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    Teufelswerk oder Chance: Hat der Klon eine Zukunft?

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    MOSKAU, 06. Februar (Tatjana Sinizyna, RIA Novosti). Auf der Erde leben über drei Millionen "Menschen aus dem Reagenzglas", die mittels Reproduktionstechnologien der Biomedizin zur Welt gekommen sind.

    Diese Zahl wurde auf dem Internationalen Kongress "Reproduktive Gesundheit der Familie" Ende Januar in Moskau genannt. Sie zog die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern aus 18 Staaten auf sich. Die erste unter den "ungewöhnlich Geborenen" war die Engländerin Louise Brown, die in diesem Juli 30 Jahre alt wird. Ihre Geburt war damals weltweit eine Nachricht mit Schockwirkung. Doch schon sehr bald wurde die Methode der Hilfsreproduktion in vielen Ländern angewandt.

    Die Kirche protestierte, dass "dieser Eingriff ins Allerheiligste ernste Folgen für die Menschheit haben kann". Auch ein Großteil der Gesellschaft lehnte die Ersatzmutterschaft ab. Trotz alledem reiften Ideen in der Biotechnologie heran und entwickelten sich.

    Die Zahl der Anhänger dieser Wissenschaftsrichtung ist auch heute geringer als die ihrer Gegner. Die Gegenargumente sind hauptsächlich ethischer Art. Der Biomedizin wird vorgeworfen, sie vergreife sich an der "Vorsehung Gottes". Aber die Kirche, die vor dreißig Jahren, als Louise Brown das Licht der Welt erblickte, keinen Kompromiss duldete, neigt heute zunehmend zur Toleranz: Was soll sie mit den nicht nach "Gottesregeln" Geborenen tun, wenn ihnen nicht den Segen erteilen? Sie sind an nichts schuld und sollen sich in der Gesellschaft nicht als Außenstehende fühlen.

    Professor Gennadi Suchich, Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums für Geburtshilfe, Gynäkologie und Perinatologie und Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, betonte in seinem Kommentar zum "ethikwidrigen" Charakter der Biotechnologien, dass "sich auch in einer noch so 'ethikwidrigen' Frage etwas 'ethisch Gerechtfertigtes' und 'staatlich Notwendiges' finden lässt. Wenn über das Problem des Klonens gesprochen wird, nimmt man oft Zuflucht zu Gott. Meine Meinung: Wenn so etwas wie allgemeine Vernunft existiert, wirkt im Vergleich zu ihr das Klonen - beziehungsweise Aufbau von biologischer Materie - als ein viel zu winziger Teil der Evolution, um einen Effekt von globalen, galaktischen Ausmaßen hervorzurufen", meint der Wissenschaftler. "Wenn man ausschließlich daran denkt, dass die Schaffung eines 'schrecklichen' Klons möglich ist, dann hätte man auch den Effekt der Teilung des Atomkerns oder die Theorie des Vakuums in der Physik nicht nutzen dürfen, sondern wäre lieber gleich in der Steinzeit geblieben."

    Die Biomedizin besiegt die öffentliche Meinung stillschweigend, weil ihren Erfolg Probleme bestimmen, die die Zivilisation angehäuft hat. Hat nicht die Zivilisation den Kult der sinnlichen Genüsse geschaffen und ad absurdum geführt? Männer und (besonders!) Frauen werden durch die "Freiheit der Sitten" und das frühe und unredliche Geschlechtsleben verstümmelt. All das erschöpft die eigentliche Natur, und sie weist Störungen bei der Ausübung der Fortpflanzung des Menschengeschlechtes auf.

    Heute hat jedes sechste Ehepaar in der Welt Probleme, Kinder auf die Welt bringen. Auch die russischen Statistiken sind unerfreulich: Das Land zählt über acht Millionen sterile Ehepaare, dabei steht es um die demographische Situation keineswegs zum Besten. Die Behörden fanden sich mit der Wirklichkeit noch vor 15 Jahren ab und führten eine neue Bestimmung in die russische Gesetzgebung über den Gesundheitsschutz der Bürger ein: "Jede volljährige Frau im Fertilitätsalter hat Recht auf künstliche Befruchtung und Implantation eines Embryos."

    Die giftspritzende Presse hat Louise Brown und ihresgleichen "Retortenenkel" genannt. Ich sehe mir das Gesicht von Louise an, die vom Bildschirm im Konferenzsaal der Russischen Akademie der Wissenschaften, in dem der Kongress stattfand, herunterlächelt: Eine Frau wie jede andere auch. Mütterlich zärtlich drückt sie das Kind an die Brust, das wohlgemerkt auf herkömmliche Weise geboren wurde.

