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    Teheran 1943: Wie das Attentat auf Stalin, Roosevelt und Churchill vereitelt wurde

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    MOSKAU, 15. Oktober (Gework Wartanjan, Veteran der russischen Aufklärung, für RIA Novosti). Die historische Bedeutung der Teheraner Konferenz der drei Großmächte ist kaum zu überschätzen.

    Bei diesem Treffen entschieden die „Großen Drei“ über das Schicksal von vielen Millionen Menschen und über die Zukunft der Welt. Gegenstand der Konferenz von 1943 war der Zeitpunkt der Eröffnung der zweiten Front.

    Auch die Führung des Dritten Reiches begriff die Bedeutung der Konferenz. Deshalb wurde die Abwehr beauftragt, ein Attentat auf den sowjetischen Staatschef Iossif Stalin, den amerikanischen Präsidenten Franklin Roosevelt und den britischen Premierminister Winston Churchill zu organisieren. Die Geheimoperation unter dem Codenamen „Großer Sprung“ wurde vom Nazi-Diversanten Otto Skorzeny geplant.

    Für die Sicherheit bei der Teheraner-Konferenz sorgten hauptsächlich sowjetische Truppen, die bereits im August 1941 in Nordiran einmarschiert waren, um entsprechend einem Vertrag aus dem Jahr 1921 den deutschen Agenten das Handwerk zu legen. In Südiran wurden indes britische Truppen stationiert, die die Sicherheit der amerikanischen Hilfstransporte (Lend-Lease) durch den Persischen Golf in die Sowjetunion gewährleisteten.

    Als Durchführungsort der Konferenz wurde die sowjetische Botschaft vereinbart. Für Geheimgespräche der drei Hauptalliierten im Zweiten Weltkrieg hätte man kaum einen besser passenden Ort finden können. Das Botschaftsgebäude war von einer Steinmauer umgeben, die einzelnen Bauten waren in dem von Grün durchzogenen Park verteilt. In einer der Villen wurde die Residenz des US-Präsidenten eingerichtet.

    Roosevelt nahm aus Sicherheitsgründen Stalins Einladung an: Die US-Botschaft lag vor den Toren der Stadt in der Nähe des Stadions, während die sowjetische und die britische Botschaft bis auf den heutigen Tag an ein und derselben Straße einander gegenüberliegen. Für die Konferenz musste die Straße gesperrt werden, beide Botschaften wurden durch einen speziellen Durchgang miteinander verbunden. In der Nähe gingen sowjetische Flugabwehr-Kanonen und Maschinengewehrschützen in Stellung. Darüber hinaus wurden beide Botschaftsgebäude von vier Sicherheitsringen umgeben.

    Hätte die Konferenz in der US-Botschaft stattgefunden, dann hätten Stalin und Churchill durch schmale Teheraner Straßen zu Roosevelt fahren müssen und wären ein leichtes Ziel für Agenten des Dritten Reichs gewesen, die sich in der Menschenmenge versteckten. Nach seiner Rückkehr nach Washington gab Roosevelt bekannt, er sei in Teheran in der sowjetischen Botschaft abgestiegen, weil „Marschall Stalin ihn über die deutsche Verschwörung“ informiert hatte.

    Der Nachrichtendienst von Nazi-Deutschland hatte bereits Mitte September ausgeschnüffelt, wann und wo die Konferenz der „Großen Drei“ stattfinden wird, nachdem er einen amerikanischen Chiffrierschlüssel entschlüsselt hatte. 1966 gab Otto Skorzeny zu, er hatte den Auftrag, Stalin, Churchill und Roosevelt in Teheran zu entführen bzw. zu ermorden.

    Die Warnung über das geplante Attentat hatte Moskau von der Partisanengruppe von Dmitri Medwedew erhalten. Der Gruppe, die in der Ukraine operierte, gehörte der legendäre sowjetische Aufklärer Nikolai Kusnezow an. Getarnt als Oberleutnant Paul Siebert konnte Kusnezow dem SS-Sturmbannführer Ulrich von Ortel näherkommen, der ihm das Geheimnis preisgab und sogar versprach, Kusnezow mit Skorzeny bekannt zu machen. Ortel teilte bei einem vertraulichen Gespräch mit Kusnezow mit, dass er mit Skorzeny bald nach Iran fliege, wo die „Großen Drei“ zusammentreffen würden. „Wir wiederholen den Sprung nach Abruzzen (in Abruzzen wurde der italienische Diktator Benito Mussolini von Skorzeny aus der Hand der Partisanen befreit - Anm. der Red.). Das wird ein großer Sprung sein. Wir bringen Stalin und Churchill um, um die Wende im Krieg zu erreichen. Wir entführen Roosevelt, um Amerika nachgiebiger zu machen. Wir fliegen mit mehreren Gruppen ab. Die Agenten werden bereits in einer Spezialschule in Kopenhagen ausgebildet.“

    Nach Kusnezows Mitteilung beauftragte das Zentrum uns, alle Vorbereitungen zur Gewährleistung der Sicherheit der Konferenz durchzuführen.

    Im damaligen Teheran wimmelte es von Flüchtlingen aus dem durch den Krieg zerrütteten Europa. Das waren größtenteils betuchte Menschen, die vor den Gefahren des Krieges fliehen wollten. In Teheran waren damals schätzungsweise etwa 20 000 Deutsche ansässig. Auch Hitler-Spione waren als Flüchtlinge getarnt. Ihnen boten sich dank der Gönnerschaft, die Reza Schach, der offen mit Hitler sympathisierte, den Deutschen in den Vorkriegsjahren erwiesen hatte, große Möglichkeiten. Die überaus starke deutsche Residentur in Iran stand unter Leitung von Franz Meyer.

