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    Russland und Polen - Gefangene auf den Massengräbern von Katyn

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    MOSKAU, 12. September (Maxim Krans, RIA Novosti). Als Rechtsnachfolger der UdSSR hat Russland nicht nur sowjetisches Eigentum im Ausland und riesige Außenschulden, sondern auch eine kaum tragbare Bürde der historischen Verantwortung für die Politik des früheren Regimes geerbt.

    Daran wird nun ein neuer Film des polnischen Starregisseurs Andrzej Wajda erinnern, dessen Premiere in den kommenden Tagen stattfinden wird. Der Film erzählt die Tragödie von Katyn; ein schmerzhaftes Thema, das die russisch-polnischen Beziehungen seit mehreren Jahrzehnten betrübt.

    Wajda selbst, dessen Vater in Katyn ums Leben gekommen war, hat mehrmals erklärt: Er möchte nicht, dass sein Film als politisch aufgenommen wird. Es steht aber bei weitem nicht fest, dass der Streifen nicht gerade zu politischen Zwecken missbraucht wird.

    Der Schlusspunkt in diesem Fall schien noch 1990 gesetzt geworden zu sein, als in den Zeitungen eine „TASS-Erklärung zur Tragödie von Katyn“ veröffentlicht wurde. Darin wurde erstmals eingestanden, dass die von der Roten Armee während der Teilung Polens gefangen genommenen polnischen Offiziere vom NKWD erschossen wurden. Zwei Jahre später übergab Boris Jelzin dem polnischen Präsidenten Lech Walesa die Unterlagen aus einer „Sondermappe“, die in den persönlichen Tresoren der sowjetischen KP-Generalsekretäre geheim gehalten worden waren. Zu diesen gehörte auch ein Auszug aus dem Protokoll Nr. 13, einer Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees der KPdSU vom 5. März 1940, mit dem Erschießungsurteil für 14 700 Lager- und 11 000 Gefängnishäftlinge aus den westlichen Gebieten der Ukraine und Weißrusslands: polnische Offiziere, Polizisten, Beamten, Gutsbesitzer, Fabrikanten und sonstige „konterrevolutionäre Elemente“.

    Im selben Protokoll wurde vorgeschrieben, „das Verfahren ohne Verhöre der Verhafteten und ohne Verkündung der Anklage durchzuführen“ - was auch getan wurde.

    Die Kriegsgefangenen aus dem Lager Koselsk wurden im Wald von Katyn in der Nähe der Stadt Smolensk erschossen, die Gefangenen aus den Lagern Starobelsk und Ostaschkow in den nächstgelegenen Gefängnissen. Wie aus einem geheimen Schreiben des KGB-Chefs Alexander Schelepin an Nikita Chruschtschow von 1959 hervorgeht, wurden damals insgesamt rund 22 000 Polen getötet. Außerdem wurden mehr als 200 000 Mitglieder der Familien der Kriegsgefangenen und ungefähr die gleiche Zahl von Einwohnern der Gebiete, die nach der „Befreiung“ der UdSSR zugefallen waren, nach Kasachstan, Sibirien und in den Norden verbannt.

    So sehen die Fakten aus. Der Präsident der UdSSR und später die Präsidenten Russlands haben die Verantwortung für dieses ungeheuerliche Verbrechen nach 50 Jahren Schweigen und Fälschung anerkannt. Mehr noch: Boris Jelzin wiederholte die moralische Großtat Willy Brandts und kniete sich vor dem Denkmal für die Katyn-Offiziere auf dem Militärfriedhof in Warschau.

    Einige Jahre später kam aber das Thema der Reue wieder auf die Tagesordnung. Im Vorfeld des Polen-Besuchs Wladimir Putins 2002 forderte der damalige polnische Präsident Aleksander Kwasniewski von seinem Amtskollegen eine offizielle Entschuldigung. Diese Position vertritt auch der jetzige polnische Staatschef Lech Kaczynski.

    Putin, der sich in Budapest und in Prag für die Verbrechen des früheren Regimes entschuldigt hat, will das im Fall Warschau offenbar nicht mehr tun. Während jener Polen-Reise weigerte sich der russische Präsident, ein Gleichheitszeichen zwischen dem Nazi-Regime und den Repressalien des Stalin-Regimes zu setzen. Zugleich erklärte Putin, er halte es für möglich, dass das russische Gesetz über die Rehabilitierung der Stalinismus-Opfer auch für die betroffenen polnischen Bürger gilt. Als aber Vertreter der Bürgerrechtsorganisation Memorial im Namen der Verwandten der in Katyn getöteten Offiziere ein Moskauer Gericht ersuchten, die Gefallenen als Opfer der politischen Repressalien anzuerkennen, wurde ihr Antrag resolut abgelehnt.

