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    MOSKAU, 20. Oktober (Natalja Matwejtschuk, RIA Novosti). Noch vor 15 Jahren hat die Statistik behauptet, dass die Russen die am meisten lesende Nation der Welt seien.

    Die Zeitungen erschienen in Millionenauflagen, und was populäre Bücher, insbesondere Klassiker anbetraf, so war es äußerst schwer, sich auf die Warteliste für die nächste Neuerscheinung einzutragen. Doch es konnte kaum anders kommen: Russlands Marktbeitritt hat diese Leidenschaft für das ständige Lesen niveauvoller Literatur verändert. Es war leicht abzusehen, dass die Menschen in der U-Bahn keine Bücher und Zeitungen mehr durchschauen. Dabei war das immer ein Anzeichen für die Beliebtheit des gedruckten Wortes gewesen.

    Die Verlage mussten die Auswahlpolitik für die Bücher verändern. Sie richteten sich nicht mehr nach der Qualität der herausgegebenen Literatur, sondern nach dem Profit aus den Verkäufen.

    Völlig neue Verlage wie AST, Exmo und Olma-Press, die größtenteils Groschenromane und Krimis veröffentlichen, sind zu Marktführern geworden. Unterhaltungsbücher werden im Harteinband wie ernsthafte Literatur herausgegeben. Ein solcher Schritt kann nicht spurlos vorübergehen. In wenigen Jahren wuchs die Boulevardliteratur im Bewusstsein der Leser zu etwas Würdigem heran. Knapp 60 Prozent des Buchmarktes konzentrieren sich bei den drei Marktführern. Diese Bücher sind mit ihrer nicht gerade komplizierten Sprache für das Lesen im Nahverkehr, im Cafe oder vor dem Schlafengehen gedacht.

    Der Markt fordert ein aktives Merchandising der Ware. Beeindruckende Summen werden für die Straßen-, Fernseh- und Radiowerbung ausgegeben. Somit hängt der Erfolg oft nicht vom Talent des Autors, sondern von den Geldsummen ab, die für die Werbung bezahlt wurden.

    Am Schlimmsten wirkt solche Werbung auf die jungen Leser ein. Die Jugendlichen lesen die dicken Literaturzeitschriften so gut wie nicht mehr und begrenzen sich mit Zusammenfassungen, die speziell für das erleichterte, schnelle Lesen geschrieben werden. Dieses Genre ist besonders bei den Schülern beliebt, die das Schulprogramm im vollen Umfang nicht schaffen und es vorziehen, die Meisterwerke der Weltliteratur in Kürze zu lesen. Darum ist es nicht erstaunlich, dass viele die Frage, ob sie Tolstois "Krieg und Frieden" gelesen haben, bejahen, doch sich nur an Natascha und Andrej erinnern können. Selbst an die Nachnamen können sich die Schüler kaum erinnern.

    Doch in den letzten zwei bis drei Jahren wächst das Interesse an Büchern sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern beträchtlich. Und obwohl die Schmöker immer noch auflagenmäßig oben bleiben, stellen die Buchhandlungen wachsende Verkäufe von schöngeistiger und populärwissenschaftlicher Literatur fest. Laut einer Studie, die die Stiftung "Öffentliche Meinung" (russ. Abk.: FOM) im Mai 2007 durchführte, lesen drei Viertel der Russen mehr oder weniger regelmäßig etwas. Jeder Zweite liest Zeitungen (52 Prozent der Antworten), jeder Dritte Bücher (35 Prozent) und jeder Vierte Zeitschriften (24 Prozent).

    Die Verlage und Büchereien haben diese Wachstumstendenz beim Interesse der Leser sofort bemerkt. Kein anderer als sie iniziierten eines der größten internationalen Bücherfestivals BibliObraz 2007. Es fand unter den Slogans "Lesen ist wieder in!" und "Lesen immer und überall!" in der prominentesten Moskauer Ausstellungshalle, der Manege, statt. Delegationen aus 22 Ländern, darunter den USA, EU-Mitgliedsländern und GUS-Mitgliedern, nahmen daran teil.

    Das Buchfestival fand unter der Schirmherrschaft des Zentrums für die Entwicklung der russischen Sprache statt, das Präsidentengattin Ljudmila Putina leitet.

    In der feierlichen Rede bei der Eröffnung der BibliObraz 2007 nannte Ljudmila Putina das Ziel des Festivals: "Den Status der Schulbibliotheken und -bibliothekare heben, die Schüler in die Büchereien locken und sie mit dem Buch wieder zu vereinen, das die Medien in den Hintergrund rückten".

    Wir sind daran gewöhnt, dass unsere Büchereien ungemütliche Räume mit alten Tischen und unbequemen Stühlen sind. Doch laut der Hauptberaterin des "Rates der Museen, Bibliotheken und Archive von Großbritannien", Natasha Innocent, gehört der Komfort beim Lesen zu den entscheidenden Faktoren für die Besucherzahlen der Büchereien. "Wenn es in den Büchereien bequeme Sessel gäbe, würde das die Besucherzahlen gleich steigen lassen", sagt sie.

    Dank Ljudmila Putinas Schirmherrschaft über BibliObraz 2007 unterstützten auch die First Ladies von Österreich, Aserbaidschan, Armenien, Bulgarien, Großbritannien, den USA und Kirgisien das Festival. Sie wählten die besten Werke für Kinder in ihren Ländern aus, die im Festival-Sammelband "Sich gegenseitig entdecken" erschienen. Die Veranstalter des Festivals hatten sich von vornherein auf die Auswahlkriterien geeinigt. Das Wichtigste davon war die humanistische Richtung der Kinderliteratur. Der Sammelband "Sich gegenseitig entdecken" wurde zu einem spezifischen Manifest des Festivals, das die ewigen Kriterien der Kinderliteratur wie lebendige Sprache, spannendes Sujet und die Suche nach Musterbeispielen wieder aktuell machen will. Den heutigen Kinderbüchern mangelt es zu oft daran.

    BibliObraz 2007 zeugt eindeutig davon, dass die echte schöngeistige Literatur eine Wiedergeburt erlebt. Das Festival soll den Russen helfen, wieder zu der Nation zu werden, die am meisten liest.

    Die Meinung der Verfasserin muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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