    Noch lange vor der Konferenz - zwischen Februar 1940 und August 1941 - konnte unsere siebenköpfige Aufklärergruppe mehr als 400 Agenten des faschistischen Deutschland ermitteln. Als unsere Truppen in Iran einmarschiert waren, wurden diese Agenten festgenommen. Franz Meyer konnte untertauchen. Lange mussten wir nach ihm suchen und haben ihn gefunden: Er hatte einen langen gefärbten Bart und war Totengräber auf einem armenischen Friedhof.

    Unsere Gruppe war die erste, die die erste faschistische Landung unweit der Stadt Kum, 60 Kilometer von Teheran, ermittelt hatte. Es handelte sich um sechs Funkexperten, die mit Fallschirmen abgesetzt wurden. Wir folgten der Gruppe bis nach Teheran, wo die faschistische Residentur ihr eine Villa zur Verfügung stellte. Die Spione hatten viele Waffen, die auf Kamele geladen wurden. Die gesamte Gruppe wurde beobachtet. Wir konnten feststellen, dass sie den Funkkontakt mit Berlin aufgenommen hatte. Alle Sendungen wurden (von uns) abgefangen. Nach dem Dechiffrieren wurde klar, dass die Deutschen die Landung einer weiteren Gruppe vorbereiteten, die den Anschlag denn auch verüben sollte: Die "Drei" sollte entweder vernichtet oder entführt werden. Die Gruppe sollte von Otto Skorzeny persönlich geleitet werden, der zuvor in Teheran gewesen war und sich über die Situation vor Ort informiert hatte. Bereits damals schon wurde er in Teheran von uns ununterbrochen beobachtet.

    Wir nahmen alle Diversanten der ersten Gruppe fest und zwangen sie, für uns zu arbeiten, indem wir Funkspiele mit der deutschen Aufklärung spielten. Zu groß war die Versuchung, Skorzeny selber zu stellen. Aber die "Große Drei" befand sich bereits in Teheran. Deshalb durften wir kein Risiko eingehen. Wir ließen einen Funker das verabredete Signal einer Panne senden. Das hatte seine Wirkung, und die Deutschen verzichteten auf den Einsatz der Hauptgruppe mit Skorzeny an der Spitze in Teheran. So konnten der Erfolg unserer Gruppe bei der Ermittlung der ersten Diversionsgruppe der Faschisten, deren Beobachtung und Festnahme sowie die Funkspiele mit der Abwehr das Attentat auf die "Große Drei" verhindern.

    Nach Abschluss der Konferenz in Teheran begab sich Stalin in Begleitung von Woroschilow und Molotow zum Palast des iranischen Schahs, um Mohammed Reza Pahlevi für die Gastfreundschaft zu danken. Das war ein überaus kluger und wichtiger Schritt, der damals ein starkes Echo in der iranischen Gesellschaft auslöste. Weder Roosevelt noch Churchill kamen auf die Idee, das zu tun. Der Schah war durch Stalins Geste der Aufmerksamkeit gerührt. Als Stalin den Thronsaal betrat, stand der Schah auf, eilte Stalin entgegen und kniete vor ihm nieder, um zu versuchen, seine Hand zu küssen. Aber Stalin ließ das nicht zu, beugte sich herunter und half dem Schah auf die Beine.

    Stalin hatte damals eine absolute Autorität: Alle waren sich darüber im Klaren, dass über den Ausgang des Krieges gerade an der sowjetisch-deutschen Front entschieden würde. Das gaben auch Roosevelt und Churchill zu. In seinen Memoiren erinnerte sich Churchill, dass alle aufstanden, als Stalin den Sitzungssaal der Konferenz betrat. Und er (Churchill) befahl sich, das beim nächsten Mal zu unterlassen. Aber als Stalin dann wieder den Konferenzraum betrat, stand Churchill, getrieben durch eine Kraft, von seinem Sessel auf.

    Zu unserem Autor:

    Gework Wartanjan war kaum 16 Jahre alt, als er sein Schicksal mit der Aufklärung verband. Sein Vater reiste im Auftrag der sowjetischen Aufklärung 1930 nach Iran, wo er 23 Jahre lang arbeitete.

    Sein bislang geheimgehaltener Name wurde erst am 20. Dezember 2000 bekannt gegeben. Ihm und seiner Gefährtin - der Ehefrau Goar, die zu seiner Gruppe gehörte - wurden gleich fünf Auszeichnungen zuerkannt: der Orden des Vaterländischen Krieges, der Kampforden des Roten Banners und der Orden des Roten Sterns. Die Medaille "Goldener Stern" zum Titel eines Helden der Sowjetunion erhielt Gework Wartanjan 1984 für seinen Einsatz in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges (1941-1945) und während des Kalten Krieges. Zu seinem 80. Geburtstag wurde Wartanjan mit dem Orden für Verdienste vor dem Vaterland ausgezeichnet.

    Seine größte Lebensleistung habe nach seinen Worten darin bestanden, dass er gemeinsam mit Goar 45 Jahre lang ohne Pannen gearbeitet habe und in die Heimat zurückgekehrt sei. "Das Schicksal war wohlwollend uns gegenüber: Wir waren nie einem Verräter begegnet. Das Schrecklichste ist für uns illegale Aufklärer gerade der Verrat. Wenn der Illegale alle Methoden der Konspiration anwendet, sich in der Gesellschaft richtig benimmt, wird er nie entlarvt, von welcher Abwehr auch immer. Ein Illegaler gleicht in dieser Hinsicht einem Pionier: Auch nur ein einziger Fehler bedeutet den Tod", sagte Wartanjan.

    (Aufgezeichnet von Juri Plutenko.)

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