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    Oktober 1917. Lenin gegen Marxismus, Bolschewiki und Sowjets (Teil 1)

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    Es ist höchste Zeit, des Oktobers 1917 zu gedenken: immerhin steht sein 90. Jahrestag bevor. Aber nur ohne Mythen. Das ist dann ehrlicher und auch interessanter.

    MOSKAU, 01. November (Pjotr Romanow, RIA Novosti). Es ist höchste Zeit, des Oktobers 1917 zu gedenken: immerhin steht sein 90. Jahrestag bevor. Aber nur ohne Mythen. Das ist dann ehrlicher und auch interessanter.

    Es klingt paradox, aber um die Menschen zum Angriff auf das Winterpalais zu erheben, musste Lenin zuerst den Marxismus, die eigene Partei und die Sowjets besiegen. Wobei dieser Kampf gleich von der ersten Sekunde seiner Rückkehr aus der Emigration im April 1917 an begann. Nach den Memoiren zu urteilen, prägte sich die Ankunft des Führers des Weltproletariats am Finnischen Bahnhof in Petrograd den Anwesenden durch folgende auffallende Momente ein. Erstens durch Lenins schwindelerregende Erklärung, dass das Morgenrot der sozialistischen Weltrevolution bereits dämmere (in Deutschland koche alles, und die Stunde sei nicht fern, da die Völker auf Aufruf des Genossen Karl Liebknecht die Gewehre gegen ihre Ausbeuter umdrehen würden). Mehr noch, das Publikum, das sich zur Ankunft des bolschewistischen Führers einstellte, sei denn auch nebst dem gepanzerten Wagen, auf den der Redner kletterte, "der Vortrupp der weltweiten proletarischen Armee"!

    Zweitens sahen die Leute auf dem Bahnhof, dass der Führer rote Haare hatte. Dass hatte niemand von ihm erwartet. Schließlich wurde die Veranstaltung durch die respektable Melone sehr belebt, die der Passagier aus dem plombierten Waggon, die Massen begrüßend, energisch schwenkte, bis ein Fachmann für PR-Technologien aus dem bolschewistischen ZK schließlich auf die intelligente Idee kam, die in der Menge von Arbeitern, Soldaten und Matrosen so deplatzierte bourgeoise Kopfbedeckung durch eine bescheidene proletarische Schirmmütze zu ersetzen. Mit dieser Mütze ging Lenin denn auch in die Weltgeschichte ein.

    Was die Reden des Passagiers aus dem plombierten Wagen betrifft, die von einem defätistischen Geist durchdrungen waren, so gefielen sie bei weitem nicht allen. Mehrmals hörte man aus der Menge Zwischenrufe (Lenin hielt an seinem Ankunftstag mehrmals Reden), man sollte den rothaarigen Redner vielleicht "aufs Bajonett" heben.

    Das mehr vorbereitete Publikum, die Sozialisten, reagierte auf Lenins Reden nicht weniger emotional. Nikolai Suchanow, Mitglied des Exekutivkomitees der Sowjets, kommentierte Iljitschs erste Rede wie folgt: "Das war kein Kommentar zum ganzen 'Kontext' der russischen Revolution, wie ihn alle ihre Augenzeugen und Teilnehmer empfanden. Der gesamte Kontext der Revolution sagte das Eine aus, aber Lenin, ohne jemanden zu fragen, ohne auf jemanden zu hören, platzte direkt aus dem Fenster seines plombierten Wagens mit etwas ganz Andrem heraus." Will man absolut genau sein, so sprach der Kontext der Revolution von den nationalen Interessen, der Passagier aber, der aus dem Ausland gekommen war, "platzte" mit Karl Liebknecht, Deutschland und dem europäischen Proletariat heraus.

    Anders gesagt, erkannten Lenin und Russland, die sich nach seiner langen Abwesendheit trafen, einander nicht an. Selbst die eigene Partei erkannte ihn nicht an.

