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    Kosovo: Der Glaube an den Glauben

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    MOSKAU, 28. Mai (RIA Novosti). Die EU sucht weiter nach Wegen, um Belgrad davon zu überzeugen, auf den Kosovo zu verzichten.

    Russland hat der zivilisierten Welt ein einzigartiges Beispiel geliefert und beschlossen, den Wiederaufbau der barbarisch zerstörten orthodoxen Heiligtümer im Kosovo zu unterstützen. Soeben ist der stellvertretende Vorsitzende des Föderationsrates (Oberhaus des russischen Parlaments), Alexander Torschin, aus der durch den Krieg zerstörten serbischen Provinz zurückgekehrt.

    In einem Interview mit einem Korrespondenten der „Rossijskaja gaseta“ (RG) berichtet er, welche Hilfe Russland dem verwüsteten Land erweisen kann.

    RG: Fünf Jahre lang wurde kein einziger russischer Bürger in den Kosovo gelassen. Wie sind ihre Eindrücke von den dortigen Ereignissen?

    AT: Ich habe den Kosovo als Chef der Beobachtermission der Interparlamentarischen Versammlung der Mitgliedsländer der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) besucht. Was mich erstaunt hat, war die Fülle an Kriegstechnik und an Menschen in Militäruniformen. Sogar in Tschetschenien habe ich in den schlechtesten Zeiten nicht eine solche Konzentration an Kriegstechnik gesehen.

    Das KFOR-Kontingent wurde speziell für die Unterstützung der Sicherheit im Kosovo unter der Schirmherrschaft der Uno geschaffen. Diese Kräfte haben keine einheitlichen Richtlinien, sogar die Helme sind unterschiedlich. Es ist schwer zu verstehen, wie diese verschiedenartigen Truppen geführt werden. Mir schien, die Region ist im Grunde in Besatzungszonen unterteilt und vor allem natürlich von den Truppen der Nato-Länder.

    Bei der Ausreise aus der Stadt Kosovska Mitrovica fiel mein Blick auf drei deutsche Schützenpanzerwagen mit schwarzen Kreuzen an den Seitenwänden. Das Aussehen der deutschen Soldaten hat mich geschockt. Sie hätten Bärte wie die Mudschaheddin, unglaublich. Ich habe zum ersten Mal solche Soldaten der Bundeswehr gesehen.

    RG: Das äußere Erscheinungsbild ist nicht das wichtigste. Ausschlaggebend ist, ob diese Kräfte die Sicherheit der Zivilbevölkerung garantieren können.

    AT: Eine echte Gefahr besteht für die Serben, die in der Region geblieben sind, meiner Ansicht nach nicht. Es ist unwahrscheinlich, dass die Zerstörung der orthodoxen Kirchen weitergehen wird. Die Albaner und die westlichen Schutzherren verstehen immerhin, dass bereits genug Gesetzlosigkeit herrschte.

    RG: Glauben Sie, dass die örtlichen Behörden alles tun werden, um die Anspannung nicht zu verschärfen?

    AT: Ich denke, ja. Obwohl auch hier jede Medaille zwei Seiten hat. Es gibt keine Angriffe auf die Serben. Doch wie sollen sie leben? Sie erkennen die Unabhängigkeit des Kosovo nicht an und werden keinen Pass und keine kosovarische Staatsangehörigkeit erhalten. Ohne Pass werden sie jedoch keine Arbeit bekommen. Sie sind faktisch nicht die Bürger des eigenen Landes und rechtlose Arbeitslose. Es ist eigenartig, dass sich jedoch keiner von ihnen über sein Schicksal beschwert hat. Es scheint mir, dass viele Bürger bereit sind, für die europäische Zivilisation ihren Nationalstolz aufzugeben.

    RG: Wie lebt der Kosovo generell?

    AT: Eigenartigerweise nicht schlecht. Ich spreche jetzt natürlich nicht von den Serben. Es gibt keine Industrie im Land, doch es werden Luxushäuser aus dem Boden gestampft. Ich würde sagen, im Kosovo herrscht ein Bauboom.

    RG: Wer finanziert das? Der Drogen- und Waffenhandel oder die europäische Geldwäsche?

    AT: Nicht nur. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, dass an den Straßenrändern auf dem Weg nach Pristina große Autofriedhöfe liegen. Es handelt sich um Autos, die in ihre Einzelteile zerlegt wurden. Daneben gibt es Autowerkstätten, die ebenfalls über eine Menge von Ersatzteilen verfügen. Was das für Autos sind, ist mir klar. Sie werden in ganz Europa gestohlen.

    RG: Wozu braucht Europa solch einen Kriminalitätsherd?

    AT: Das ist mir schleierhaft.

