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    "Denkmalkrieg" in Europa - und kein Ende?

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    Anfang November wird im bulgarischen Plowdiw der 50. Jahrestag des berühmten Aljoscha-Denkmals begangen.

    MOSKAU, 08. November (Jelena Schesternina, RIA Novosti). Anfang November wird im bulgarischen Plowdiw der 50. Jahrestag des berühmten Aljoscha-Denkmals begangen.

    Es wurde beschlossen, der Gedenkzeremonie für den sowjetischen Soldaten und Befreier einen wenn nicht gerade staatlichen, so doch zumindest gesamtstädtischen Status und Umfang zu verleihen. Um Blumen am Monument niederzulegen, versammeln sich Teilnehmer des Zweiten Weltkrieges, Vertreter der örtlichen Behörden und russische Diplomaten; eingeladen wurde selbst Aljoschas Urbild, der 85-jährige Veteran Alexej Skurlatow, der in der Region Altai lebt. Übrigens hätte das Denkmal sein "Goldenes Jubiläum" auch nicht erleben können, denn die örtlichen Behörden wollten es abreißen. Und das schon einige Jahre bevor die Behörden eines anderen europäischen Staates, Estlands, beschlossen hatten, das Denkmal des sowjetischen Soldaten abzutragen.

    Seinen Gipfel erreichte der "Denkmalkrieg" im vorigen Frühjahr: Damals meinte der estnische Premier Andrus Ansip, dass für den Bronzesoldaten ein "ihm eher zustehender Ort" zu suchen sei als das hauptstädtische Zentrum, und verbannte ihn auf einen Friedhof. Welche Folgen diese Initiative "zur Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit" nach sich zog, ist wohlbekannt: nächtliche Aktionen der russischsprachigen Diaspora, die von der Polizei auseinandergejagt wurden, laute Proteste von Moskau, die in Europa ausdrücklich überhört wurden, die von der "patriotischen Jugend" von einem Sperrgürtel umgebene estnische Botschaft in Moskau u. a.

    Anfang der 90er Jahre dehnte sich der "Denkmalkrieg" praktisch auf ganz Zentral- und Osteuropa aus. Auf das Denkmal der sowjetischen Soldaten in Riga wurde "Raus mit den Russen!" und ein Hakenkreuz gemalt. Auf dem Monument im Treptower Park in Berlin erschien der Davidstern. Die Tafel am Denkmal der Soldaten und Befreier in Güterfelde bei Potsdam wurde mit einer Sperrholzplatte mit darauf gemaltem Hakenkreuz zugenagelt. Das Denkmal von Marschall Konew im polnischen Krakow wurde abgerissen, und das der sowjetischen Soldaten in Katowice wollte man durch ein Neues - eines zu Ehren Ronald Reagans - ersetzen. Offenbar fand man, dass der amerikanische Ex-Präsident für Polen mehr getan habe als die 600 000 sowjetischen Soldaten, die in den Kämpfen für die Befreiung des Landes den Tod gefunden hatten. Das benötigte Geld fand sich allerdings nicht. Eine Kampagne für die Verlegung des Denkmals der sowjetischen Soldaten begann auch in Budapest: Die Weltunion der Ungarn schlug ein Referendum über dieses Vorhaben vor und sammelte 200 000 Unterschriften.

    Auch den bulgarischen Aljoscha wollte man loswerden. Alles begann genau wie überall: Nationalisten übergossen ihn nachts mit Farbe und überdeckten ihn mit aufgemalten Hakenkreuzen. Recht bald schlossen sich ihnen die Stadtbehörden an: Der Bürgermeister von Plowdiw Spas Gyrnewski versprach, "dieses Symbol des Kommunismus" zu demontieren, und erklärte es für seinen persönlichen Feind. "Schade, dass das nicht gelungen ist", sagt jetzt der inzwischen gewesene Bürgermeister. "Das ist ein Denkmal nicht des Befreiers, sondern eines Okkupanten. An diese Stelle muss ein anderes Symbol, das wirklich das unabhängige Bulgarien verkörpern würde. Ein Denkmal jener, die dem Land Ruhm eingebracht haben. Oder gar nichts stehen. Soll doch die Stelle leer bleiben."