    Dabei hätte es nicht anders sein können. Die meisten russischen Revolutionäre lernten bei Marx, Engels und westlichen Sozialisten, deshalb sahen das Revolutionsschema und folglich die Reihenfolge der revolutionären Schritte für alle ungefähr gleich aus. Zuerst wird im Lande eine bürgerlich-demokratische Revolution vollbracht, erst dann, unter Ausnutzung der demokratischen Freiheiten, nach Maßgabe der Entwicklung des Kapitalismus und des Wachstums des Proletariats, beginnt der Kampf für sozialistische Umgestaltungen. Die Bauernschaft, die zu jener Zeit in Russland eine weit breitere Schicht war, als das Proletariat, galt nach Ansicht der meisten Sozialisten als träge, unzuverlässig, ja geradezu verräterisch gegenüber den Ideen des Sozialismus. Um die Situation zu ändern, war Zeit erforderlich.

    Ebendeshalb nannte Georgi Plechanow, der vom Marxismus alles wusste, was ein höchst gebildeter Sozialist nur wissen konnte, die erste Rede Lenins nach der Rückkehr aus der Emigration ein "Hirngespinst". Der Kapitalismus sollte das bäuerliche Korn zum proletarischen Mehl ummahlen, aus dem man in Zukunft sozialistisches Brot würde backen können. Auf diese Art formulierte Plechanow den Gedanken. Das hatten Marx und Engels vermacht. (Über die Gefahr der Überstürzung in der revolutionären Frage schrieb zum Beispiel Friedrich Engels im "Bauernkrieg in Deutschland" und in seiner Botschaft an Weydemeyer.) So wurde das in Europa getan, so hätte es, wie es schien, auch in Russland vor sich gehen müssen.

    Ebendeshalb zeigten die Sowjets so viel Toleranz gegenüber der Provisorischen Regierung und jenen wenigen kapitalistischen Ministern, die ihr im Oktober 1917 noch angehörten. Die russischen sozialistischen Parteien rüsteten nicht zu einem bewaffneten Kampf um die Macht, sondern zu den künftigen parlamentarischen Diskussionen unter sich. Den Wahlen zur Konstituierenden Versammlung sahen die Sozialisten ruhig entgegen, verstanden sie doch, dass sie dort bei einer freien Willensäußerung des Volkes eine feste Mehrheit bekommen würden. Kraft ihrer theoretischen Anschauungen erkannten sie freiwillig die Bourgeoisie als führende Kraft der russischen Revolution an, allerdings als eine Kraft, die verpflichtet war, nicht nur an die eigenen Interessen zu denken.

    Ungefähr in der gleichen Richtung wie bei den übrigen sozialistischen Parteien entwickelte sich auch das Denken der Bolschewiki. Bis Lenin sie umstimmte. Die erste Kollision mit den bolschewistischen "Versöhnlern" geschah in ihrer Anwesenheit und endete nicht zugunsten des Führers. Die Zeitung "Prawda", die seit März 1917 unter dem Einfluss von Kamenew und Stalin stand (sie waren aus der Verbannung früher zurückgekehrt als Lenin aus der Emigration), nahm eine gemäßigte Position ein. Deshalb schienen die ersten leninschen Briefe, worin die Rede von der Notwendigkeit war, sich zu bewaffnen und die sozialistische Revolution unverzüglich zu vollbringen, der Zeitungsleitung utopisch. In der "Prawda"-Redaktion erklärte man sich Lenins "Utopismus" damit, dass der Führer viel zu lange von der Heimat getrennt war. Der Erste der eingegangenen "Briefe aus der Ferne" (es waren fünf an der Zahl) erschien in der Zeitung mit beträchtlichen Streichungen. Der Zweite wanderte ins Redaktionsarchiv. Die übrigen Briefe hatten, nach allem zu urteilen, die Zeitung nicht erreicht, doch ist die Annahme möglich, dass Kamenew auch diese Artikel sowieso nicht hätte drucken lassen. Stalin, der damals keine umfangreichen theoretischen Kenntnisse hatte, orientierte sich an Kamenews Ansichten, und diese hatten zu jener Zeit weit mehr Gemeinsamkeiten mit Plechanow als mit Lenin.

