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    Wie ein Kalter Krieg entsteht

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    MOSKAU, 11. September (RIA Novosti). Als geistiger Vater des Kalten Krieges gilt der US-Diplomat und Historiker George F. Kennan, der den Begriff "Eindämmung" in Umlauf gesetzt hat.

    Die Beamten im Pentagon und im US-Außenamt haben sich allerdings kaum für die von Kennan vorgenommene Analyse der politischen Psychologie des Kremls interessiert. In seinem Aufsatz von 1946 haben sie weniger eine Erklärung für Motive des sowjetischen Verhaltens gesehen, sondern vielmehr eine ideologische Begründung für die von vielen erwünschte Konfrontation, schreibt Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der Zeitschrift "Rossija w globalnoi politike" (Russland in der globalen Politik) am Montag in der Tageszeitung "Wedomosti".

    Heute haben wir die Möglichkeit, den Mechanismus der Entstehung von Kalten Kriegen mit eigenen Augen zu beobachten. Das Absurde an der Situation besteht darin, dass zwischen Russland und dem Westen weder eine Konfrontation von Ideologien besteht noch ein Wettrüsten im Gange ist. Zwischen ihnen gibt es nicht einmal unlösbare geopolitische Widersprüche. Es gibt gegenseitige Sticheleien und Bisse, mit denen die Verärgerungsspirale angekurbelt wird. Und es gibt eine Unfähigkeit bzw. eine Weigerung, den Stand der Dinge real einzuschätzen.

    Den führenden westlichen Medien sind Überlegungen über die Entstehung einer neuen ideologischen Konfrontation zu entnehmen, und zwar zwischen der Gemeinschaft der Demokratien und den autoritären Ländern, an deren Spitze angeblich Russland und China stehen. Die Demokratien werden aufgefordert, sich zusammenzuschließen, keine Angst vor einem Zusammenschluss der Nicht-Demokratien zu haben und aufzuhören, auf die universellen internationalen Organisationen wie die UNO zu hoffen, wo deren Tätigkeit von den Autokraten blockiert sei.

    Veröffentlichungen dieser Art gibt es viele, in besonders markanter Weise wurde aber diese Position vor einer Woche von Robert Kagan, einem Ideologen des amerikanischen Neokonservatismus, in der britischen "Sunday Times" zum Ausdruck gebracht. Das Wesen geht schon aus dem prägnanten Titel hervor: "Vergesst die islamische Bedrohung. Die zukünftige Schlacht ist eine Schlacht zwischen den autoritären Staaten unter Leitung Russlands und Chinas gegen die restliche Welt".

    Wie der Autor feststellt, ist alles in seinen "normalen Zustand" zurückgekehrt - zu einer "Trennung von Ideen und Ideologien". Kagan ruft auf, nicht mehr von einer "internationalen Gemeinschaft" zu sprechen, denn "dieser Begriff setzt gewisse einheitliche Normen des Verhaltens, der internationalen Moral und, wenn man so will, des internationalen Gewissens voraus". Die Weigerung Russlands und Chinas, dem "westlichen Liberalismus" entgegenzukommen, habe die Hoffnung darauf begraben, dass die Welt ein "gemeinsames Denken in den für die Menschheit bedeutenden Fragen erreicht".

    Solche Formulierungen wie "internationales Gewissen" können einen leicht zusammenzucken lassen. Die Politik des 20. Jahrhunderts hat uns daran gewöhnt, dass die Ziele desto unansehnlicher sind, je pompöser die Rhetorik ist, von der sie begleitet werden. Heute lässt sich ein realer Ideenkonflikt zwischen den Industrieländern und der rasant aufsteigenden Entwicklungswelt kaum entdecken. Was ernsthafte Widersprüche nicht ausschließt, die sowohl durch die Konkurrenz, als auch durch unterschiedliche Vorstellungen von den Methoden der Problemlösung bedingt sind.

    Robert Kagan hat sich vor fünf Jahren mit einem Artikel berühmt gemacht, in dem er zu beweisen versuchte, dass die beiden Teile des Westens, die Alte und die Neue Welt, bei deren ideologisch-politischen Vorstellungen auseinandergehen. Europa versinke in einen süßen "posthistorischen" Traum und verliere die Fähigkeit zum Handeln, während Amerika, im Gegenteil, seine Kapazitäten zur Lösung von Weltproblemen beibehalte und verstärke.

