21:14 18 Dezember 2018
SNA Radio
    Meinungen

    Weichenstellungen für Russlands Energiewirtschaft

    Meinungen
    Zum Kurzlink
    0 11
    MOSKAU, 15. Januar (Oleg Mitjajew, RIA Novosti). Ab 2008 steht Russland am Beispiel seiner Energiewirtschaft vor der Entscheidung, ob freier Markt oder Staatskapitalismus vorzuziehen ist.

    In Russland werden sich der Gas- und der Stromsektor gleichzeitig nach zwei völlig unterschiedlichen Wirtschaftsmodellen entwickeln: dem des staatlichen Monopols und dem des liberalen Marktes.

    Interessant in diesem Zusammenhang ist die gesetzgebende Initiative der EU-Kommission vom September vergangenen Jahres. Sie war auf die Entmonopolisierung des Gas- und des Strommarktes in der Europäischen Union gerichtet und sollte wohl als ein Testballon dienen, wie Russland auf diese Vorschläge reagieren würde. Wir wollen daran erinnern, dass Brüssel in der EU-Gaswirtschaft einem Unternehmen verbieten wollte, zugleich Förderer und Transporteur zu sein. In Bezug auf den Strommarkt sieht dieselbe Initiative der EU-Kommission das Verbot vor, gleichzeitig Kraftwerke und Überlandleitungen zu besitzen. Hierbei ist nicht ausgeschlossen, dass Nicht-EU-Ländern, die Energie in die EU liefern, verboten werden könnte, in den westeuropäischen Energiesektor zu investieren, wenn sie nicht eine ähnliche Teilung vornehmen.

    Solche Vorschläge sind direkt gegen den russischen Monopolisten Gasprom gerichtet, der vom Staat kontrolliert wird und neben der fast völligen Herrschaft des Gasmarktes in Russland auch an die EU etwa ein Drittel des dort verbrauchten Gases liefert und energisch attraktive europäische Energieunternehmen erwirbt. Begreiflicherweise haben die Neuerungen der EU-Kommission bei Gasprom einen Entrüstungssturm ausgelöst, denn der Konzern will auf seine Monopolstellung in Russland oder Expansion in Europa nicht verzichten.

    Mittlerweile haben sich die Leidenschaften übrigens gelegt. Die Initiative der EU-Kommission wird nur mit Mühe verwirklicht. Von den 27 EU-Ländern unterstützen neun die Vorschläge der EU-Kommission in ihrer heutigen Form nicht. Gegen sie treten die führenden EU-Mitglieder Frankreich und Deutschland auf, denn ihre Energiegiganten EdF, GdF und E.ON würden bei der Entmonopolisierung der europäischen Energiemärkte großen Schaden erleiden. Mehr noch: E.ON (Deutschland) und die Enel (Italien) haben sich als europäische Partner direkt für Gasprom eingesetzt.

    Was die russischen Stromunternehmen betrifft, so haben sie auf besagte Vorschläge der EU-Kommission über die Erhöhung der Konkurrenz überhaupt in keiner Weise reagiert. Das darf nicht Wunder nehmen. In Russland ist die Liberalisierung des Strommarktes de facto bereits so gut wie abgeschlossen: Die Reform der RAO UES wurde unter der Leitung ihres Chefs Anatoli Tschubais durchgeführt. Die Hauptidee der Reform ist die Aufteilung der Branche in einen Konkurrenz- und einen Monopolsektor. Unter der Kontrolle des Staates bleiben die monopolistischen Tätigkeiten: die Hauptleitungsnetze als Föderale Netzgesellschaft AG, der Dispatcherdienst als Systembetreiber AG und die Wasserkraftwerke, gebündelt in der Aktiengesellschaft GidroOGK.

    Die Wärmekraftwerke gehen sämtlich in den Konkurrenzsektor über und sollen zu Großhandels-Stromerzeugungsunternehmen (OGK) und regionalen Stromerzeugungsunternehmen (TGK) zusammengeschlossen werden. Der Verkauf der staatlichen Anteile an den OGK und TGK begann 2007 und soll in diesem Jahr abgeschlossen werden. Im Ergebnis werden die Kraftwerke den privaten Investoren gehören, die durch ihre gegenseitige Konkurrenz in Russland einen freien Strommarkt schaffen sollen.

    Am 1. Juli 2008 - dieses Datum ist sogar schon auf dem Gesetzeswege fixiert - wird die monopolistische Energieholding RAO UES abgeschafft. Außerdem werden gemäß Gesetz die Überlandleitungen und die Kraftwerke in Russland nicht einem einzigen Eigner oder affilierten Personen gehören. Wie Anatoli Tschubais behauptet, ist gegenwärtig die Konkurrenz auf dem russischen Energiemarkt viel besser entwickelt als in Europa. Deshalb würden die erst im Stadium der Erörterung befindlichen Vorschläge der EU-Kommission über die Liberalisierung der Energiemärkte für die russischen Stromunternehmen keine Probleme darstellen.

    Mehr noch: der Konkurrenzsektor der russischen Energiewirtschaft steht ausländischen Investitionen völlig offen: Die deutsche E.ON hat schon die Kontrolle über OGK-4 bekommen, und die italienische Enel soll bald OGK-5 unter ihre Fittiche nehmen. 2008 werden noch einige westliche Großunternehmen in russische Stromgesellschaften einsteigen. Eben die Anziehung großer Finanzmittel von privaten, darunter ausländischen Investoren, die eine Erneuerung alter und den Bau neuer Stromkapazitäten ermöglichen werden, wird vermutlich das große Plus der Reform sein.

