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    Oktober 1917: Nationale Katastrophe oder Hebamme der Geschichte?

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    MOSKAU, 29. Oktober (Boris Kaimakow, RIA Novosti). In wenigen Tagen jährt sich das Ereignis der russischen Oktoberrevolution von 1917 zum 90. Male.

    Das Spektrum der Urteile über diese Revolution ist breit. Sie reichen von „einer gesamtnationalen Katastrophe, die zu bedeutenden Opfern und zur Errichtung eines totalitären Systems geführt hat“, bis zu Behauptungen, dass die Revolution ein Versuch war, eine Gesellschaftsordnung der sozialen Gerechtigkeit aufzubauen. Eines der seriösesten soziologischen Zentren unseres Landes, das Lewada-Zentrum, hat unter den Russen eine Umfrage mit folgenden fünf Fragen durchgeführt und folgende Ergebnisse bekommen:

    - Sie gab einen Impuls zur Sozial- und Wirtschaftsentwicklung der Völker Russlands - 31 Prozent;

    - sie eröffnete eine neue Ära in der Geschichte der Völker Russlands - 26 Prozent;

    - sie bremste ihre Entwicklung - 16 Prozent;

    – sie war eine Katastrophe für die Völker Russlands - 15 Prozent;

    – 12 Prozent hatten Schwierigkeiten bei der Beantwortung.

    Folglich schätzt die Mehrheit der Bevölkerung Russlands die Oktoberrevolution positiv ein. Nicht von ungefähr können sich die Behörden nicht dazu entschließen, die Mumie des Revolutionsführers Lenin zu begraben, denn sie befürchten Entrüstung. Während die Stalin-Denkmäler nach dem Bericht Nikita Chrustschows auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei (Februar 1956) sofort gestürzt wurden, stehen die Lenin-Denkmäler in vielen Städten nach wie vor. Und seine Verehrer kommen, um revolutionäre rote Nelken niederzulegen und ihre Treue zum Leninismus zu demonstrieren. Eine beinahe religiöse Treue. Mit politischen Motiven allein lässt sich die Leidenschaft nicht erklären, mit welcher die Nachkommen der Bolschewiki beweisen, dass der einbalsamierte Oktober-Führer im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau zu belassen sei.

    Liest man heute Lenins theoretischen Nachlass in aller Ruhe, so sieht man nicht nur Ungereimtheiten und Absurditäten, sondern auch einen unverhohlenen Zynismus, die Geringschätzung des Menschenlebens und die Benutzung von Methoden, die wir heute mit Ekel als "schmutzige PR-Arbeit" bezeichnen. Zugleich ist nicht zu übersehen, dass Lenins politische Wut, sein Hass auf den Opponenten und sein analytisches Denken fesseln und anziehen. Lenin konnte durchaus denken und handeln, das muss man ihm lassen.

    Warum treten in den Zeiten von tektonischen sozialen Verschiebungen Menschen in den Vordergrund, die die Massen fortreißen können? Lenin wurde 1917 am Finnischen Bahnhof in Petrograd von der Menge auf einen Panzerwagen gehoben, und von da aus verkündete er seine berühmten "Aprilthesen", die zum "Geschäftsplan" des künftigen Oktoberumsturzes wurden. Jelzin erklomm während des Putsches im August 1991 selbstständig einen Panzer, um seine Thesen über ein neues, demokratisches Russland zu verkünden. Das sind nicht bloß historische Parallelen, sondern vielmehr schon bestimmte Gesetzmäßigkeiten. Und wir verstehen die Vergangenheit leichter, wenn wir ihre ähnliche Wiederholung in der Gegenwart erleben.

    Lenin, ein kaum bekannter Populist in der Zeit großer politischer Unruhen, und Jelzin, unbedeutender Partei-Apparatschik, verkündeten die radikalsten Losungen. Und diese fanden einen vorbereiteten Boden. Sowohl das zaristische Russland als auch die Sowjetunion gingen mit einer Revolution schwanger, das heißt, dass die Nation die Geburtswehen einer neuen Gesellschaftsordnung empfand. Und es genügte, dass die wütendsten politischen Demagogen laut schrien: "Ich weiß, wie", damit das bei den Aktivsten eine uneingeschränkte Unterstützung fand. Die Hauptmasse allerdings blieb gleichgültig.

    Lenins Losung "Den Boden den Bauern" gewann für ihn das Agrarland, das um dieses Bodens willen zu allem bereit war. Deshalb würde ich den Oktoberumsturz als Revolution bezeichnen. Es gab ein erkanntes Ziel, und es gab völlig bewusste Handlungen. Der Fakt, dass sie außerhalb des Rechtsfeldes lagen, verleiht ihnen nur einen noch ausgeprägteren revolutionären Charakter.

    Politische Erschütterungen dieser Art waren schon immer illegitim, mehr noch, verbrecherisch. Die Putschisten in Russland, die 1991 Gorbatschow abzusetzen versuchten, standen gerade als Verbrecher wider den Staat vor Gericht. Aber hätten sie gesiegt, so hätten sie sich selbst zu Rettern des Vaterlandes erklärt, während Boris Jelzin dann ein Verbrecher gewesen wäre. Die Politiker benutzen solcherlei Anklagen sowohl im Kampf um die Macht als auch für die Beseitigung ihrer Opponenten. Aber schon recht bald wird das Wesen ihres Kampfes sichtbar. Entweder beschäftigen sie sich damit, das alte Regime wiederherzustellen, oder sie schleppen das widerstrebende Land mittels Gewalt, Demagogie und Kultivieren der Feindschaft zwischen den politischen Gruppierungen zu dem Entwicklungspunkt mit, den sie für Fortschritt halten. Lenin schleppte das Land in den Kommunismus, an den er aufrichtig und leidenschaftlich glaubte, Stalin glaubte nicht mehr an den Kommunismus, wollte jedoch durch die Industrialisierung und die Kollektiverung der Bauernschaft einen mächtigen totalitären Staat aufbauen. In diese Reihe gehört auch Boris Jelzin, der zuerst danach strebte, in Russland ein demokratisches Regime zu errichten. Wer die Anerkennung des Oktoberumsturzes als Revolution bestreitet, muss auf die Frage antworten: Was war dann die Februarrevolution von 1917? Ebenfalls ein Umsturz? Nein, das darf nicht behauptet werden, denn von allen gesellschaftlichen Erschütterungen in Russland hätte gerade diese Revolution zu einer wirklich zivilisierten Hebamme eines neuen Regimes werden können. Leider wurde Russland in der Zeit seiner härtesten gesellschaftlichen Krise gerade zur Geburt der Oktoberrevolution durch eine Hebamme verholfen, die völlig mitleidslos einen Kaiserschnitt vornahm und an die Gebärende und das Neugeborene herzlich wenig dachte. Die schrecklichste Schuld der Bolschewiki besteht darin, nach der gewaltsamen Machtergreifung ein Blutbad angerichtet zu haben, bei dem alle, die ihrer kommunistischen Idee auch nur irgendwie im Wege standen, vernichtet wurden.

    Der große russische Dichter Alexander Blok sah im Oktoberumsturz einen tiefen mystischen Sinn. In seinem Poem "Die Zwölf" interpretiert er die Revolution unmittelbar als Taten der Apostel, und "vorne gehet Jesus Christ", "rosenweiß sein Kränzlein ist". Das war die erste poetische Auffassung und Verarbeitung der russischen Tragödie. Aber immerhin ist es Gott selbst, der diesen halb Aposteln und halb Kommissaren voranschreitet! Russland gab sich mit Herz und Seele der revolutionären Gewalt hin - um des künftigen Glücks willen. Es ließ sich um der kommunistischen Idee willen ans Kreuz nageln. Und nachdem wie jetzt der Krieg gegeneinander zu Ende geht, wird klar, dass gerade die Oktoberrevolution im Grunde ein Schlag gegen Russland war.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.