    Damals befanden sich die Neokonservativen auf dem Höhepunkt ihrer Euphorie. Damals schien es, dass die USA, die sich gegen den Terrorismus erhoben haben, in der Lage sind, die Welt im Alleingang zu verändern. Heute hat sich die Konzeption verändert: Die Resultate der US-Politik lassen erneut einen Bedarf an Verbündeten entstehen. Eine Mobilisierung zum Kampf gegen die verschwommene islamische Bedrohung gelingt aber nicht, viel zuverlässiger wäre hier der gewohnte Feind.

    George Kennan war ein überzeugter Antikommunist, seine Analyse beruhte aber auf einer brillanten Kenntnis der Geschichte und der Kultur Russlands wie auch der Lebensrealitäten in der UdSSR. Die Ideologen der "neuen Konfrontation" zeichnen sich dagegen keinesfalls durch ein nuanciertes Kennen der Situation aus. Für die Nuancen haben sie kein Interesse, auch für die, dass China und Russland beim genauen Hinschauen keine Gemeinsamkeiten aufweisen. Dafür sind diese Menschen beim publizistischen Elan und bei ihrem Können, mit Dogmen zu jonglieren, nicht zu übertreffen.

    Die Qualität der politischen Analyse Kagans und seiner Gesinnungsgenossen trat bereits im Fall Irak in vollem Umfang an den Tag. Die neueste "Botschaft" bedeutet ungefähr folgendes: "Wir haben uns bei der Einschätzung der 90er Jahre geirrt, wir haben uns auch Fehlgriffe im Nahen Osten erlaubt, jetzt wissen wir aber, wer der eigentliche Gegner ist und was zu tun ist."

    Natürlich könnte die Position der Neokonservativen auch ignoriert werden, um so mehr, als diese kaum Chancen haben, noch lange im Weißen Haus zu bleiben. Das Problem liegt aber tiefer. Die Versuche, eine nicht existierende ideologische Konfrontation zu konstruieren, widerspiegeln die Ratlosigkeit vor den gegenwärtigen Veränderungen. Das Problem besteht gerade darin, dass sich die jetzige Realität nicht in das Koordinatensystem Demokratie - Nichtdemokratie hineindrängen lässt. Die Spekulationen um die demokratische Rhetorik diskreditieren die demokratische Idee selbst - die eben wirklich überaus wichtig ist, um die Orientierungspunkte in der heutigen chaotischen Welt beizubehalten.

    Die UNO ist in der Tat eine wenig effektive Organisation. Wir haben aber gesehen, wozu die Versuche führen, an der UNO vorbei zu handeln. Die gemeinsame Suche nach Wegen zur Lösung der unzähligen globalen Probleme ist kompliziert und unangenehm. Viel einfacher wäre es, diese für sinnlos zu erklären und die Errichtung neuer propagandistischer Bastionen in Angriff zu nehmen. Das Streben nach einer Ideologisierung kultiviert auf diese Weise eine allgemeine Verantwortungslosigkeit. Im Endeffekt zeugt das von einer intellektuellen Haltlosigkeit.

    An der russischen Politik gibt es genug auszusetzen, bis jetzt konnte sie aber die ideologische Neigung vermeiden. In letzter Zeit gibt es allerdings Anzeichen dafür, dass auf dem Boden unseres Pragmatismus etwas Anderes aufzuwachsen beginnt: In so manchen Äußerungen sind moralisierende Noten zu hören, hinter dem Begriff der multipolaren Welt ist bereits etwas Messianisches zu sehen: Die Vielfalt müsse um jeden Preis geschützt werden. Gott behüte uns, ein Wetteifern mit den Missionaren auf der anderen Seite des Atlantiks aufzunehmen!

    (Der Verfasser ist Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der Zeitschrift "Russland in der globalen Politik". Veröffentlicht in der Zeitung "Wedomosti" vom 10. September.)

    RIA Novosti ist für den Inhalt der Artikel aus der russischen Presse nicht verantwortlich.

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