    Gasprom hat ebenfalls Investitionen großer westlicher Energiegesellschaften nötig, um eine Stagnation zu überwinden, die sich in der Gewinnung des "blauen Brennstoffs" abgezeichnet hat. Doch Gasprom geht einen anderen Weg: der Konzern benutzt im großen Umfang die staatlich-administrative Ressource, wenn er sie braucht. 2006 musste die britisch-niederländische Royal Dutch Shell unter dem Druck von Rosprirodnadsor (Russische Naturschutzaufsichtsbehörde) die Kontrolle über das Projekt Sachalin-2 an Gasprom abtreten, auch wenn sie sich daran weiterhin beteiligt. Im vergangenen Jahr trat das russisch-britische Gemeinschaftsunternehmen TNK-BP der Gasprom aus den gleichen Gründen die Lizenz für das Vorkommen Kowykta im Gebiet Irkutsk ab. (Allerdings wird man für die weitere Arbeit daran die britische Gesellschaft offenbar trotzdem am Projekt beteiligen müssen.) Nach jahrelangen Verzögerungen hat der russische Gasmonopolist in diesem Jahr eingesehen, dass er die Erschließung des Stockmann-Vorkommens in der arktischen Barentssee (der Rohstoff ist Ostsee-Pipeline bestimmt) allein nicht schafft, und der französischen Total und der norwegischen StatoilHydro eine Beteiligung mit den Rechten als Minoritätspartner angeboten. Das (seit vielen Jahren erste) im Dezember 2007 durch Gasprom in Betrieb gesetzte Vorkommen Juschno-Russkoje im Autonomen Bezirk der Jamal-Nenzen wird ebenfalls mit Hilfe eines westlichen Partners, der deutschen BASF, ausgebeutet.

    Als aber die russische Regierung im November 2007 Gasprom eindeutig zu verstehen gab, dass es gut wäre, endlich mit der Erschließung der bisher nicht genutzten und reichen Vorkommen auf der Halbinsel Jamal zu beginnen und dazu niederländische Unternehmen heranzuziehen, sträubte sich der Gasmonopolist wieder und erklärte, Jamal in Eigenregie erschließen zu wollen. Dabei zeigen die Erfahrungen aller vergangenen Jahre, dass der Monopolist einfach dazu nicht imstande ist. Einen noch stärkeren Entrüstungssturm löste bei Gasprom die jüngste Initiative des russischen Ministeriums für Naturressourcen (in den letzten Jahren ein treuer Verbündeter von Gasprom), gesetzlich zu verankern, dass Ausländer zur Ausbeutung strategisch wichtiger Vorkommen (als solche gelten in Russland alle Großvorkommen von Bodenschätzen) zugelassen werden können. Der Gasmonopolist war bereits völlig daran gewöhnt, ausländischen Investoren die Zugangsbedingungen selbständig zu diktieren.

    Bereits das Jahr 2008 kann uns die Antwort auf die Frage geben, welches Entwicklungsmodell für die Energiewirtschaft attraktiver ist. Das ist um so wichtiger, als infolge der stürmisch wachsenden russischen Wirtschaft ein Mangel sowohl an Gas und Strom entstanden ist. Der Sektor, auf den schneller Investitionen kommen, wird auch den Mangel schneller und erfolgreicher beheben.

    Dennoch sollten sich die einheimischen Energieverbraucher auf eine Verteuerung von Strom und Gas gefasst machen. Nach 2008 wird sie sich noch beschleunigen, weil sowohl das Gasprom als auch die Strom-Reformer vorhaben, in den kommenden Jahren ihre Preise in Russland dem Markt anzugleichen, das heißt auf das Niveau der Europäischen Union zu heben.

    Die Preise für die aus Russland exportierten Energieträger sind schon jetzt hoch und werden den Investoren im einheimischen Gas- und Stromgeschäft sofort hohe Gewinne bringen. Laut Schätzungen der Internationalen Energiebehörde wird im ersten Quartal 2008 der Preis für russisches Gas für die EU-Länder 330 bis 350 Dollar pro 1000 Kubikmeter betragen. Eine kleine Erleichterung werden hierbei die baltischen Länder erhalten, weil Gasprom teilweise an ihren Gasnetzen beteiligt ist: Für sie wird sich der Gaspreis auf 295 Dollar pro 1000 Kubikmeter belaufen.

    Mit einigen Ausnahmen wird auch im GUS-Raum zu europäischen Preisen übergegangen. Georgien zum Beispiel wird 2008 pro 1000 Kubikmeter russisches Gas 270 bis 280 Dollar, beinahe wie in der EU, zahlen. Dagegen werden Armenien, Weißrussland und Moldawien, die die Kontrolle ihrer Gasnetze dem russischen Konzern übergeben haben, den Brennstoff zu viel vorteilhafteren Bedingungen bekommen: für 110 bzw. 119 bzw. 190 Dollar pro 1000 Kubikmeter.

    Eine weitere Ausnahme in der "europäischen Preisformel" bildet noch immer die Ukraine, von der vorläufig der Transit von Gas in die EU beinahe zu 80 Prozent abhängt. Dank seinem Transitmonopol wendet Kiew in den Beziehungen zur Gasprom nicht die europäische, sondern die "Aschchabader Formel" an, die auf dem Preis von turkmenischem Gas basiert. Freilich wird ab nächstes Jahr auch turkmenisches Gas teurer, weshalb der russische Energieriese es an die Ukraine zu 179,5 Dollar je 1000 Kubikmeter weiterverkaufen wird.

    Die Meinung des Verfassers muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren