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    Russland: Nationalismus in Alltag und Politik

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    Zwei vor kurzem durchgeführte soziologische Umfragen über ethnische Aggression und Xenophobie in Russland durch das Lewada-Zentrum haben den logischen Widerspruch in den Gemütern der Russen vor Augen geführt.

    MOSKAU, 06. September (RIA Novosti). Zwei vor kurzem durchgeführte soziologische Umfragen über ethnische Aggression und Xenophobie in Russland durch das Lewada-Zentrum haben den logischen Widerspruch in den Gemütern der Russen vor Augen geführt.

     

    Die Befragten halten Nationalismus und Chauvinismus hauptsächlich theoretisch auseinander, ohne mit deren Auswirkungen im Alltag konfrontiert zu sein. Aber im Kampf um die Wähler könnten Parteien in Russland auf dieses Thema setzen, das nicht weniger gewinnbringend erscheint als soziales Thema, schreibt die russische Zeitung "Gaseta" am Mittwoch.

    41 Prozent der zu Nationalismus und Xenophobie Befragten begrüßten die Idee "Russland für Russen", wenngleich in einem "vernünftigen Maß". 42 Prozent der Befragten waren damit einverstanden, dass ethnische Minderheiten zu viel Macht haben.

    Interessanter sind die Ergebnisse der Umfrage zur ethnischen Aggression: Mehr als die Hälfte der Teilnehmer sind gegenüber anderen Nationalitäten nicht feindselig gesinnt und verspüren selber äußerst selten eine solche Feindseligkeit. 53 Prozent sagten, sie hätten nie Feindseligkeit von Seiten anderer Nationalitäten bemerkt. Die gleiche Zahl der Befragten sagte, dass sie loyal gegenüber Fremden seien. Mehr noch: 64 Prozent würden sich einmischen, wenn russische Jugendliche einen Menschen anderer Nationalität verhöhnen würden. 45 Prozent jener, die sich nicht einmischen werden, solidarisieren sich nicht mit den Angreifern, wollen nur nicht in den Konflikt verwickelt werden.

    Der Direktor des analytischen Zentrums "Sowa", Alexander Werchowski, behauptet, dass sich die Realität von den Ergebnissen der Umfragen unterscheidet. "Ein Mensch wird sich nur selten dazu bekennen, dass er feindselig gegenüber Menschen anderer Nationalitäten gesinnt ist", sagte der Experte in einem Interview mit der Zeitung "Gaseta" am Mittwoch. "Damit will er sich gewissermaßen rechtfertigen: Seht, ich bin so gut."

    Bei der Bezeichnung einer konkreten Nationalität wird der Grad der Feindseligkeit Werchowski zufolge sofort zunehmen. Bei einer Umfrage durch das Lewada-Zentrum im Jahr 2005 stellte sich heraus, dass 50 Prozent für Einschränkungen für Kaukasier in Russland sind. Dabei wollten sie nicht zwischen Bürgern der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und Einwohnern russischer Regionen unterscheiden. Damals waren aber nicht "Highlander" („kaukasisches Bergvolk“) an erster Stelle, sondern Gäste aus Asien: 46 Prozent der Befragten waren über Chinesen, 42 Prozent über Vietnamesen, 31 Prozent über Tadschiken verärgert. 30 Prozent sind feindlich gegenüber Zigeunern, 18 Prozent gegenüber Juden und acht Prozent gegenüber Ukrainern eingestellt.

    Regelmäßige Umfragen zu "Russland für Russen" zeigen, dass diese Idee gänzlich von knapp der Hälfte der Befragten unterstützt wird. "Das Problem besteht nicht in den Zahlen, sondern darin, dass die Massenvorurteile tatsächlich stärker werden. Es gibt immer mehr Beispiele für einen offenen Ausdruck der Feindseligkeit, bis hin zu kriminellen Handlungen", sagt Werchowski.

