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    Die Achillesferse der Radarstation Gabala

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    MOSKAU, 03. September (Rauf Radschabow für RIA Novosti). Aserbaidschan, die USA und Russland werden Anfang September Konsultationen über eine gemeinsame Nutzung der Radarstation im aserbaidschanischen Gabala in Baku durchführen.

    Beim jüngsten G8-Gipfel hatte der russische Präsident Wladimir Putin den USA angeboten, diese Radarstation gemeinsam zu nutzen, unter der Bedingung allerdings, dass Washington auf eine Stationierung von Teilen seines Raketenabwehrsystems (ABM) in Europa verzichtet. Während US-Präsident George Bush geäußert hat, Putins Angebot sei logisch, erklärte US-Außenamtschefin Condoleezza Rice, Washington werde auf die Stationierung von ABM-Segmenten in Polen und Tschechien nicht verzichten. Die darauffolgenden Ereignisse machten die eigentlichen Absichten der beiden Staaten deutlich.

    So manche Staatsmänner und Experten, darunter auch in Russland, glauben nicht wirklich an eine von Iran ausgehende Bedrohung. Handelt es sich aber wirklich nur um eine vermeintliche Gefahr? Mitte dieses Jahres schlossen Iran und Nordkorea ein Abkommen, laut dem Iran bis zum Ende dieses Jahres mehrere Dutzend ballistische Raketen des Typs Taep’o-dong-2 mit einer Reichweite von bis zu 4000 Kilometern bekommen wird. Nach dem heutigen Stand besitzt das islamistische iranische Regime keine ballistischen Raketen, die Europa erreichen könnten. Mit den Taep’o-dong-2-Raketen wird aber der ominöse iranische Staatschef Mahmud Ahmadinedschad solche Raketen bekommen. Vom iranischen Territorium aus werden sie Deutschland, Frankreich, Großbritannien und andere europäische Länder erreichen können. Aus diesem Grund bekundeten die meisten europäischen Länder (mit Ausnahme Österreichs) ihre umfassende Unterstützung für die US-Pläne. Neben diesen Raketen könnte Nordkorea bis 2013 ballistische Raketen mit einer Reichweite von bis zu 11 000 Kilometern an Iran liefern, an denen jetzt gearbeitet wird. Somit würde das unberechenbare Regime Teherans technisch in der Lage sein, einen Raketenangriff gegen die USA zu unternehmen. Gerade das ABM-System der USA, dessen Teile bis 2013 in Polen und Tschechien stationiert werden sollen, ist berufen, einen hypothetischen iranischen Angriff zu verhindern. Alle Versprechungen des iranischen Präsidenten verfolgen nur ein einziges Ziel: Zeit für die Entwicklung von Kernwaffen zu gewinnen.

    Von den größten Übeln der Gegenwart - nukleare Erpressung, internationaler Terrorismus, ethnischer Separatismus und religiöser Extremismus - ist es gerade die Gefahr eines lokalen Kernwaffenkrieges und des internationalen Terrorismus, die Washington und Moskau zur Stationierung ihrer Raketenabwehrsysteme bewegen. Gerade in diesem Kontext sind auch alle Ereignisse der zurückliegenden zwei Jahre und die bevorstehende Entwicklung zu bewerten.

    Die asymmetrische Antwort des Kremls auf eine Stationierung von ABM-Segmenten in Europa ist unter dem Gesichtspunkt der Herstellung der Weltraum-Navigationssystems GLONASS und des Baus der neuen Radarstationen des Typs Woronesch zu betrachten. Das GLONASS-System wird nicht ausschließlich friedlichen Zielen dienen. Die Militärsatelliten sollen ein konstantes Navigationsfeld bilden, das die Möglichkeit bietet, ein jedes Objekt auf der Erde, im Weltmeer und in der Luft exakt zu orten. Ohne die weltraumgestützte Navigation können keine hochpräzisen Waffen eingesetzt werden. Die Rund-um-die-Uhr-Navigation auf dem gesamten Territorium des Erdballs soll von einer aus 24 Satelliten bestehenden Gruppierung gewährleistet werden, die bis Ende 2009 in den Dienst gestellt werden soll. Gegenwärtig verfügt Russland über 18 Sputniks, die für eine umfassende Abdeckung des Erdballs nicht ausreichen.

