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    Krieg der Glaubensrichtung - der Islam des Ramsan Kadyrow

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    MOSKAU, 01. September (RIA Novosti). Im August hat Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow Saudi-Arabien und Jordanien besucht und in Gudermes (Tschetschenien) einen Friedens-Kongress unter der Motto "Islam - Religion des Friedens und Schaffens" abgehalten.

    Der Kongress in Gudermes versammelte nicht alle Stars der islamischen Theologie, war jedoch als erster Versuch alles in allem doch erfolgreich. Die Besuche in Saudi-Arabien und Jordanien sicherten Ramsan Kadyrow quasi einen Platz neben den Führern der weltweiten moslemischen Umma: den Monarchen von Saudi-Arabien und Jordanien.

    Jetzt hat Ramsan Kadyrow neben Wladimir Putin, der die Besuche und den Kongress gebilligt hat, "Paten" auch im Nahen Osten, was vor dem Präsidentenwechsel in Russland von Bedeutung ist. Gerade Putin war lange Zeit hindurch die einzige Quelle von Kadyrows Legitimität.

    Die allgemeine Aufgabe der Nahostbesuche und des Kongresses war es, der moslemischen Weltöffentlichkeit das neue, das Nachkriegs-Tschetschenien vorzustellen: ein Tschetschenien, in dem der Frieden praktisch wiederhergestellt worden und der Aufbau im Gange ist und niemand die Moslems wegen ihres Glaubens verfolgt, obwohl die Anführer der Extremisten das bis heute behaupten. Der Widerstand in Tschetschenien wurde seit Beginn des zweiten Krieges immer weniger separatistisch und immer mehr religiös, die Extremisten erklärten ihre Anschläge als Teil des globalen Dschihad, und hinter ihren Rücken zeichneten sich undeutlich die islamischen Gemeinschaften im Nahen Osten ab, von denen eine wenn nicht finanzielle und militärische, so doch jedenfalls moralische Unterstützung kam. Durch sein Treffen mit den Nahost-Monarchen und die Einladung mehrerer namhafter Theologen - zum Beispiel des syrischen Scheichs Mohammed Kaftaru - nach Tschetschenien brachte Kadyrow seine Gegner um ihren Nahost-Trumpf: Gerade er ist jetzt im Osten als der Führer der Moslems von Tschetschenien, das auch innerhalb Russlands eine durchaus islamische Region bleibt, anerkannt worden.

    Kadyrows Tschetschenien ist sicherlich religiöser als das Vorkriegs-Tschetschenien. Zu Beginn der 90er Jahre war die religiöse Bewegung nur eine Begleiterscheinung der nationalistischen Bewegung. Die Sieger im ersten Krieg (1994 - 1996) waren ebenfalls durchaus weltliche Separatisten, obwohl schon damals unter den Feldkommandeuren ein einflussreicher Flügel jener bestand, die meinten, sich nicht so sehr für Tschetscheniens Unabhängigkeit wie vielmehr für den Glauben und die Scharia-Richtung einzusetzen, das heißt für einen Staat, dem ausschließlich das islamische Recht zugrunde liegt. Die "weltlichen" Separatisten traten in Person von Aslan Maschadow den "Islamisten" die Initiative faktisch ab. Die "Islamisten" rangen Maschadow eine auf die Scharia gestützte Verfassungsreform ab und gründeten ihren eigenen Rat der Feldkommandeure und den Kongress der Moslems von Itschkerija (Tschetschenien) und Dagestan mit Bassajew an der Spitze.

    Aber Schamil Bassajew war sich der Gesinnung seiner Landsleute nicht ganz sicher. In Tschetschenien fanden sich Menschen, denen diese islamischen Neuerungen nicht recht waren. Sie selbst stammten übrigens aus einem völlig moslemischen Milieu, und an ihrer Spitze stand sogar der Mufti Achmat Kadyrow von Itschkerija. Der Mufti erklärte, dass nach seiner Auffassung Tschetscheniens Glück wenigstens hundert Jahre Freiheit von ausländischen Predigern sei. Einige seiner Gleichgesinnten aus den Reihen der Feldkommandeure nahmen einen bewaffneten Kampf gegen den "wesensfremden Fundamentalismus" auf. Im Ergebnis schlossen sie ein Abkommen mit den föderalen Behörden, das ihnen die Macht im Tschetschenien der Nachkriegszeit und den Föderalen die Möglichkeit brachte, endlich die Verantwortung für alles, was in Tschetschenien geschah, den Tschetschenen selbst aufzuerlegen.

    Achmat Kadyrow gehört, ebenso wie sein Sohn Ramsan, dem für Tschetschenien traditionellen sufitischen Kadiri-Orden an. Eben als Kadiri stellten sie sich den Fundamentalisten entgegen. Die tschetschenischen Kadiri halten den Scheich Kunta-Hadschi Kischijew, der im 19. Jahrhundert lebte und die Abkehr von Gewalt predigte, für ihren angesehensten Glaubenslehrer. Die Predigt von Kunta-Hadschi hinderte Achmat Kadyrow keineswegs daran, 1995 den Krieg in Tschetschenien zu einem heiligen Krieg der Moslems zu verkünden.

    Dennoch kann gesagt werden, dass im heutigen Tschetschenien der für das Land traditionelle sufitische Islam herrscht, der sich in Gegensatz zu den Fundamentalisten setzt. Im heutigen Tschetschenien dominiert der Kadiri-Sufismus, während das Sowjet-Regime bemüht war, sich auf den zweiten Zweig des tschetschenischen Sufismus - den Nakschbandi-Orden - zu stützen.

    Gegenwärtig spricht der Leiter der Gesellschaftskammer von Tschetschenien, Said-Emin Dschabrailow, von der Bereitschaft der führenden Vertreter von Kadiri und Nakschbandi, sich zusammenzuschließen und ein "Konsortium" zu bilden, das sich dem Fundamentalismus effektiv widersetzen werde.

    Dennoch empfindet die Nakschbandi-Gemeinde bisweilen offensichtlich ihre zweitrangige Rolle, besonders nachdem der bekannte Geschäftsmann Hussein Dschabrailow, Vorsitzender der so genannten Gesellschaft der Nachkommen der tschetschenischen Scheichs, aus der tschetschenischen Politik faktisch ausgeschaltet worden ist. Nicht gerade stabiler macht das "Konsortium" auch der unterschwellig glimmende Konflikt zwischen Ramsan Kadyrow und Said Kakijew, Kommandeur des Bataillons "West", das im Grunde die einzige von Kadyrow nicht kontrollierte tschetschenische Abteilung bleibt. Kakijew selbst ist ein religiöser Nakschi.

    Der Krieg, den die Kadyrows und ihre Anhänger gegen die Anhänger eines "reinen" Islams führten und immer noch führen, ist aufrichtig und erbittert. Doch darf dabei nicht vergessen werden, dass die Grenze zwischen dem "reinen" und dem "traditionellen" Islam oft verwaschen ist. Saudi-Arabien, das der traditionelle sufitische Moslem Ramsan Kadyrow besuchte, bekennt sich offiziell zum Wahhabismus. In Jordanien aber ist die Organisation "Moslembrüder" erlaubt, die in vielen Ländern als fundamentalistisch verboten ist.

    (Der Verfasser ist Iwan Suchow. Veröffentlicht in der Zeitung "Wremja nowostej" vom 29. August. Wir bringen eine gekürzte Fassung.)

    RIA Novosti ist für den Inhalt der Artikel aus der russischen Presse nicht verantwortlich.

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