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    Die Anziehungskraft des Mars (Teil 2)

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    MOSKAU, 21. November (Juri Saizew für RIA Novosti). Technisch gesehen wäre ein bemannter Marsflug bei der heutigen Entwicklung der Raumfahrt nicht komplizierter, als es seinerzeit der Mondflug war.

    Nach Ansicht von Fachleuten ist die Technik als solche zur Organisation einer ersten interplanetaren Expedition praktisch bereit. Aber bevor eine bemannte Marsmission stattfindet, müssen die Wissenschaftler zahlreiche medizinisch-biologische Probleme lösen. Mehr noch: Heute ist schon offenkundig, dass an der Ausarbeitung der Strategie des Marsprojektes der Faktor Mensch die Priorität hat und der Mensch als solcher, obwohl das verwundbarste Glied der Mission, in hohem Maße die eigentliche Möglichkeit ihrer Realisierung bestimmen wird.

    Die medizinisch-biologische Sicherstellung der bemannten Marsexpedition ist eine für die Wissenschaftler neue Aufgabe. Die Anwendung vieler inzwischen bewährter Prinzipien, Methoden und Mittel der medizinisch-biologischen Sicherstellung der bemannten Orbitalflüge sind für eine Marsmission unannehmbar. Zu den Besonderheiten des interplanetaren Fluges gehören insbesondere die andersgearteten Bedingungen der Kommunikation mit der Erde, der Wechsel von Gravitationseinwirkungen und die begrenzte Zeit für die Adaption an die Anziehungskraft vor Beginn der Tätigkeit auf der Marsoberfläche, ferner die erhöhte Strahlung und das Fehlen eines Magnetfeldes.

    Der bereits Ende des vergangenen Jahrhunderts vollbrachte 438-tägige Orbitalflug des Arztes und Kosmonauten Valeri Poljakow auf der Station "Mir" zeigte, dass grundsätzliche medizinisch-biologische Begrenzungen für längere Raumexpeditionen nicht bestehen. Wie Akademiemitglied Anatoli Grigorjew, Direktor des Instituts für medizinisch-biologische Probleme, betont, sind bisher keine wesentlichen Veränderungen im menschlichen Organismus festgestellt worden, die einer weiteren planmäßigen Verlängerung von Raumflügen und der Realisierung einer Marsmission im Wege stehen würden.

    Etwas anderes ist das Problem des Schutzes der Raumfahrer vor der kosmischen interstellaren und solaren Strahlung, die außerhalb der Magnetosphäre der Erde beträchtlich steigen wird. In zwei Flugjahren kann die gesamte Strahlungsdosis auf mehr als das Doppelte der zulässigen steigen. Deshalb muss erst ein spezieller Strahlungsschutz entwickelt werden. Zur Zeit bevorzugen die Entwicklungsingenieure meist einen Konstruktionsschutz: Die Behälter für Treibstoff, Wasser und sonstige Vorräte werden um die Wohnsektion verteilt. Dadurch wird eine Strahlungsabschirmung von ungefähr 80 bis 100 Gramm je Quadratzentimeter erreicht.

    Die Raumfahrer können auch beim Aufenthalt auf der Marsoberfläche stark bestrahlt werden. Wie Messungen vermittels des russischen HEND-Gerätes, das auf der amerikanischen Sonde "Mars Odyssey" installiert ist, zeigten, kann bei einem solaren Strahlungsausbruch die Intensität des Stromes der Neutronen, die von der Planetenoberfläche widergespiegelt sind, auf mehr als das Hundertfache steigen und für die Raumfahrer tödliche Dosen erreichen. Folglich können sie auf dem Mars nur während einer "Sonnenstille" landen.

    Ein weiteres Problem ist die Verpflegung der Raumfahrer. Man sollte meinen, dass die Praktiken seit Jahren ausgearbeitet sind. Auf die Besatzung eines Raumschiffes warten die gleichen sublimierten (getrockneten) Lebensmittel wie auch heute. Man muss ihnen Wasser hinzugeben und sie aufwärmen, und schon ist ein Essen fertig. Diese Erzeugnisse können noch so gut schmecken, und doch müssen sie durch üblichere Lebensmittel ergänzt werden. Die Idee, im Raumschiff Vögel zu züchten, damit die Raumfahrer Eier essen können, ist entfallen. Wie Experimente zeigten, konnten sich die neugeborenen Küken der Schwerelosigkeit überhaupt nicht anpassen. Einfacher geht es mit Fischen und Mollusken, aber diese wachsen viel zu langsam, und es ist wohl kaum zu erwarten, dass sich die Raumfahrer unterwegs nach dem Mars von frischen Fischen ernähren können. Was mit voller Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass sich an Bord eines interplanetaren Schiffes ein Treibhaus befinden wird. Freilich ein kleines.