    Der Direktor des Instituts für Ethnologie und Anthropologie, Valeri Tischkow, der zugleich Vorsitzender der Kommission für Toleranz und Gewissensfreiheit der Gesellschaftskammer ist, äußerte Zweifel an der Glaubwürdigkeit der vom Lewada-Zentrum gewonnenen Resultate. In einem Interview mit der "Gaseta" sagte er, die Umfrage könne das reale Bild nicht zeigen. "Über das echte Verhalten gegenüber anderen Nationalitäten kann nur an konkreten Erscheinungen von Hass geurteilt werden (…) Der Anteil von Ehen zwischen Partnern verschiedener Nationalitäten ist in Russland einer der höchsten weltweit", so Tischkow. "Dass Menschen Vertreter anderer Nationalitäten als Ehepartner wählen, sagt bedeutend mehr als beliebige Umfragen des Lewada-Zentrums aus. Das Resultat einer beliebigen Umfrage ist eher eine Reaktion auf ein Fernsehprogramm vom Vortag oder auf einen Zeitungsartikel als der Ausdruck der inneren Einstellung der Befragten." Der Experte ist der Ansicht, dass die Publikation der Ergebnisse solcher Umfragen diverse Phobien in der Gesellschaft nur schüren.

    Werchowski stimmt Tischkow zu, dass Massenmedien eine große Rolle bei der Förderung der Feindseligkeit spielen. "Galt dieses Thema noch vor vier Jahren quasi als tabu, wird es jetzt nicht nur von Journalisten, sondern auch von Politikern aufgegriffen. Die Latte des Zulässigen wird immer höher gelegt", sagte Werchowski.

    Der Politologe Dmitri Oreschkin, führender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Geographie der Russischen Akademie der Wissenschaften, sagte in einem Interview mit der "Gaseta", dass alle Parteien die Nationalitätenfrage in der bevorstehenden Wahlkampagne in diesem oder jenem Maße ausspielen werden. "Natürlich wird das vor allem die Liberaldemokratische Partei (LDPR) an die große Glocke hängen. Auch 'Einheitliches Russland' dürfte merkwürdigerweise etwas von einem großen Land und einem großen Volk sprechen. Die Regierungspartei wechselt schrittweise auf dieses Spielfeld, ohne das zu merken", so der Experte.

    Der Politologe Sergej Markow, Kandidat für die Staatsduma von "Einheitliches Russland", ist der Ansicht, dass "Nationalitäten-Fragen bei der Wahlkampagne ernsthafter politischer Kräfte nicht oft berührt werden". "In den Vordergrund werden andere Fragen rücken, vor allem soziale Probleme", sagte Markow im Interview mit der „Gaseta“. "Was 'Einheitliches Russland' betrifft, wird die Partei auf den Aufbau eines großen einheitlichen Landes setzen, das mit der Schürung von Hass gegenüber anderen Völkern nichts gemein haben wird."

    Aber keine einzige Partei in Russland bis auf die Kommunisten kann in Wirklichkeit eine eindeutige Ideologie präsentieren. Alle anderen russischen Parteien sind nicht an irgendein festes Programm gebunden und hängen deshalb stark von momentanen Stimmungen in der Gesellschaft ab. Wegen des Politbarometers sind sowohl die Rechtsorientierten, die seinerzeit von einem "liberalen Imperium" gesprochen hatten, als auch die Kreml-Partei bereit, gewisse Schwankungen in ihren Positionen zuzulassen. Deshalb werden Politstrategen den Hass gegenüber Fremden immer als den letzten Trumpf bewahren. Sollte sich in diesem Herbst die Gefahr einer Niederlage bei der Parlamentswahl abzeichnen, könnten Begriffe aus dem "Wörterbuch des Hasses" jederzeit auf die Wahlfahnen von Parteien geschrieben werden.

    (Der Beitrag wurde in der Zeitung "Gaseta" am 5. September veröffentlicht und wird von RIA Novosti in verkürzter Form nachgedruckt.)

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