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    Das Irakproblem und der Truppenabzug in einer flachen Welt

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    MOSKAU, 10. September (Sergej Droschin für RIA Novosti). Ein angesehener Journalist und einstiger Befürworter des Irakkrieges, Thomas Friedman, tritt jetzt dafür ein, die amerikanischen Truppen aus dem Irak abzuziehen.

    Thomas Friedman ist einer der angesehensten Journalisten in der ganzen Welt. Er hat schon dreimal den Pulitzer-Preis bekommen und ist bei der einflussreichen amerikanischen Zeitung „New York Times“ tätig. Er hat mehrere Jahre im Nahen Osten als Berichterstatter gearbeitet und ziemlich oft den Irak besucht.

    Thomas Friedman ist ein Mann von Format in der Medienwelt. Er war sogar politischer Berater der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright. Die dritte Auflage seines neuen Buches ‚Die Welt ist flach“ steht auf einer Bestsellerliste und wird dort wahrscheinlich bleiben, obwohl viele nicht begreifen, warum.

    Vor kurzem hat er mit Charlie Rose über den Irak und die dritte Auflage seines Buches gesprochen, bevor er wiederum nach Bagdad geflogen ist. Aus dem Irak hat er Anfang September schon ein paar Kolumnen geschrieben.

    Aus dem Irak abziehen und in Kurdistan ewig bleiben

    Es sei hier vor allem kurz daran erinnert, dass Thomas Friedman von vorn herein ein Befürworter des Irakkrieges war. Jetzt tritt er aber dafür ein, die amerikanischen Truppen aus dem Irak abzuziehen. Das ist an und für sich eine gute Sache - seine Fehler einzugestehen und das, was falsch gemacht worden ist, zu korrigieren zu versuchen.

    Gewiss, er unterstützt jetzt den Truppenabzug - aber nicht aus dem gesamten Irak. In Kurdistan, so Friedman, sollen die Amerikaner bleiben. Und so ziemlich für immer.

    Kurdistan könne, so Friedman, ein Model für viele Länder im Nahen Osten sein. Diese Provinz sei ein fortschrittlicher Platz. Hier gebe es viel Redefreiheit und Pressefreiheit. Außerdem werde hier bald eine amerikanische Universität eröffnet. Kurdistan sei keine Demokratie. Aber es sei reich an Öl.

    Er hat seine neuen Ideen in Bezug auf den Irak in seinem letzten Gespräch mit Charlie Rose präsentiert. Unter Freunden, so zu sagen. Das, was für einen alten Freund akzeptabel ist, ist nicht unbedingt für alle verständlich.

    Vielleicht eben deswegen fühlte sich Friedman bei diesem Interview nicht gezwungen, auf Details einzugehen und ein durchdachtes Konzept vorzustellen. Unter Freunden wird oft locker geplaudert, sogar über Kriege und eigene Fehleinschätzungen.

    So en passant hat er auch hinzugefügt, daß die amerikanischen Truppen in diesem Fall an der Grenze des Irak bleiben sollen, an der Grenze mit Iran inklusive, versteht sich. Was dazu die Türkei, der Iran und Syrien sagen werden, beunruhigt ihn nicht so sehr.

    Friedman meint jetzt, diese Entscheidung, die amerikanischen Truppen nach dem Irak zu schicken, sei falsch gewesen, und die Präsenz der Amerikaner dort sei illegitim. Daraus folgt aber, logischerweise, dass die eventuelle verlängerte amerikanische militärische Präsenz in Kurdistan auch illegitim ist und bleiben wird. Friedman stört das offensichtlich nicht. Unter allen Umständen, so Friedman, sollen die Amerikaner in Kurdistan bleiben, auf dieser „Insel des Fortschritts“.

    Thomas Friedman hat darüber hinaus ein Mittel gefunden, das Problem mit Iran zu lösen. Um Iran wesentlich zu schwächen, schlägt Friedman vor, den Ölpreis zu senken, mindestens um 35 Prozent. Zunächst in die Höhe treiben, dann senken. Und Iran werde dann zusammenbrechen, wie es einmal mit der Sowjetunion der Fall gewesen sei.

    Was Dick Cheney dazu sagen wird, ist noch nicht klar. Friedman meint, er sei kein Freund. Um so schwieriger wird es dann sein, diese Idee in die Tat umzusetzen.

    Charlie Rose, der Freund, hat vorsichtig gefragt, ob das Problem nicht eben darin liege, dass die amerikanischen Truppen im Irak sind. Viele Iraker meinen, die Amerikaner wollen bleiben. Und das sei eben das Problem.

