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    "Die Geschichte von Adolf Hitler" - Geschichte oder Propaganda?

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    MOSKAU, 13. September (Jewgenija Tomilowa, RIA Novosti). Das nun auch in Russland herausgegebene Buch von Annemarie Stiehler "Die Geschichte von Adolf Hitler. Den deutschen Kindern erzählt" hat eine stürmische Entrüstung und Vorwürfe, die Jugend mit faschistoiden Ideen anzustecken, ausgelöst.

    Dazu äußerte sich Michail Seslawinski, Leiter der Föderalen Behörde für Presse und Massenkommunikationen der Russischen Föderation wie folgt: "Unter dem Vorwand, eine ‚objektive Sicht' auf die Geschichte zu formen, wird den Lesern ein Muster an unverhohlener faschistischer Propaganda serviert und werden Ansichten aufgezwungen, die im Deutschland der dreißiger bis Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts herrschten."

    Heute werden in Russland Probleme, die mit politischem Radikalismus und rassenbezogener Intoleranz zusammenhängen, weitgehend diskutiert. Eben das ist wohl der Grund, warum der Leiter einer Behörde, zu deren Aufgaben auch die Vorbeugung der Verbreitung faschistischer Ideen in den Medien gehört, gerade vom "Aufzwingen von Mustern an faschistischer Propaganda" gesprochen hat.

    Annemarie Stiehlers Buch, das erstmalig 1935 in Deutschland herausgegeben wurde, rief bei der damaligen deutschen Jugend tatsächlich ein gewisses Interesse hervor. Stiehler war eine Kinderschriftstellerin des "Dritten Reiches", beinahe jeder deutsche Schüler kannte ihre Erzählungen von großen Menschen. Kein Wunder also, dass gerade ihr das Schreiben anvertraut wurde. Sie verstand ausgezeichnet, dass sie einen staatlichen Auftrag zur Verherrlichung von Hitler und des Faschismus erhalten hatte, und bewältigte ihre Aufgabe gut. So schrieb sie unter anderem: "Ihr seid jung und stark und lebt im wunderbaren Hitlerdeutschland. Jeder einzelne von euch sollte zuverlässig und bereit sein, Adolf Hitler treu zu dienen, wenn er euch braucht."

    Dieses Buch wurde eben als Propagandamuster, als Agitationsschrift des "Dritten Reiches" aufgenommen. Erst später stellte sich das Wort "Verdummung" ein, zuerst aber hätte das Buch den jungen Lesern dabei helfen sollen, die Grundlagen des Faschismus und Hitlerismus zu verstehen und den Führer im Großen und im Kleinen nachahmen zu lernen.

    Was musste also in Russland geschehen sein, damit Mitte 2007 ein Verlag mit dem charakteristischen nichtrussischen Namen "Platz" diese faschistische Apokryphe herausgab? Die demokratische Presse schreibt vom wachsenden Interesse für die Person Hitlers in bestimmten Jugendgruppen in Russland, von der schockierenden Begeisterung der Jugend für den Neofaschismus und die Nazi-Symbolik. Es häufen sich die Morde und Gewalttätigkeiten wegen Fremdenhass.

    Die Presse wirft den Verlegern vor, das Erscheinen eines solchen Buches gerade jetzt sei kein Zufall. Das Buch hat eine recht niedrige Auflage, deshalb kann hier von einem kommerziellen Projekt keine Rede sein. Aber vielleicht bestand die Hauptaufgabe des Buches gerade darin, den jungen russischen "Faschis" ein leuchtendes Ideal fürs Leben hinzustellen.

    Andererseits hört man Stimmen, dass man das Erscheinen des Buches nicht zu dramatisieren brauche und dass "Die Geschichte von Adolf Hitler" ausschließlich vom Standpunkt der Publikation eines nicht uninteressanten historischen Dokumentes aufzufassen sei. Der Übersetzer des Buches, Alexej Sagan, drückte seine Meinung, um die Wellen der Kritik etwas zu glätten, wie folgt aus: "Kein einziges Buch ist davor sicher, dass die Leser nicht einen falschen Schluss daraus ziehen können. Ein Beispiel wären die beiden in Russland meistgelesenen Bücher: die Bibel und der Koran. Das heißt, dass eine Masse von Sekten sowohl von christlicher als auch von moslemischer Art besteht - ja und? Soll all das etwa verboten werden?"

    Unter den heutigen Bedingungen ist das Verfahren für das Verbot der Herausgabe eines Buches in Russland recht kompliziert. Hinzu kommt, dass "Die Geschichte von Adolf Hitler" jedem, der sich mit dem Original bekannt machen möchte, zugänglich war und bleibt. Eigentlich stammt der deutsche Originaltext aus der größten Bücherei Russlands, der ehemaligen Lenin-Bibliothek. Wie ihre Mitarbeiterin Nadeschda Ryschak behauptet, "kann jedermann den Leserausweis der Bibliothek bekommen, das Buch bestellen und dann daraus Auszüge machen oder es xerokopieren. Das Gesetz "Über das Bibliothekswesen" erlaube es ihm.

    Nach Ansicht jener, die in der Herausgabe der "Erzählung..." nichts Verurteilungswürdiges sehen, handelt es sich nicht um eine Sensation, sondern nur um die Erhöhung der Zugänglichkeit des Buches.

    Aber es gibt auch dem entgegengesetzte Erwägungen. So sagte der Direktor des Deutschen historischen Instituts in Moskau Bernd Bonwetsch im russischen Fernsehen, das Propagandabuch über Hitler von 1940 sei für ihn eine Überraschung. Warum beschlossen worden sei, dieses Buch für das russische Publikum herauszugeben, wisse er nicht. In Deutschland wäre das unmöglich gewesen. Und der Chefredakteur des russischen Verlags "Vagrius" Alexej Kostanjan behauptet, man dürfe jetzt ein rein verherrlichendes Buch über Hitler ohne eine Analyse seiner Politik und seiner Persönlichkeit nicht herausgeben. Zudem sei Hitler für uns, so Alexej Kostanjan, "ein bisher unerforschtes Thema. Heute gibt es noch sehr viel Unausgesprochenes über den ‚Führer' und seine Epoche."

    Diese Äußerung von Alexej Kostanjan ist recht typisch für die liberale Öffentlichkeit. Viele sind der Meinung, dass die russische Gesellschaft, bei all den nationalistischen Erscheinungen, gegen den Faschismus doch recht gründlich geimpft worden sei. Deshalb finden sie, dass man "Die Geschichte von Adolf Hitler" als eine Möglichkeit betrachten solle, etwas mehr von dieser historischen Figur zu erfahren, und sei es aus dermaßen naiven Propagandawerken wie dem Buch von Annemarie Stiehler. Gerade ihr propagandistischer Ton und die Naivität seien von einem bestimmten historischen Wert. "Man sollte nicht jedes Wort glauben, aber vielleicht kann man gerade in dieser Agitationsschrift über Hitler Antworten auf Fragen von heute finden", äußerte der Student N. von der Moskauer Universität, der das Buch in einer der Moskauer Buchhundlungen gekauft hat.

    Wie dem auch sei, "Die Geschichte von Adolf Hitler" ist jedenfalls, bei einer Auflage von dreitausend Exemplaren, schon ausverkauft.