    Im Unterschied zu Tallinn konnte das Denkmal in Plowdiw gerettet werden: Die örtlichen Einwohner organisierten seine Bewachung rund um die Uhr und veranstalteten Demonstrationen. Russische Veteranen, die in Bulgarien leben, drohten mit Selbstverbrennungen, wenn sich jemand an Aljoscha vergreifen sollte. Aktivisten leiteten eine Spendenaktion ein in der Hoffnung, für das Geld dem Bürgermeisteramt das Grundstück unter dem Denkmal abzukaufen. Und die örtliche Rentnerin Ani Mintschewa wollte allen Ernstes den "Soldaten" adoptieren und nahm sich sogar schon einen Anwalt zur Erledigung aller Formalitäten.

    Die Sache gedieh bis zum Obersten Gerichtshof Bulgariens. Dieser beschloss: Das Denkmal "unterliegt nicht der Abtragung". Aber die Streitereien um sein Schicksal haben sich bisher nicht gelegt. "Jetzt gibt es bei uns nicht wenige Menschen, die das Denkmal für ein Symbol der Okkupation halten und es loswerden wollen. Doch denke ich, das werden sie vorläufig nicht wagen", versicherte mir ein Einwohner von Plowdiw. Dass sie sich "nicht erdreisten werden, das Denkmal auch nur zu berühren", sagte auch der bulgarische Premier Sergej Stanischew während seines Moskau-Besuches: "In Bulgarien wird dem Andenken an die russischen und sowjetischen Kämpfer sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet."

    Nach den stürmischen Ereignissen in Estland ist ein halbes Jahr vergangen und die Leidenschaften um die Denkmäler sowjetischer Kämpfer haben sich etwas gelegt. Zumal seitdem es die Behörden anderer Länder, die Russland der "Okkupation" bezichtigen, vermeiden, Moskau zu provozieren. Selbst die Polen, die mitten in der russisch-estnischen Konfrontation erstaunlich unzeitgemäß beschlossen, zwei Gesetze über "das Verbot von Symbolen der kommunistischen Diktatur" zu erlassen. Warschau wurde sich noch zur rechten Zeit darüber klar, wie sich das auf die ohnehin komplizierten Beziehungen zwischen unseren Ländern auswirken könnte, und erläuterte: Die Denkmäler der sowjetischen Kämpfer, die für die Befreiung Polens gefallen sind, gehören nicht zu diesen "Symbolen".

    Übrigens gibt es keine Garantien dafür, dass sich die estnische Geschichte nicht mehr wiederholt. Deshalb war der Beschluss wohl richtig, spezielle ausländische Vertretungen zu organisieren, die die Begräbnisstätten von russischen und sowjetischen Soldaten unter ihre Kontrolle nähmen. Man will solche Vertretungen in Polen, Deutschland, Ungarn, Tschechien, Litauen, Rumänien und China eröffnen. (Die litauische Vertretung wird gleichzeitig für Lettland und Estland, die tschechische für die Slowakei, die chinesische für die Mongolei, Nordkorea und Japan zuständig sein.) Übrigens ist eine Frage nicht ganz klar. Mit der Sorge um die Friedhöfe und Denkmäler, der Arbeit mit den Archiven, der Feststellung der Namen der Gefallenen und der Suche nach ihren Angehörigen werden 29 Personen betraut. Aber außerhalb Russlands gibt es mehr als 20 000 Friedhöfe, auf denen drei Millionen russische und sowjetische Soldaten und Offiziere ruhen. Über die Hälfte ihrer Namen sind bis jetzt unbekannt.

    Die Meinung der Verfasserin muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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