    Der "Clou" des Programms der wissenschaftlichen Konferenz waren Mitteilungen über die jüngsten Entwicklungen in der Zellentechnologie. Die Wissenschaftler forderten dazu auf, dass mehrere Staaten in diese Richtung zusammen arbeiten sollten. Doch eine noch so beeindruckende wissenschaftliche Leistung in der Biotechnologie kann in der Klonophobie, dieser massiven Angst vor dem möglichen Klonen eines Menschen, stecken bleiben.

    Das geschieht natürlich nicht morgen: Überall in der Welt ist das reproduktive Klonen des Menschen verboten. Aber die Zellentechnologien, die Wunder wirken können, wären auch schon heute von großem Nutzen, allerdings in einer anderen, stark anfordernden Richtung: im Gesundheitswesen. Darauf weist Akademiemitglied Gennadi Suchich hin: "Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Stammzellen auch außerhalb des Klonens eine Reihe interessanter Möglichkeiten bieten. Sie können der Medizin auf den Weg zur Heilung von fatalen Erkrankungen verhelfen: von Herzinfarkt, Insult, multipler Sklerose, onkologischen Erkrankungen, seniler Demenz und anderen."

    Es sei nicht rational, wissenschaftliche Ideen und Forschungen zu verbieten, sagt der Wissenschaftler. Er sieht in der Entwicklung der Biomedizin und der reproduktiven Technologien das Streben, mehr über Lebenssysteme zu erfahren. Schon deshalb, weil der Krebs nach wie vor nicht in Griff zu bekommen ist. Verlockend ist außerdem die Möglichkeit der Lebensverlängerung und des Kurierens von derzeit unheilbaren Krankheiten.

    Die Wissenschaftler träumen von der Entwicklung von "Ersatzteilen" für den menschlichen Organismus, um die Möglichkeit für seine umfassende "Renovierung" zu haben wie bei Autos, Flugzeugen und sonstigen technischen Systemen. Auf diesem Weg gibt es bereits bemerkenswerte Ergebnisse: Mit Hilfe von Stammzellen werden Organprothesen konstruiert, in den USA ist bereits ein Menschenherz geschaffen worden. Von einem solchen "Ersatzteil" träumte der berühmte Herzchirurg Valeri Schumakow, der vor kurzem verstorben ist.

    Die Konstrukteure des lebendigen Herzens haben nur noch eine Aufgabe zu lösen: die der immunen Kompatibilität. Wie kann ein neuer "Ersatzteil" dem Organismus am besten „eingebaut“ werden? Am Vernünftigsten scheint die Idee einer "Genbank", in der ein Mensch im "blühenden" Alter sein Zellenmaterial deponieren könnte, damit es notfalls bei Erkrankung, Trauma, Organverlust genutzt werden kann. Möglicherweise wird es in Zukunft genau auf diese Weise vor sich gehen.

    Bisher sind die "Retortenbabys" die bekannteste Errungenschaft der Biomedizin. Doch ist die Methode der außerkörperlichen Befruchtung bei weitem nicht vollkommen. Akademiemitglied Suchich setzt sich für eine neue aussichtsreiche Richtung ein: für Zellentechnologien, die es erlauben, die Geburtenzahlen zu beeinflussen und die Zahl der gesunden Kinder zu erhöhen. Gerade diese Technologien ermöglichen eine Korrektur an den genetischen Störungen der Frucht. Eine solche Arbeit wird in Russland bereits geleistet.

    Und doch bleibt die Frage, ob das reproduktive Menschenklonen möglich sei, im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Auf dem Kongress wurde darauf mit einem deutlichen Ja geantwortet und sogar betont: "Ein solcher Schritt muss von verantwortungsbewussten Ländern und um edler Ziele willen getan werden. Es gilt nur, den ethischen Aspekt des Problems tiefgründiger zu erforschen und eine Rechtsbasis zu schaffen." Vor allem aber, sagen die Wissenschaftler, ist es notwendig, die Dogmen zu zerschlagen. Sie stoppen wissenschaftliche Forschungen in diese Richtung, aber nicht das Denken der Wissenschaftler.

    Es graut einem tatsächlich bei dem Gedanken, dass eine "neue Sorte" von Menschen erscheinen könnte, Menschen ohne den üblichen Satz der Werte, ohne historisches Gedächtnis der Menschheit. Menschen, die für uns, die wir heute leben, unbegreifbar sind und uns möglicherweise sogar feindlich gegenüberstehen. Aber Optimisten denken da anders: Wie wäre es, wenn die Giganten des Denkens, die ein Phänomen wie das "Retortenbaby" zuwege gebracht haben, auch einen Menschentyp von höherer Ordnung schaffen: einen körperlich idealen, intellektuell hoch entwickelten und zugleich tadellos humanen und moralischen Menschen?

    Die Meinung der Verfasserin muss nicht mit der von RIA Novosti übereinstimmen.

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