    Während Kamenew wie auch viele andere Exponenten des Bolschewismus nach langer Trennung in Lenin einen wütenden Utopisten sahen, der sich von den heimatlichen Wurzeln losgerissen hatte, empfand Iljitsch dagegen seine alten Freunde als ausgesprochene Provinzler mit vorsintflutlichen Ansichten. Seiner Meinung nach hatten die "alten Bolschewiki" im Februar die Möglichkeit versäumt, die Macht in die eigenen Hände zu nehmen und die Sache der proletarischen sozialistischen Revolution sofort voranzubringen. Mehr noch, auch nach Februar 1917 versanken sie, wie Lenin fand, in unendlich alten Begriffen. Er brachte die neuesten Ideen und Rezepte aus dem Ausland mit. Freilich war das nicht mehr der klassische Marxismus, sondern der Marxismus-Leninismus.

    Augenblicklich erhöhten sich die Einsätze im politischen Spiel auf ein Mehrfaches. Die Rede war nicht mehr von einer bürgerlich-demokratischen Regierung unter Kontrolle der Sozialdemokratie, sondern von einer grandiosen sozialen Explosion, die alles und alle erschüttern und den Prolog zur sozialistischen Weltrevolution bilden würde. Ausführlicher, nicht mehr im Kundgebungsstil, sondern in Form von Thesen, legte Lenin seine Position im April dar, wobei er besonders betonte, dass die Situation für den Umsturz so günstig wie nur möglich sei. Russland sei jetzt unter allen Krieg führenden Ländern das freieste Land in der Welt, ein Land, in dem den Massen gegenüber keine Gewalt ausgeübt werde. Das bedeutet: Es wurde vorgeschlagen, binnen dreier Monate "im freiesten Land der Welt" eine zweite Revolution zu vollbringen: Und all das dazu, um: a) die Macht zu übernehmen und b) die Weltrevolution zu provozieren, denn sonst war diese Macht nicht zu halten.

    Real dachte Lenin in jenem Moment nicht an den Aufbau eines proletarischen Staates und des Sozialismus, deshalb enthalten die Aprilthesen auch nichts davon. Die Aufgaben für die nahe Zukunft hießen völlig anders: Umsturz, Behauptung der Macht, Teilnahme an der Weltrevolution, Schaffung einer neuen, kampfbereiten Internationale und parallel dazu die Zerstörung der alten bürgerlichen Maschinerie. Dem Agrarprogramm galten, im Unterschied zum ausführlichen Projekt der Sozialrevolutionäre, nur einige wenige Worte (über die Notwendigkeit, sich auf dem Lande auf die Ärmsten, das Landproletariat, zu stützen). Es wurden keine konkreten Schöpfungsaufgaben gestellt, lediglich Vorschläge gemacht, die Frage einer "Staatskommune", dessen Urbild die Pariser Kommune hätte sein sollen, im Prinzip zu erörtern. Das wäre auch der ganze Zeichnungsplan des künftigen Russland.

    Der Kampf entfaltete sich gerade um diese Aprilthesen. Wie der Amerikaner Robert Slusser mit Recht schreibt, "durchstrich Lenins Behauptung vom Fehler des Proletariats im Februar Marxens These, dass die Arbeiter eine proletarische Revolution erst dann realisieren können, wenn objektive Bedingungen dafür bestehen". Schlimmer noch: Überraschend für alle, vermerkt Slusser zu Recht, näherte sich Lenin in seinen theoretischen Konstruktionen plötzlich dem verpönten Trotzki, dem eben hauptsächlich die Abenteuerlichkeit und die Weigerung, "objektive Bedingungen" zu berücksichtigen, vorgeworfen wurden. Dazu Robert Slusser: "Lew Trotzki erfand in seiner Theorie der permanenten Revolution einen recht schlauen Mechanismus, dank dem das zurückgebliebene Russland dieses anscheinend unüberwindliche historische Gesetz umgehen würde: Die Handlungen von Russlands Arbeitern könnten, behauptete Trotzki, zur Entstehung einer Welle von Revolutionen beitragen, die sich schnell auf die entwickelten kapitalistischen Länder des Westens ausdehnen würden, und dann werde das zahlenmäßig nicht starke, aber kampfbereite Proletariat Russlands an den verbrüderten Arbeitern von Westeuropa die mächtigsten Verbündeten gewinnen. Ohne seine intellektuellen Schulden gegenüber Trotzki anzuerkennen, schuf Lenin eine erstaunlich ähnliche Theorie: die von einer "ununterbrochenen Revolution".