    Mehr noch: Entgegen der seinerzeit verkündeten Position der russischen Staatsführung hat die Hauptmilitärstaatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren im Fall Katyn eingestellt. Begründung: „Der Tatbestand eines Völkermords lag nicht vor“. Die meisten Unterlagen des Verfahrens, das knapp 14 Jahre lang geführt worden war, erhielten einen „Geheim“-Stempel.

    Die Ursache dieses Urteils lag nach Ansicht des namhaften polnischen Publizisten Jerzy Urban in den Entschädigungen, die die Verwandten der Getöteten verlangen könnten. „Hätte Polen einen Präzedenzfall mit den Entschädigungen verursacht, so hätte die gesamte sowjetische Völkerfamilie und die friedliebenden Völker des sozialistischen Lagers ebenfalls ihre Hände nach Russland gestreckt“, schrieb er in der Wochenzeitung „Nie“. Wer weiß, ob es stimmt oder nicht - jedenfalls hat der sowjetische Generalstaatsanwalt Nikolai Trubin in seinem Brief an Gorbatschow bereits 1991 auf diese Gefahr hingewiesen.

    Wie dem auch sei: Die Polen waren von diesem Beschluss der Staatsanwaltschaft beleidigt. In Russland aber inspirierte er die Stalinisten und „Patrioten“ zur Verteidigung der mit Dokumenten längst widerlegten sowjetischen Version, die polnischen Offiziere wären von Nazis erschossen worden. Und der Gouverneur des Gebiets Kemerowo, Aman Tulejew, forderte von Warschau eine „Gegen-Entschuldigung“ für den Tod von Rotarmisten in den Gefangenenlagern während des sowjetisch-polnischen Krieges von 1919 bis 1921.

    Hinter dem jetzigen Geplänkel sind aber ernsthaftere Ursachen des Zerwürfnisses zu erblicken als in den unterschiedlichen Auslegungen der Geschichte. Danach soll man aber nicht in der weit zurück liegenden Geschichte, in der sowohl Polen als auch Russland genug Grund für gegenseitige Vorwürfe finden würden, sondern Anfang der 90er Jahre suchen. Damals waren nämlich beide Länder, von der Euphorie der unerwarteten Freiheit inspiriert, bestrebt, die Fesseln der Vergangenheit möglichst schnell abzuschütteln. Zugleich verloren sie aber die wertvollen politischen, geschäftlichen und auch menschlichen Kontakte, die seit eh und je zwischen beiden Staaten und Völkern bestanden hatten.

    In jenen Jahren sind wir so weit auseinander gegangen, dass die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu Beginn des neuen Jahrhunderts praktisch am Nullpunkt ankamen. Oder sogar darunter. Heute erinnern sie mehr an ein Turnier im Fechten, bei dem jede Seite den Stich des anderen mit einem eigenen Ausfall erwidert. Dem russischen Embargo für die Einfuhr von polnischem Fleisch folgt das polnische Veto gegen ein strategisches Abkommen mit der EU, die russischen Pläne, eine Gaspipeline auf dem Grund der Ostsee zu verlegen, werden mit der geplanten Stationierung von US-Raketen in Polen gekontert.

    Darin sieht man zu viel Ambitionen und schmerzhafte Eigenliebe und zu wenig Pragmatismus und Kalkül.

    Eine Sammlung von Dokumenten, die russische und polnische Historiker und Archiv-Kenner gemeinsam vorbereiteten, hieß „Katyn. Die Gefangenen eines nicht erklärten Krieges“. Im heutigen Kontext der alles andere als ungetrübten Beziehungen zwischen Moskau und Warschau bekommt dieser Titel einen neuen, symbolhaften Sinn. Die Spitzenpolitiker beider Länder, die die Argumente des alten historischen Streits in den politischen Umlauf gesetzt haben, gerieten selbst in Gefangenschaft von Lügenmärchen und Klischees, die sich längst diskreditiert haben, jedoch offenbar seit der Zeit des damaligen nicht erklärten Krieges immer noch nicht zerstört werden konnten.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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