    ‚Es wird nach militärischen Mitteln gesucht, um die Probleme im Irak zu lösen. Aber ob nach diplomatischen Mitteln gesucht wird?’, fragt Friedman. Er meint, dass die besten Vermittler, darunter Gorbatschow, Schewardnadse, Baker, Kissinger und so weiter nach Bagdad geschickt werden sollten, um etwas auszuhandeln. Aber was denn? Was gibt es dort zu diskutieren; wäre es nicht besser, die Truppen einfach aus dem ganzen Land abzuziehen?

    Alles ist möglich in einer flachen Welt, sogar das Gegenteil

    Thomas Friedman sagt in seinem Interview mit Charlie Rose: „Alles ist möglich in einer flachen Welt... Entweder du machst etwas, oder mit dir wird etwas gemacht“.

    Manche Metaphern von Friedman sind nicht leicht zu entziffern. Ich habe manchmal den Eindruck, dass alle seine Ideen nur in seiner flachen Welt zu verwirklichen sind.

    In Bezug auf den Irak hat Friedman viele solche flachen Ideen, ich begreife aber noch nicht, ob nur oberflächliche Ideen in eine flache Welt hineinpassen oder andere normale, multidimensionale wohl auch?

    „Alles ist möglich in einer flachen Welt“ - wie soll man das verstehen? Mann sollte es vielleicht so verstehen: Lerne, dich zu wehren, sonst kommen die Amerikaner und nehmen dir ab, was dir gehört. Und sie tun das nicht deswegen, weil sie böse sind - sie tun dass, weil die Welt flach ist. Also entweder du oder dir. Und die werden dabei viel über Demokratie oder über angebliche Massenvernichtungswaffen plaudern, weil es politkorrekt ist.

    ‚Amerika ist eine Traumfabrik der Welt“. Gut, eine reihenhafte Metapher. In einer flachen Welt stimmt es, wahrscheinlich. Würden aber viele Iraker eher sagen: „Amerika ist eine Alptraumfabrik der Welt“?

    Der Irak ist für die Amerikaner selbst ein Alptraum geworden, aber ein Traum bleibt noch, das ölreiche Kurdistan weiter zu beherrschen. Und nicht mit Plaudereien, sondern mit echter militärischer Hardware.

    Die amerikanischen Militärs, so Thomas Friedman, dachten, der Krieg im Irak werde eine Bagatelle sein, so ein „cakewalk“. Jetzt schlägt der amerikanische Journalist noch ein „cakewalk“ vor, das zu einem weiteren Alptraum werden könnte.

    „Der Irak“, schreibt Friedman aus Bagdad, „ist ein Land der Kontraste - am meisten zwischen schwarzen und noch schwärzeren.“ Aber es gebe einen Hoffnungsstrahl und diese Hoffnung hieße, versteht sich, Kurdistan.

    Friedman betont immer, eine amerikanische Universität in Kurdistan ist schon geöffnet oder wird bald geöffnet. Ich hätte aber eine andere Frage - was ist mit den irakischen Kulturschätzen passiert? Ich habe vor kurzem erfahren, dass der Aufbau im Irak 100 Milliarden US Dollar kosten wird. Wer wird dafür zahlen?

    Friedman hat zunächst diese Insel des Fortschritts in Kurdistan ausgedacht und dann selbst erfolgreich entdeckt. Warum, fragt er, verschweigt die Bush-Administration diese Fortschritte? In einer flachen Welt sind die Amerikaner so scheu, dass sie über ihre Erfolge im Irak nicht reden wollen.

    Saddam Hussein wurde angeblich einmal gefragt, als er schon hinter Gittern saß, wie viel Zeit er brauchen würde, um den Irak zu stabilisieren. „Eine Stunde und zehn Minuten“, antwortete Hussein. „Eine Stunde, um zurück nach Hause zu kommen und sich zu duschen, und dann zehn Minuten, um den Irak zu stabilisieren“.

    Offensichtlich werden die Amerikaner mit allen ihren Universitäten im Irak viel mehr Zeit brauchen, bis sie aus dieser Patsche herauskommen.

    Immerhin meint Friedman, die Amerikaner werden im Irak keine weiche Landung erfahren. Der Auszug wird „ungeordnet, schmutzig, brutal, tödlich und toxisch“ sein. Und das Verbleiben in Kurdistan? Wird es friedlich sein, oder noch komplizierter, sogar blutiger, auf jeden Fall mit vielen unvorhersehbaren Konsequenzen - auf diese Frage gibt Friedman, leider, keine Antwort.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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