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    Atomkraft in Russland? Ja danke!

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    MOSKAU, 15. Mai (Tatjana Sinizyna, RIA Novosti). Die Protestklage gegen die Schließung des Atomkraftwerks lautete: „Wir wollen reine Luft und weißen Schnee.“

    Die Bewohner von Schelesnogorsk, einer Taiga-Stadt mit 100 000 Einwohnern, haben ahnungslos Geschichte der russischen Atombranche geschrieben. Nach Angaben des Generaldirektors der staatlichen Atomholding Rosatom, Sergej Kirijenko, hat das Ressort zum ersten Mal in seiner Geschichte keinen Protestbrief gegen den geplanten Bau eines Atomkraftwerks, sondern eine Klage erhalten, dass der AKW-Reaktor außer Betrieb genommen und kein neuer gebaut wird.

    „Unsere Stadt ist es gewohnt, reine Luft zu atmen und im Winter weißen Schnee zu sehen, doch die Atomreaktoren werden geschlossen und ein kohlebetriebenes Wärmekraftwerk errichtet“, trauern die Verfasser der Klage, Vertreter der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Organisationen in Schelesnogorsk. „Heute bestehen keine Zweifel, dass Atomkraftwerke umweltfreundlicher und günstiger sind als Wärme- oder Wasserkraftwerke“, betonen sie. Die Bewohner von Schelesnogorsk setzen sich gegen den Wärmekraftwerk-Bau und für den Erhalt des Reaktors von Gornochimitscheski Kombinat (Bergchemiekombinat) oder die Errichtung eines neuen nuklearen Energieblocks ein.

    Doch es ist unmöglich, die Stilllegung des Reaktors in Schelesnogorsk noch zu stoppen: Er muss nach dem russisch-amerikanischen Abkommen über die Konversion von Doppelfunktions-Plutoniumreaktoren von 1997 bis 2010 außer Betrieb gesetzt werden. Das kann nicht mechanisch erfolgen, da der Reaktor nicht nur militärisches Plutonium herstellt, sondern auch Schelesnogorsk und das benachbarte Sosnowoborsk mit Energie versorgt. Die Amerikaner haben die Baukosten des Wärmekraftwerks, gegen das sich die Stadtbewohner so vehement wehren, auf sich genommen. Die Städter halten das für „einen Rückschritt“. Außerdem ist der Standort für das Wärmekraftwerk äußerst unglücklich gewählt: Der Wind weht größtenteils vom Kraftwerk in die Stadt.

    Das „Atomlobby“ von Schelesnogorsk ist ein Anzeichen dafür, dass die Russen, die mehr als zwei Jahrzehnte lang an einer ausdrücklichen Radiophobie (Angst vor Strahlung) litten, die Befürchtungen allmählich loswerden. Davon zeugt nicht nur das Einzelbeispiel von Schelesnogorsk, sondern auch die Ergebnisse von umfassenden Umfragen, die verschiedene Zentren für öffentliche Meinungsforschung systematisch durchführen. Die Schlussfolgerungen weisen auf eine allgemeine Tendenz hin: das Ansehen der Atomenergie, das von Tschernobyl hoffnungslos beschädigt schien, verändert sich in den letzten zwei Jahren plötzlich zum besseren.

    Die Situation wird oft damit verbunden, dass die Gesellschaft den Kurs auf eine Energie-Supermacht unterstützt, den Wladimir Putin bereits 2000 festgelegt hat. Die überwältigende Mehrheit der Russen hat keinen Zweifel daran, dass die vorrangige Wntwicklung der Energiewirtschaft den nationalen Interessen völlig entspricht. Fast die Hälfte der Russen sieht keine Alternativen für die Atomkraft als Energiequelle für den Fall, dass die Öl- und Gasvorräte aufgebraucht werden sollten.

    Die „nukleare Renaissance“, die von der globalen Energiekrise genährt wurde, hat eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Atombranche gespielt. Die jüngste Meinungsumfrage des Lewada-Zentrums hat beeindruckende Ergebnisse an den Tag gelegt. Nur fünf Prozent der Russen sind kategorisch gegen die Atomkraft. Die meisten Befragten antworten entweder zugunsten des Erhalts der Atomenergie auf aktuellem Niveau oder zugunsten ihrer Entwicklung (72 Prozent). Noch vor zwei Jahren betrug dieser Anteil nur ein Drittel im Vergleich zu dem heutigen.

    Ein Ausdruck der staatlichen Politik zur Lösung der Probleme der energiearmen Regionen soll die Errichtung von einem modernen Atomkraftwerk im Gebiet Kaliningrad, der westlichen Exklave von Russland, werden. Doch bevor der Rosatom-Chef Sergej Kirienko und der Gouverneur des Gebiets Kaliningrad, Georgi Boos, das Abkommen dazu unterzeichneten, wurde die Meinung der dortigen Einwohner gründlich erforscht. Die überwältigende Mehrheit (64 Prozent) unterstützten den geplanten AKW-Bau.

    Die „Atomstimmung“ hat sich global verbreitet und das Verhältnis zur Atomenergie überall in der Welt beeinflusst. In Finnland sprechen sich 88 Prozent der Bürger dafür aus. In Frankreich, dessen Stromnetz bereits zu 87 Prozent mit Atomenergie versorgt wird, geben 80 Prozent der Bürger den Atomkraftwerken grünes Licht. Genauso hohes Rating genießen nukleare Projekte in Großbritannien, Südkorea, China und Japan. Gleichzeitig haben einige Länder eine besondere Meinung. Belgien, Deutschland, die Niederlande, Schweden, Österreich, Dänemark und Irland halten sich konsequent an eine Politik der Nichtakzeptanz von nuklearen Energiequellen.

    Wie rational die beiden Meinungen sind, wird sich mit der Zeit herausstellen.

    Die Meinung der Verfasserin muss nicht mit der der RIA Novosti übereinstimmen.

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