Welt eine strategische Alternative braucht, die als Bipolarität bezeichnet wird. Wie in jedem großen Kollektiv ist der Bedarf an einer entsprechenden Struktur und einem entsprechenden Führer offensichtlich. Doch die Logik der jetzigen Bipolarität ist deutlich komplizierter, als jene, die es vor 20 Jahren gegeben hat.

    Es kommt dabei nicht auf das Kräfteverhältnis an, das Russland nicht mehr zur Hoffnung auf eine Führerschaft berechtigt, die früher von niemandem bestritten wurde. Trotz der demonstrativen Aufmerksamkeit, die Russland der SOZ zuwendet, ist Moskau offenbar nicht bereit, sich zur SOZ so ernsthaft zu verhalten, wie dies Peking tut, wo sich Dutzende Regierungs- und regierungsnahe Strukturen mit den Perspektiven einer neuen eurasischen Führerschaft beschäftigen.

    Unterdessen ist der Prozess, der im Aushängeschild der Organisation als "Zusammenarbeit" bezeichnet wird, extrem politisiert. Es gibt einen sehr genauen Indikator, um den realen wirtschaftlichen Bedarf an einer Struktur zu ermitteln. Laut Berechnungen von Stanislaw Schukow, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen der Russischen Akademie der Wissenschaften, beträgt der Anteil der gegenseitigen Zusammenarbeit in der Europäischen Union 67 Prozent. In der GUS sind es nur 18 Prozent und in GUAM (Georgien, Usbekistan, Aserbaidschan und Moldawien) rund vier Prozent.

    In dieser Hinsicht ist die SOZ sehr interessant. Der Anteil der gegenseitigen wirtschaftlichen Zusammenarbeit liegt dort unter einem Prozent. Das ist nicht weiter verwunderlich: Die gegenseitige Aktivität der SOZ-Mitglieder wird von China zunichte gemacht, dessen Anteil am Handel mit seinen SOZ-Partnern winzig ist.

    Deshalb ist nicht so sehr von wirtschaftlicher Zusammenarbeit, sondern eher von objektiven wirtschaftlichen Differenzen die Rede. Obwohl China ein Öl förderndes Land ist, ist es zugleich einer der größten Ölimporteure der Welt. Wie sich die Partnerschaft zwischen Russland und China auch immer gestaltet, zwingt die wirtschaftliche Rivalität Russland dazu, selbst bei den eigenen Ankündigungen, es wolle seine Energielieferungen nach China umorientieren, vorsichtig zu sein. Das um so mehr, als China als ein wichtiger Akteur im Osten der Versuchung kaum widerstehen wird, denjenigen, die in den chinesischen Energiemarkt einsteigen, die Preispolitik aufzuzwingen. Außerdem ist die Rivalität zwischen Russland und Kasachstan unvermeidlich, obwohl ihre Präsenz auf diesem Markt bescheiden ist. Man kann vermuten, dass Russland die Ressourcenbasis Zentralasiens zum eigenen Vorteil nutzen will, was den Ideen der Eurasischen Zusammenarbeit widerspricht.

    Schwere Wirtschaftskollisionen stehen noch bevor. China wartet mit Ungeduld auf die Erweiterung der WTO um postsowjetische Staaten, vor allem um Russland. Das rapide Wirtschaftswachstum in China und der Krieg, den der alarmierte Westen der chinesischen Warenexpansion erklärt hat, kann zur Expansion gegen Staaten führen, die nach wie vor auf Energie setzen. Deshalb kann die WTO für Peking als Aufmarschgebiet für eine Offensive dienen.

    Das ist aber, strategisch gesehen, nicht das größte Problem für die SOZ und Russland, das auf die SOZ setzt. Vor dem Hintergrund der jetzigen Spannungen mit dem Westen ist die SOZ für Russland taktisch gesehen sehr wirksam. Bei Europa lösen die Pläne zur Bildung gemeinsamer Streitkräfte der SOZ oder einer Kontaktgruppe SOZ-Afghanistan keine Panik aus. Die Amerikaner reagieren darauf mit Besorgnis, was Moskau offenbar freut. Vor dem Hintergrund des russischen Moratoriums für den KSE-Vertrag sind die kollektiven Initiativen der SOZ, die Moskau in dieser Frage unterstützen, sehr wichtig.

    Doch den unterstützenden Worten folgen offenbar keine Taten. Die regelmäßigen Forderungen der SOZ an die Amerikaner, sie sollen den Militärstützpunkt in Kirgisien räumen, enden stets mit einer Reise von US-Offiziellen nach Kirgisien und einer neuen amerikanisch-kirgisischen Vereinbarung. Die Anregung Moskaus, Iran den Beobachterstatus bei der SOZ zu gewähren, fand bei Peking Unterstützung. China wandte sich jedoch gegen eine Aufnahme Irans in die SOZ und gab Moskau zu verstehen, es wolle die Beziehungen mit den USA nicht übermäßig belasten.

    China dosiert den Grad seines Antiamerikanismus. Das ist eine andere Philosophie der Führerschaft, die nicht auf den Erinnerungen an die einstige Stärke beruht, sondern auf dem Wunsch, trotz der Bevölkerungsarmut dem globalen Klub der realen Weltführer beizutreten, der offenbar größer als die SOZ ist. In einer bestimmten Etappe kann man dafür die kollektive eurasische Erpressung nutzen, jedoch nicht um der Konfrontation willen, sondern um das eigene Gewicht für zukünftige zivilisierte und konstruktive Vereinbarungen zu erhöhen.

    In dieser Hinsicht ist China das Paradebeispiel für die Motivation, die auch den anderen SOZ-Mitgliedern nicht fremd ist. Während Iran und Russland von der SOZ Unterstützung bei der Konfrontation mit Washington erwartet, wollen Kasachstan und China ihre Positionen stärken, um den Sprung aus dem eurasisch-postsowjetischen Raum in den globalen Raum zu schaffen.

    Das ist kein Warschauer Pakt mehr. Und kein "chinesischer Weg", der in Russland als Muster gilt.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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