    Fachleute vom Institut für medizinisch-biologische Probleme haben den Prototyp eines "kosmischen Gemüsegartens" konstruiert. Er stellt einen Zylinder dar, worin sich ein Bund von mit Dünger durchtränkten Rollen befindet. Die Innenfläche des Zylinders ist mit hunderten roten und blauen Dioden bedeckt, die die Rolle der Sonnenstrahlen spielen. Die Rollen drehen sich je nach dem Wachstum der Pflanzen, um deren Spitzen der Lichtquelle näher zu bringen. Während auf den einen Rollen das Grün erst keimt, kann auf den anderen schon abgeerntet werden. Ein Versuchsmuster der Anlage liefert alle vier Tage rund 200 Gramm Grünzeug. Mit Zunahme der Zahl der Rollen und der Lichtquellen nimmt die Produktivität der Anlage zu. Die "kosmische Landwirtschaft" wird nicht nur Essen liefern, sondern auch das Problem der Regenerierung der Atmosphäre an Bord eines interplanetaren Schiffes lösen helfen.

    Es folgt das Problem Wasser. Laut Berechnungen braucht ein Raumfahrer 2,5 Liter Wasser je 24 Stunden. Deshalb müssen einige Tonnen davon an Bord vorrätig sein. Vermittels der Regenerierungssysteme wird das Wasser zum Teil dem Kreislauf wieder zugeführt. Ideal wäre die Schaffung von geschlossenen physikalisch-chemischen Systemen an Bord, die den vollständigen Kreislauf der Stoffe ermöglichen würden. Aber das ist wohl Sache einer recht fernen Zukunft.

    Es gibt auch Aufgaben psychologischer Art. Wegen der großen Entfernung zum Mars wird das Funksignal allein in einer Richtung 20 bis 30 Minuten brauchen. Dem Flugleitzentrum wird einfach die Zeit fehlen, um sich bei eventuellen ungewöhnlichen Situationen einzumischen. Die Erde kann bestenfalls zu einem Berater werden, während sich der Hauptprozess des Treffens von Entscheidungen an Bord des Schiffes verlagern wird.

    Bevor eine bemannte Marsexpedition startet, wollen die Wissenschaftler versuchen, viele dieser Probleme im Laufe des russischen Experiments "Mars-500" zu lösen. Das wird kein richtiger Flug, vielmehr eine sehr genaue Imitation sein: Eine sechsköpfige Besatzung wird in einem oberirdischen Komplex, der sich aus fünf hermetisch abgeschlossenen, miteinander kommunizierenden Modulen zusammensetzt, 520 Tage verbringen. Eines der Module wird die Marsoberfläche imitieren.

    Die Module sind mit Geräten vollgestopft, die alle möglichen Parameter innerhalb dieser Räume registrieren und die medizinischen Kennwerte der Experimentatoren überwachen. Den Wissenschaftlern geht es darum, zu erfahren, wie die Menschen im Team in einer Situation handeln, die den Bedingungen eines Marsfluges angenähert ist. Die Fachleute werden alle Ergebnisse - angefangen mit der Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen bis zur Verpflegungsration - analysieren. Das wird es erlauben, ein Maximum an möglichen Situationen zu berücksichtigen, die bei einem realen Flug entstehen könnten, und zu ihrer Regelung beizutragen.

    Bis heute haben sich schon recht viele Menschen als Anwärter für die Teilnahme am "irdischen interplanetaren Flug" gemeldet. Meist sind es Männer. Bis zu einem gewissen Grad ist das erklärbar: Wegen ihrer physiologischen und psychologischen Eigenschaften haben die Frauen weit weniger Chancen als die Männer, als erste den Mars zu betreten. Am Experiment werden sechs Personen teilnehmen, obwohl die Besatzung bei einem realen Flug zum Planeten nur vier Mitglieder zählen wird.

    Bemerkenswert: Bald nachdem in Russland das Experiment "Mars-500" bekannt gegeben worden war, ging man in den USA ebenfalls daran, Freiwillige für einen Imitationsflug anzuwerben. Allerdings wird er nur vier Monate dauern.

    Zum Verfasser: Juri Saizew ist wirklicher akademischer Berater an der Akademie der Ingenieurwissenschaften der Russischen Föderation.

    (Fortsetzung folgt)

    Teil 1

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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