    In den zurückliegenden Tagen löste die Äußerung eines ranghohen russischen Beamten, Moskau wolle auf den Betrieb der Radarstation Gabala noch vor dem Ablauf der Pacht 2012 verzichten, stürmische Debatten aus. Gemäß dem entsprechenden Vertrag zwischen Baku und Moskau ist Russland durchaus dazu berechtigt. Die Radarstation Gabala ist gerade ein Raketenangriff-Frühwarnsystem und keine Radaranlage des X-Frequenzbereichs, die für die Lenkung der Abfangraketen vom Typ GBI dienen, welche die USA als ein ABM-Segment in Tschechien stationieren wollen. Die Achillesferse der Radarstation Gabala besteht darin, dass sie recht nahe an den Orten der wahrscheinlichen Raketenstarts liegt.

    Es sei hier auf die neueste Entwicklung in Pakistan hingewiesen. Niemand mehr zweifelt jetzt daran, dass religiöse Extremisten in Islamabad nach der Macht trachten, während Präsident Musharaff nicht mehr das gesamte Territorium des Landes kontrolliert. Dabei ist Pakistan ein Kernwaffenland. Es ist daher eine große Frage, in wessen Hände diese Waffen nach Musharrafs Abdanken geraten werden.

    Die Radarstation Gabala registriert den Start und den aktiven Flugabschnitt von Raketen. Zugleich kann sie praktisch den gesamten mittleren Abschnitt der Flugbahn der Raketengefechtsköpfe nicht „sehen“, weil sie auf den Süden und nicht auf den Norden ausgerichtet ist. Zugleich sind die amerikanischen GBI-Abfangraketen dazu bestimmt, die Ziele ausschließlich außerhalb der Erdatmosphäre abzufangen. Sobald die Radarstation des Typs Woronesch bei der südrussischen Stadt Armawir gebaut wird, wird die Notwendigkeit der Pacht der Radaranlage in Gabala entfallen.

    Die Woronesch-Station gehört zu den Anlagen der neuesten Generation und ist bei praktisch allen Merkmalen den ausländischen Analoga überlegen. Sie hat eine Modul-Struktur und ist im Herstellungsstadium weitgehend vorgefertigt, was die Möglichkeit bietet, solche Radaranlagen in besonders gefährdeten Bereichen schnell zu errichten. Die Woronesch-Stationen werden die alten Radartypen Dnjepr und Darjal ablösen. Neben Armawir werden drei weitere Woronesch-Anlagen im Osten und im Norden Russlands gebaut. Eine neue Radaranlage dieses Typs kostet umgerechnet rund 80 Millionen Dollar.

    Washington ist übrigens auch ohne Beteiligung an der Nutzung der Radarstation Gabala in Aserbaidschan präsent. Vor einigen Jahren stellten die Amerikaner im Raum der Städte Chysy und Astara zwei mobile Radarstationien vom Typ TRML-3D auf, die das iranische Territorium bis in einer Tiefe von 300 Kilometer kontrollieren können.

    Insofern sollten bei den bevorstehenden dreiseitigen Konsultationen neben einer gemeinsamen Nutzung der Radarstation Gabala auch die Probleme der von Iran ausgehenden nuklearen Bedrohung sowie die weitreichenden Pläne des internationalen Terrorismus und des religiösen Extremismus diskutiert werden.

    Der Autor, der aserbaidschanische Militärexperte Rauf Radschabow, ist Chefredakteur der informationsanalytischen Agentur The Third View.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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