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    Krankes Schwarzmeer

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    MOSKAU, 08. November (Tatjana Sinizyna, RIA Novosti). Das Schwarze Meer hat jetzt sein eigenes Fest: den Internationalen Tag des Schwarzen Meeres.

    Diesen Beschluss fassten am 31. Oktober die sechs Schwarzmeerländer.

    Die Umweltminister Russlands, der Ukraine, Bulgariens, der Türkei, Georgiens und Rumäniens unterzeichneten auf ihrer Konferenz in Istanbul auch einen strategischen Aktionsplan zum Schutz des Schwarzen Meeres. In dem Dokument wird zugegeben, dass das Meer kränkelt und die Hilfe der Menschen braucht.

    Heute ist die Beständigkeit des Meeres gegen Umwelteinflüsse nicht sehr hoch. Ende des vorigen Jahrhunderts trafen im Schwarzen Meer viele ungünstige Faktoren zusammen. In seinen Raum drangen fremdartige Raubtiere ein, die ihre neue biologische Ordnung schufen. Negativ hat sich auf das Meer auch die globale Erwärmung ausgewirkt. Im Ergebnis ist das Schwarze Meer in vielen seiner Eigenschaften anders geworden: Seine Farbe hat sich verändert, die Durchsichtigkeit ist vermindert.

    Dieses einzigartige Becken ist zweischichtig, es setzt sich aus "lebendigem" und "totem" Wasser zusammen. Die Oberschicht, in der sich das ganze Leben konzentriert, ist 120 bis 160 Meter dick. Die zwei Kilometer dicke untere Schicht ist tot, weil mit Schwefelwasserstoff verschmutzt. Die verschiedenen Arten der klimabedingten und anthropogenen Einwirkung auf das Meer, der ganze Schmutz, der sich im Meer speichert, betreffen demnach nur die Oberschicht.

    "Das Schwarze Meer ist ein geschlossenes, isoliertes Becken, das recht lange ohne Verbindungen mit dem Weltmeer existierte", erzählte Michail Flint, stellvertretender Direktor des Instituts für Ozeanologie an der Russischen Akademie der Wissenschaften. "Infolgedessen bildeten sich hier ein besonderes Ökosystem und eine selbstständige Fauna heraus, in der Biota entstanden eigene Beziehungen. Das Eindringen von fremden Arten spielte allmählich eine ebenso dramatische Rolle wie seinerzeit die Einfuhr des Dingos nach Australien, welche der örtlichen Fauna einen enormen Schaden zufügte."

    Vor einem halben Jahrhundert, 1947, wurde ins Schwarze Meer mit dem Ballastwasser von Torpedoschnellbooten, die aus Port Arthur kamen, eine Molluske mit einer schönen Muschel, die Rapanaschnecke eingeschleppt. "Kaum jemand weiß, dass sie in Wirklichkeit ein schlimmes Raubtier ist, das alle indigenen Arten der Meeresgrund-Lebewesen vernichtet", erläuterte Michail Flint. "Dabei bilden diese im Küstenbereich mächtige Kolonien und sind für seine biologische Reinigung und Produktivität verantwortlich. Infolge der Verringerung der Kolonien von Mollusken und Filtrierern nahm die Verschmutzung des Küstenwassers im Schwarzen Meer zu."

    Später zeigte sich, dass das Auftauchen der Rapana noch nicht das schlimmste ökologische Übel war. 1989 erlebte das Meer einen neuen Schock: Darin siedelte sich eine weitere fremde Art - die Rippenqualle - an. Diesmal wurde die Immigrantin mit dem Ballastwasser von Schiffen aus dem Atlantik eingeschleppt. Das kleine quallenähnliche Tier erwies sich als ungemein gefräßig und verzehrte in den Wasserschichten alles: die Plankton-Organismen und selbst die Fischlarven. Die Rippenqualle vermehrte sich ungeheuer rasch, und schon bald erreichte ihre Biomasse im Meer eine Milliarde Tonnen.

    Da dieses Raubtier sowohl die Fischlarven als auch die Fischnahrung vernichtete, sank die Gewinnung der Anschovis, des wichtigsten Nutzfisches, praktisch auf den Nullpunkt. Statt der früheren 400 000 bis 500 000 Tonnen im Jahr gewannen die Fischer aller sechs Schwarzmeerländer zusammen lediglich 30 000 Tonnen. Zu Beginn der 90er Jahre erreichte die negative ökologische Situation ihren Gipfel.

    "Die Arbeiten unseres Instituts zeigen deutlich: Die negativen Einflüsse auf das Ökosystem hängen in höherem Maße mit natürlichen Faktoren, darunter mit dem sich wandelnden Klima, zusammen, als mit der Tätigkeit des Menschen. Das ist für die Erkenntnis der Prozesse, die im Schwarzen Meer vor sich gehen, grundsätzlich wichtig", sagte Michail Flint. Die Erwärmung hat dazu geführt, erläuterte er, dass sich die obere Wasserschicht im Winter nicht genügend abkühlte. Folglich wurde der vertikale Austausch von Wasserschichten im Becken schwächer, das Wasser in den tiefen Schichten verlor die Fähigkeit zur Gesundung. Da die tiefen Wassermassen nicht mehr mit Sauerstoff beladen wurden, verlagerte sich die Grenze der schwefelwasserstoffhaltigen Schicht. In den beiden letzten Jahrzehnten hat sie sich ungefähr um 12 Meter erhöht, was rund 10 Prozent der ganzen sauerstoffhaltigen Schicht ausmacht. Diese ungünstige Situation besteht auch heute.

    Doch die Natur reagiert unbedingt auf Veränderungen und sucht, sie durch biologische Selbstregelung auszugleichen. Auch das Schwarze Meer zeigte ein klassisches Beispiel für die ökologische Rekonstruktion. Infolge des Erwärmungsprozesses ist aus dem nahen Mittelmeer ein weiteres quallenartiges Lebewesen eingedrungen, das sich ausschließlich mit Rippenquallen ernährt. Der "Neuankömmling" vernichtete sie mit kolossaler Geschwindigkeit, bis sich ein Gleichgewicht beider Arten einstellte. Auf diese Weise hörte das Dominieren des Raubtiers, das alle kleinen Organismus in den Wasserschichten wahllos fraß, auf. Das gab dem Plankton des Schwarzen Meeres die Möglichkeit der Regeneration und mit seiner Wiederherstellung überwand auch der Fisch die Depression. Die industrielle Gewinnung der Anschovis beträgt heute wieder 360 000 bis 400 000 Tonnen im Jahr.

    Die Grenze Russlands an der Schwarzmeerküste macht nur etwa 400 Kilometer aus, aber dennoch ist das Schwarze Meer grundsätzlich wichtig für das Land, da es eine kolossale geopolitische und wirtschaftliche Bedeutung hat. Vor allem ist es das einzige marine "Fenster" Russlands im Süden, über welches sich alle Zugänge zum Atlantik eröffnen. Außerdem handelt es sich um einen höchst wichtigen Weg, über welchen ausländischen Abnehmern Erdöl und -gas geliefert werden. Nicht zu vergessen ist ferner, dass auf dem Meeresgrund die Gaspipeline "Blauer Strom" verlegt ist.

    Die Meinung der Verfasserin muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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