    Bei weitem nicht alle Bolschewiki waren imstande, einen so schroffen Kurswechsel zu akzeptieren. Übrigens waren Lenins Aprilthesen in der "Prawda" nur als seine private Meinung veröffentlicht worden. Die Redaktion distanzierte sich offen vom Führer. "Was das allgemeine Schema von Gen. Lenin angeht", schrieb die "Prawda", "so erscheint es uns unannehmbar, weil es davon ausgeht, dass die bürgerlich-demokratische Revolution zu Ende sei, und mit einer sofortigen Umwandlung dieser Revolution in eine sozialistische Revolution rechnet." Einfacher war es mit den unteren Parteischichten, die theoretisch eher schwach waren, dafür aber gewohnt, sich Befehlen unterzuordnen. Die größten Komplikationen entstanden dagegen im Zentralkomitee unter Lenins nächsten Parteifreunden. Bei aller Achtung vor Iljitsch waren sie an selbstständiges Denken gewohnt, viele galten in den sozialistischen Kreisen auch selber als große Theoretiker, sie konnten und wollten nicht einfach "Jawoll!" sagen.

    Der schon erwähnte Trotzki schrieb in seiner "Geschichte der russischen Revolution" ausführlich über den nach Lenins Rückkehr entbrannten Kampf unter den Bolschewiki. Darin sind keine sonderlichen Entstellungen zu finden. Das ist eine viel ehrlichere Erzählung über die Vorbereitung und den Verlauf des Oktoberumsturzes als alle zahlreichen Arbeiten zum selben Thema, die in der Zeit zwischen "Generalsekretär" Stalin und "Generalsekretär" Gorbatschow herauskamen. Etwas anderes ist, dass all die Irrungen und Wirrungen dieses Kampfes vom Autor nicht ohne Zynismus beschrieben waren, der Trotzki auch sonst eigen war. Ganz zu schweigen von dem unverhohlenen Vergnügen, mit dem er über die innerparteilichen Ränke berichtet. Was übrigens verständlich ist: Gerade Trotzki, der zweifache "verlorene Sohn" der Partei (vor der Revolution unter Lenin, dann unter Stalin), stand im entscheidenden historischen Moment dem Führer am nächsten und war damals nach Iljitschs Meinung der Beste der Bolschewiki.

    Um die Aprilthesen entbrannte eine scharfe Diskussion. Felix Dzierzynski, künftiger Begründer der WTschK (Gesamtrussische Außerordentliche Kommission), spielte darauf an, dass Lenin vom realen Russland losgerissen war, und forderte im Namen "vieler", die "mit den Thesen des Berichterstatters grundsätzlich nicht einverstanden sind", ein Koreferat "von Genossen" zu hören, "die die Revolution praktisch erlebt haben". Der künftige "Älteste der ganzen Union" (Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR) Michail Kalinin war empört: "Ich wundere mich über die Erklärung von Genossen Lenin darüber, dass die alten Bolschewiki im gegenwärtigen Moment ein Hindernis geworden seien." Und der künftige erste Vorsitzende des WZIK (Allunions-Zentralexekutivkomitee) Lew Kamenew erläuterte Lenin immer wieder, wie einem Schüler, der, obwohl befähigt, die wichtigsten Stunden doch geschwänzt hatte, welche objektiven Bedingungen (genau nach Marx) der sofortigen Realisierung der proletarischen Revolution in Russland im Wege standen. Gegen Lenin war auch der künftige Held des Bürgerkrieges Michail Frunse. Gemäß einigen Memoiren wurde in den Parteireihen hinter vorgehaltener Hand damals etwas ganz Unmögliches gesagt, etwa, dass Lenin in der Emigration einfach die Vernunft verloren habe und die Partei dem Untergang entgegentreibe.

    Das ZK-Mitglied Schljapnikow gab in seinen Erinnerungen an jene Zeiten zu, dass unter den Bolschewiki eine "Zeit der großen Wirren" begonnen habe.

    (Fortsetzung folgt)

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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