    RG: Hat Russland in dieser Situation die Möglichkeit, den Serben zu helfen? Ist es für Russland überhaupt sinnvoll, sich in diese Situation einzumischen?

    AT: Ich denke, das Wichtigste ist jetzt, von einer Zuspitzung der politischen Ambitionen Abstand zu nehmen und unseren diplomatischen Kurs auf die Wiederherstellung der Völkerrechtsnormen im Rahmen der Uno und anderer diplomatischer Formate fortzusetzen. Im Kosovo selbst muss der Akzent auf die Erfüllung von konkreten Aufgaben gesetzt werden. Dabei handelt es sich unter anderem um die Realisierung von wirtschaftlichen Projekten in Zusammenarbeit mit den russischen Regionen: Die Förderung des kleinen und mittelständischen Unternehmertums und die Entwicklung der Infrastruktur in den Gebieten, die mehrheitlich von Serben bevölkert sind.

    Außerdem ist es wichtig, die Kooperation in Bezug auf Hoch- und Berufsschulen auszubauen. In diesem Zusammenhang ist die Pristinaer Universität ein aussichtsreicher Partner. Der Rektor der Universität hat geäußert, an der Aufnahme von direkten Kontakten mit unseren Hochschulen interessiert zu sein.

    Dabei handelt es sich um die Lieferung von Lehrausstattungen und die Organisation von Studienreisen für Professoren und Studenten. Es wird bereits ein Abkommen zwischen der Pristinaer Universität und dem Puschkin-Institut für Russische Sprache ausgearbeitet, in Planung ist ein Abkommen mit der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität.

    RG: Sollte sich Russland am Wiederaufbau der Kirchen beteiligen und ist das im Kosovo möglich?

    AT: Es ist kein Geheimnis, dass die von der Ziviladministration der Uno deklarierte Politik des Wiederaufbaus der kulturellen und historischen Denkmäler im Kosovo ernsthafte Lücken hat. Wie kann man auch erfolgreich sein, wenn einige Länder, die sich an diesem Programm beteiligen, selbst offen die Interessen und religiösen Gefühle der nicht albanischen Bevölkerung verletzen? Ein Beispiel dafür ist der fortschreitende Bau eines Gebäudekomplexes der US-amerikanischen Botschaft in der Nähe eines serbischen Friedhofes - buchstäblich auf den Gebeinen der Toten.

    In diesem Zusammenhang können unsere Bemühungen die Situation kardinal verbessern. Es darf nicht zugelassen werden, dass das orthodoxe Christentum im Kosovo und in Metochien ausgemerzt wird, Regionen, die von jeher als der Mittelpunkt der Orthodoxie von ganz Serbien gelten.

    Auf Russland wird Hoffnung gesetzt, was mir die religiöse und gesellschaftliche Autorität im Kosovo, Bischof von Raszien-Prizren, Artemije, gesagt hat. Den Anfang könnten Pilgerreisen von russischen Orthodoxen nach Kosovo und Metochien bilden. Dort befindet sich das Kloster Visoki Decani (Metochien) und das Kloster Gracanica. Zudem könnten sich russische Mönche am Wiederaufbau der örtlichen Heiligtümer und Gotteshäuser beteiligen.

    RG: Und wie steht es um die finanzielle und technische Zusammenarbeit?

    AT: Es müsste die Einrichtung eines speziellen nichtstaatlichen Fonds in Erwägung gezogen werden. Vorzuziehen wäre ein internationales Format, in dem nicht nur Russland, sondern auch westliche christliche Großmächte wie Italien und Spanien - die Friedenskräfte in den Kosovo entsandt haben - die moralische Verantwortung für das Schicksal der Christen in dieser Region spüren.

    Warum sollten außerdem im Kosovo nicht Jugend-Sommercamps organisiert werden, bei denen nicht nur den Serben geholfen wird, sondern auch die junge Generation der Russen patriotisch erzogen wird.

    Hintergrundkommentar

    Der 27. Mai war der 100. Tag nach der einseitigen Ausrufung der Unabhängigkeit des Kosovo.

    Seitdem haben nur 41 Staaten das Völkerrecht negiert und sich dazu entschlossen, den Kosovo als unabhängigen Staat anzuerkennen. Rund 150 Staaten halten diese Region jedoch weiterhin für einen untrennbaren Teil Serbiens.

    Was wird aus den Serben, die trotz der täglichen Bedrohungen seitens der albanischen Bevölkerung der Region, nicht vorhaben, den Kosovo zu verlassen? Für die serbischen Bürger ist das Kosovo-Feld nicht weniger heilig, als für die Russen das Kulikowo-Feld. Haben sich Russlands Befürchtungen in Bezug auf den Präzedenzfall Kosovo bewahrheitet?

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